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Göttingen Interview zur Deutschland Tour: Jens Voigt über Nachwuchs im Radsport
Die Region Göttingen Interview zur Deutschland Tour: Jens Voigt über Nachwuchs im Radsport
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12:55 22.08.2019
Jens Voigt, Botschafter der kinder+sport mini tour bei der Bike Parade Quelle: Daniel Löb
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Göttingen

Die Deutschland Tour steht in den Startlöchern: Das größte Radrennen der Bundesrepublik beginnt am 29. August. Die Radsportelite wird auch durch Südniedersachen fahren, da Göttingen Zielort der zweiten und Startpunkt der dritten Etappe zugleich ist.

Radsportikone Jens Voigt (47) kennt alle Facetten des Rennens. Als einziger Fahrer konnte er die Deutschland Tour zweimal für sich entscheiden. Die diesjährige Tour begleitet Voigt mit einem Projekt, das junge Menschen zum Radfahren motivieren soll. Das Tageblatt hat mit dem 17-maligen Teilnehmer der Tour der France über seine Karriere, die aktuelle Situation des Radsports und die Favoriten bei der Deutschland Tour gesprochen.

Sie haben ihre aktive Karriere nach der 17. Teilnahme an der Tour de France im Jahr 2014 beendet. Wie sind Sie heute noch mit dem Radsport verbunden?

Ich arbeite unter anderem bei der Tour Down Under in Australien und der Tour of California in den Vereinigten Staaten mit, bin während der Tour de France als Kommentator für das amerikanische Fernsehen tätig und bin Markenbotschafter für Trek-Fahrräder. Dadurch bin ich viel unterwegs, habe noch viel mit dem Radsport zu tun, bin aber froh, nicht mehr selbst fahren zu müssen.

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Sie sind 1971 in Grevesmühlen, in der damaligen DDR geboren und aufgewachsen. Wie haben Sie als junger Mensch zum Radsport gefunden?

Ich war ein recht wildes Kind, mit viel Energie. Die Lehrer kamen zu meinen Eltern und meinten, ich müsste irgendeinen Sport machen. Ich habe dann Fußball gespielt, war aber nie wirklich gut darin. Der lokale Radverein kam irgendwann und hat sich vorgestellt. In der DDR hat der Staat ja den gesamten Sport gezahlt, der Verein hat gesagt: Jeder, der bei uns mitmacht, bekommt ein Rennrad. Ich war zehn Jahre alt, meine Eltern hatten kein Auto, und dann bekam ich ein Fahrrad geschenkt – da war ich total begeistert. Das hat natürlich auch meinen Aktionsradius vergrößert, ich konnte plötzlich meine Freunde im Nachbardorf besuchen. Nachdem ich drei Wochen trainiert habe, bin ich mein erstes Rennen gefahren und habe sofort gewonnen, dadurch bin ich dabeigeblieben.

Wie ging es nach diesen ersten Erfolgen weiter? Wann wurde Ihnen bewusst, dass aus dem Jungen, der ein Fahrrad geschenkt bekam, ein Radsportprofi werden könnte?

Im Alter von 13 Jahren habe ich mich für ein Sportschulprogramm qualifiziert und bin von der Ostseeküste nach Berlin gezogen, wo ich im Internat mit all den anderen Sportlern zusammengelebt habe. Nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung bin ich dann in der gesamtdeutschen Bundesliga gefahren und wurde in die Nationalmannschaft berufen. 1994 habe ich schließlich den Amateur-Weltcup gewonnen. Da dachte ich: Mensch, daraus könnte ich eine Karriere und einen Beruf machen…

…und Sie haben es gemacht. Heute blicken Sie auf eine lange Karriere zurück, ihr Name steht untrennbar in Verbindung mit dem Sport. Gibt es einen besonderen Moment in ihrer Karriere, der heraussticht?

Ein sehr schöner Moment war, als wir 2008 die Teamwertung der Tour de France gewonnen haben. Das war eines der wenigen Jahre, wo wir alle neun Fahrer nach Paris gebracht haben. Auf der Champs-Élysées in Paris standen wir auf diesem langen Podium, die untergehende Sonne, der Triumphbogen im Hintergrund, vor uns die gesammelte Weltpresse, alle machten Bilder – es ist für mich eigentlich kaum zu beschreiben. Schöner konnte es nicht sein. Dieser Moment kommt mir jedenfalls direkt in den Sinn.

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Der Radsport hatte in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Doping-Skandalen zu kämpfen, das verursachte ein immenses Image-Problem. In welcher Verfassung befindet sich der Radsport derzeit?

Sie sprechen es an, wir haben schwere Zeiten hinter uns. Wir haben uns viele dieser Probleme auch selbst zuzuschreiben und sind sie anfangs nicht ernsthaft genug angegangen. Daraus haben wir gelernt. Ich denke, wir haben den Doping-Sumpf trockengelegt. Der Sport ist in einem viel besseren Zustand. Das organisierte Doping, den Vorgang, dass 40 oder 50 Fahrer zum selben Arzt rennen, gibt es nicht mehr. Es kommt jetzt ein Haufen junger Menschen nach oben, die ganz anders groß geworden sind. Die haben das Drama um Lance Armstrong und die Fuentes-Affäre in Spanien mitbekommen. Für die ist Doping ein No-Go.

Wie stellt sich die Situation des Radsports in Deutschland dar?

Die Deutschland Tour kommt zurück und ich hoffe auch noch ein paar weitere Rennen. Wir erleben auch bei den Fahrern einen Generationenwechsel. Junge Fahrer wie Pascal Ackermann, Maximilian Schachmann oder Nils Politt drängen nach oben. Vor diesem Hintergrund muss einem in Hinblick auf die sportliche Qualität sowie das Image des deutschen Radsports nicht bange sein.

Sie sprechen die Deutschland Tour an. 2008 wurde die wichtigste Rundfahrt des Landes eingestellt. Nun steht die zweite Auflage nach der Wiedereinführung im vergangenen Jahr bevor. Welches Potenzial steckt in diesem Rennen?

Die Tour de France und in Teilen auch die Veranstalter der Tour of California sind dort mit an Bord. Das sind nicht nur wirtschaftlich potente Partner, sondern auch Partner, die viel Erfahrung haben. Ich denke, dass es langfristig nicht das Ziel der Veranstalter ist, bei vier Tagen Renndauer zu bleiben. Ich bin ganz sicher, dass sie irgendwann gerne eine Rundfahrt von Sonntag bis Sonntag hätten – eine ganze Woche Radrennen, darauf hoffe ich. Im Windschatten der Deutschland Tour könnten dann weitere Rennen wiederbelebt werden.

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Sie konnten die Gesamtwertung der Deutschland Tour bislang als einziger Fahrer zweimal gewinnen, 2006 und 2007. Wer geht in diesem Jahr als Favorit ins Rennen?

Da es dieses Jahr erneut eine Austragung ohne Zeitfahren ist, wird es für die Zeitfahrer sehr schwer. Im vergangenen Jahr war es ein knapper Sekundenpoker, die Fahrer blieben nah beieinander. Ähnlich erwarte ich es bei den ersten drei Fahrern auch jetzt. Jede Bonussekunde ist wichtig, das macht das Rennen zwar stressig für die Fahrer, aber für die Zuschauer interessanter. Ich glaube, dass Nils Politt und Maximilian Schachmann, die im vergangenen Jahr Zweiter und Dritter waren, wieder um den Sieg fahren werden.

Wenn der Startschuss näher rückt, steigt die Spannung – bei Zuschauern und Fahrern. Wie haben Sie in Ihrer aktiven Zeit die letzten Tage und schließlich die letzten Augenblicke vor Beginn eines Rennens erlebt?

Eine alte Radsportler-Weisheit besagt: In den letzten drei Tagen vor einem Event kann man sich nicht mehr in Form bringen, aber sehr wohl in Grund und Boden trainieren. Das Risiko, das man zu motiviert ist, existiert. Deshalb trainiert man bis drei oder vier Tage vor dem Wettkampf und legt dann eine Ruhephase ein, damit man frisch am Start steht. Jeder hat seine eigene Art und Weise, mit der freien Zeit bis zum Start umzugehen. Ich habe immer Bücher gelesen, andere haben die Spielekonsole auf dem Zimmer oder haben am Telefon Quatsch mit der Familie gemacht. Am Morgen vor dem Rennen fühlte ich mich immer wie eine aufgeladene Stahlfeder, da ich die ganze Energie in mir hatte. Ich wollte die Energie endlich entladen. Und dann konnte ich wieder das machen, was ich am besten kann: Fahrrad fahren.

Sie sind bei allen Etappen der diesjährigen Deutschland Tour dabei und begleiten die „kinder+sport mini-tour“, wo Kinder unter anderem ihre Fähigkeiten verbessern können. Was motiviert Sie zu der Arbeit mit den jungen Menschen?

Meine Frau und ich haben sechs Kinder, die auch alle Fahrrad fahren. Da merkt man, wie viel Spaß Radfahren macht, aber auch, wie wichtig es ist, grundlegende Fahrtechniken und Sicherheitsaspekte zu vermitteln: Helm tragen, an der Ampel stehen bleiben, links, rechts, links gucken, die wichtigsten Vorfahrtsregeln kennen. Bei der mini-tour haben wir viele Stationen, Parcours und Simulationen dabei, die den Kindern helfen, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse zu verbessern. Am Ende bekommen sie einen kleinen Fahrradführerschein. Darüber hinaus gibt es noch das Laufradrennen für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sowie die Bike Parade für Sechs- bis Zwölfjährige.

Warum ist es wichtig, jungen Menschen Radfahren beizubringen?

Radfahren begleitet einen durch das gesamte Leben: Jedes Kind auf dem Fahrrad wird mal ein Student auf dem Fahrrad, der damit zur Uni fährt. Der Student wird zum Arbeiter, der mit dem Rad zu seiner Arbeitsstelle fährt. Selbst meine Großmütter sind noch Fahrrad gefahren. Jedes Rad auf der Straße bedeutet weniger Autos. Das macht für alle das Leben schöner und einfacher.

Sie erreichen den Autor per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de.

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