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Göttingen JT fehlen bis zu 300 000 Euro
Die Region Göttingen JT fehlen bis zu 300 000 Euro
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21:17 08.07.2010
Es geht um mehrere 100 000 Euro: Das Junge Theater Göttingen wird von einem Betrugsskandal erschüttert und muss heute Insolvenz anmelden.
Es geht um mehrere 100 000 Euro: Das Junge Theater Göttingen wird von einem Betrugsskandal erschüttert und muss heute Insolvenz anmelden. Quelle: Hinzmann
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Das bestätigte Oberstaatsanwalt Hans Hugo Heimgärtner gestern gegenüber dem Tageblatt. Ein Verantwortlicher des JT habe Anzeige erstattet. Der Verbleib von Geldern in einer Größenordnung von möglicherweise 300 000 Euro sei ungeklärt, hieß es. Gegen wen ermittelt wird, sagte Heimgärtner nicht.

Nach Angaben von Frank-Peter Arndt, Vorsitzender des JT-Aufsichtsrates, sei man jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach von „einer Einzelperson“ getäuscht worden, die beim JT „in der Buchhaltung“ arbeite. Ob es „Zuarbeiter“ gegeben habe, könne er nicht sagen. Eines indes sei klar: „Wir sind einem großen Betrug aufgesessen“, sagte Arndt. Dem Aufsichtsrat als Kontrollgremium und dem geschäftsführenden Intendanten Andreas Döring seien wohl schon „seit mehreren Jahren gefälschte Unterlagen vorgelegt worden, was die wirtschaftliche Situation des Hauses angeht“. Dadurch sei „massiv Geld veruntreut“ worden, sagte Arndt. „Wir sind alle völlig schockiert.“ Vor allem vor dem Hintergrund, dass das JT erst vor einigen Jahren mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte (siehe Kasten).

Wie es trotz dieser Vergangenheit erneut zu einem solch schweren Rückschlag kommen konnte, darüber zerbrechen sich Arndt und seine sechs Aufsichtsratskollegen sowie Döring die Köpfe. Der Aufsichtsrat sei ja damals installiert worden, „damit sich die Geschichte nicht wiederholt“, erklärte Arndt. „Wir haben die Unterlagen, die wir bekommen haben, nach bestem Wissen und Gewissen kontrolliert. Bisher fanden wir das alles glaubwürdig.“

Das Problem sei wohl gewesen, sagte Arndt, dass man nach dem Neustart einen Wirtschaftsprüfer beauftragt habe und davon ausgegangen sei, „dass die Wirtschaftsprüfung weitergeht“. Ausgerechnet die Unterlagen, die dies auch nahegelegt hätten, seien aber gefälscht gewesen. Eine reale Wirtschaftsprüfung habe es somit nach der ersten tatsächlich nie wieder gegeben.

Der Betrug sei jetzt aufgeflogen, weil die Gehälter für Juni und Juli nicht bezahlt werden konnten. Darüber habe ihn Döring am Dienstag aus dem Urlaub informiert, sagte Arndt. Weitere Nachforschungen hätten dann ergeben, dass das entsprechende Konto überzogen und daher von der Bank gesperrt worden sei. Daher sei das JT „im Moment zahlungsunfähig“. Bereits am Mittwoch habe die Polizei „PCs, Kassen und Akten sichergestellt“, berichtete Arndt.

Gestern Nachmittag befassten sich Vertreter des JT in einer Sondersitzung des Aufsichtsrates mit der prekären Lage. Auch Döring, der dafür seinen Urlaub unterbrochen hatte, war anwesend. Ein Ergebnis: Noch am Freitag soll der Geschäftsführer Insolvenz beantragen. „Wir müssen die Ansprüche des Hauses sichern. Das finanzielle Desaster ist nicht überschaubar“, erklärte Arndt den Schritt. Zudem soll erneut ein Wirtschaftsprüfer beauftragt werden.

Die Stadt Göttingen, die das JT monatlich mit knapp 50 000 Euro bezuschusst, hat derweil ihre finanzielle Unterstützung ausgesetzt. Im Juli habe man noch überwiesen, sagte Sprecher Detlef Johannson. Die Augustzahlung sei aber gestoppt.

Theater-Chronik mit Höhen und Tiefen

4. September 1957

Premiere „Urfaust“ (Mephisto: Horst Wattenberg) im Hause Weender Straße 11.

16. November 1957

Premiere „Warten auf Godot“ als dritte deutsche Bühne. Erste Spielzeit: rund 2000 Besucher.

15. September 1960

Umzug in die Geismarlandstraße 19

bis 1970

Anwachsen der Zuschauerzahl auf 30 000. Neben aktuellem Theater für Erwachsene auch Kinder- und Jugendtheater.

Januar 1975

Umzug in das Otfried-Müller-Haus, Hospitalstraße 6

28. Juni 1982

Tod von „Scheff“ Hans-Gunther Klein. Neuer Intendant wird Guido Huller. Die Sparte Kinder- und Jugendtheater wird ausgebaut.

1988

Otto Schnelling löst Guido Huller als Intendant ab. 1989 steigt die Zuschauerzahl wieder auf knapp 30 000. Schnelling hat vor allem das politische Theater im Blick

1993

Klaus Berg übernimmt die Intendanz, wagt Experimentelles, Unterhaltendes in ungewöhnlichen Formen.

1996

Neuer Intendant für zwei Spielzeiten wird Rolf Johannsmeier. Sein Nachfolger wird – nach einer kurzen intendantenlosen Zeit – Werner Feig.

2001

Thorsten Schilling übernimmt die Intendanz. Das Theater gerät in finanzielle Notlage, meldet Ende 2003 Insolvenz an. Der ehemalige ehrenamtliche Geschäftsführer Horst Wattenberg und Intendant Schilling, sein Mitgeschäftsführer, werden 2005 wegen der Veruntreuung von Sozialabgaben zu Geldstrafen verurteilt.

2004

Am 30. Juni wird die Junges Theater GmbH aufgelöst. Neugründung als gemeinnützige Gesellschaft. Intendant: Andreas Döring.

2007

Großes Theaterfest zum 50-jährigen Bestehen

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