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Göttingen Mühlenstraße: Kein Kompromiss zwischen Stadt Göttingen und Investor
Die Region Göttingen Mühlenstraße: Kein Kompromiss zwischen Stadt Göttingen und Investor
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19:54 13.09.2013
Von Michael Brakemeier
Zoff im Viertel: Der Investor will den Innenhof großflächig bebauen und ein Haus in der Mühlenstraße abreißen. Quelle: Meder
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Göttingen

„Gemeinsame Planungsinteressen“ würden nicht mehr verfolgt, heißt es zerknirscht aus dem Rathaus. „Keine sehr erfreuliche Entwicklung“, kommentierte dann auch Stadtplanerin Karen Hoffmann in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses. So sei es nicht gelungen, den Investor etwa von den Abrissplänen für das Haus Mühlenstraße 4a, das nicht unter Denkmalschutz steht, abzubringen.

Weiterhin plant der Investor den Abriss des unter Ensembleschutz stehenden Nebengebäudes der Weender Straße 47, um im Hinterhof größere, eingeschossige, zusammenhängende Einzelhandelsflächen zu schaffen.

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Ob der Abriss für das Nebengebäude genehmigt wird, hängt von einem bauhistorischen Gutachten ab, dessen Ergebnis für Ende September erwartet wird.

Weder Bauantrag noch Abrissanträge

Verwaltungssprecher Hartmut Kaiser erläutert zwei mögliche Szenarien: „Falls der Abrissantrag für das Nebengebäude Weender Straße 47 vom Landesamt für Denkmalpflege genehmigt wird, wird der Investor diese Fläche in seine Entwicklung mit einbeziehen. Falls es nicht zur Genehmigung des Abrisses kommt, wird er sozusagen um das denkmalgeschützte Nebengebäude Weender Straße 47 herum bauen.“

Derzeit liegen der Verwaltung aber weder Bauantrag noch Abrissanträge für beide Gebäude vor.

Rechtlich, so machte Stadtbaurat Thomas Dienberg, im Ausschuss deutlich, seien der Stadt die Hände gebunden. Für das Gebiet gebe es einen rechtsverbindlichen Bebauungsplan. Daran wolle sich der Investor halten. Bereits im März hatte der Investor verschiedene Bauanträge eingereicht.

Aus Prinzip keine Interviews

Diese entsprachen den Festsetzungen und wurden somit positiv beschieden. Städtebauliche Gründe, die die Stadt für eine Änderung des Bebauungsplanes anführen könnte, gibt es laut Dienberg nicht. Dem Vorschlag der Stadt, die Einzelhandelsflächen nach Süden zu verlagern folgte der Investor nicht.

2011 hatten Jünemann und seine Immobilienfirma (Quadra Holding) einen Großteil der Gebäude in dem Viertel (Weender Straße 43-47, Prinzenstraße 10-13, Stumpfebiel 11 / 13 und Mühlenstraße 4 / 4a) von der Allianz gekauft.

Zu dem Stand der Planungen will sich Jünemann gegenüber dem Tageblatt nicht äußern. Man gebe aus Prinzip keine Interviews, heißt es dazu lapidar aus der Firmenzentrale im Feuerschanzengraben.

Fest steht offenbar nur, dass der Drogerieriese Rossmann mit einer neuen Filiale in das Haus Weender Straße 47 einziehen will, wie Rossmann bereits im Februar bestätigte. Ungewiss ist, wie sehr der Biergarten des Irish Pub von den geplanten Neubauten betroffen ist.

Inzwischen sollen nach Tageblatt-Informationen einige Mieter in der Mühlenstraße 4a die Kündigung ihrer Mietverträge erhalten haben.

►Kommentar: Im stillen Kämmerlein

Hauptsache plattmachen. Und der Politik und Verwaltung sind die Hände gebunden. Der Göttinger Investor, dem ein Großteil der Gebäude in dem Innenstadtviertel zwischen Mühlen- und Prinzenstraße, zwischen Stumpfebiel und Weender Straße gehört, kann sich auf geltendes Recht berufen und munter abreißen und bauen, wie es der Bebauungsplan hergibt.

„Desillusionierend“ nannte das ein Ratspolitiker im Bauausschuss. Hier der l-förmige Anbau, dort der Abriss eines Hauses, das erst vor wenigen Jahren vom Vorbesitzer saniert wurde und sich prima in den Straßenzug einpasst, sowie ein weiterer Neubau im Stumpfebiel, gleich neben dem Irish Pub.

Und der wäre massiv bedroht, rückten ihm die Neubauten zu dicht an den beliebten Biergarten. Wer wollte, eingezwängt zwischen Betonfassaden, dort noch sein Guiness genießen? Dass der Investor bislang seine Pläne nur im stillen Rathauskämmerlein vorgestellt hat, das Gespräch mit dem betroffenen Mietern aber offenbar meidet, lässt das Schlimmste befürchten.

Heute fürchtet einer der wenigen Biergärten der Stadt um seine Existenz, morgen mit dem Exil in der Prinzenstraße vielleicht eine der letzten Göttinger Live-Bühnen.