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Göttingen Jahrhunderte der Verwicklungen um Macht, Sex und Liebe
Die Region Göttingen Jahrhunderte der Verwicklungen um Macht, Sex und Liebe
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19:53 08.07.2011
Von Katharina Klocke
Eine von drei Schwestern in Ludwigs Diensten: Marie-Anne de Mailly-Nestlé, gemalt von Jean-Marc Nattier.
Eine von drei Schwestern in Ludwigs Diensten: Marie-Anne de Mailly-Nestlé, gemalt von Jean-Marc Nattier.
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Den außerehelichen Beziehungen berühmter Menschen hat die Autorin Anna Eunike Röhrig ihr im Göttinger MatrixMedia-Verlag erschienenes Buch „Mätressen und Favoriten – ein biographisches Handbuch“ gewidmet.

„Sehr weit gefasst“ hat Röhrig nach eigenem Bekunden die Begriffe „Mätresse“ sowie „Favorit“ als männliches Pendant der Geliebten. Nicht nur in Herrscher- oder Adelshäusern wurden illegitime Bande geknüpft, auch Päpste, Schriftsteller, Politiker und Künstler vom 14. bis zum 20. Jahrhundert aus allen Kulturkreisen fanden Aufnahme in die spannend geschriebene Sammlung von Kurzbiografien. So erzählt die Bibliothekarin von Juliette Drouet, Geliebte des Schriftstellers Victor Hugo, die ihm auch als Sekretärin aushalf, von Dora Maar und Pablo Picasso, von Roxelane und Sultan Süleyman I.

Clara Petacci und Benito Mussolini tauchen ebenso aus der Vergangenheit auf wie Giulia Farnese, von ihren Zeitgenossen als Mätresse von Papst Alexander VI. scherzhaft „Braut Christi“ genannt. Die jüngsten Verwicklungen um Macht, Sex und Liebe sind die von Röhrig geschilderten Ereignisse um den amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton und die berühmteste Praktikantin der Welt, Monica Lewinsky.

In Südniedersachsen spielen im 16. Jahrhundert Teile der Geschichte der Eva von Trott, die ihrem Geliebten Herzog Heinrich dem Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel von 1524 an zehn Kinder gebar. Als Heinrichs Ehefrau Maria von Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel der Zweitfamilie auf die Schliche zu kommen drohte, täuschte Eva in Bad Gandersheim ihren Pesttod vor. Eine lebensgroße Puppe wurde in ihrem Namen bestattet, sie floh auf die Stauffenburg, wo sie neun Jahre lebte.

1541 wurde Maria erneut misstrauisch und wollte den Leichnam der ehemaligen Hofdame exhumieren lassen. Eva von Trott flüchtete mitsamt Kindern auf die Liebenburg bei Goslar. Im gleichen Jahr starb Maria. Der katholische Streiter Heinrich wurde allerdings 1542 während der Reformationszeit inhaftiert und erst 1547 freigelassen. Eva hoffte anschließend vergeblich auf eine Legalisierung der Beziehung. Nach neun Jahren fand der Herzog eine reiche, junge Braut.

Viele der Lebensläufe von Mätressen und Favoriten endeten im gesellschaftlichen Abseits, manche erklommen aber auch zielstrebig die Karriereleiter. Die 1819 in Moskau geborene Esther Lachmann etwa wechselte ihre Liebhaber gekonnt, bis ein Marquis Albino Francisco de Paiva-Araujo sie ehelichte. Mit neuem Namen gab sie dem Gatten nach der Hochzeitsnacht den Laufpass und stürzte sich wieder ins gesellschaftliche Leben. Unter dem Namen „die Paiva“ lernte die Kurtisane 1850 den damals 20-jährigen Guido Graf von Henckel-Donnersmarck kennen. Das Paar heiratete nach 20-jähriger Liaison und lebte 13 Jahre lang glücklich, bis die Gräfin starb. Der Witwer konservierte ihren Körper in Sprititus. Seine zweite Ehefrau fand die in einem Glastank konservierte Leiche bei einem Streifzug durch Schloss Neudeck.

Wurden Ehen in vergangenen Jahrhunderten oftmals aus Kalkül geschlossen, waren viele der Liebschaften Herzensangelegenheiten. Nicht selten hatten die außerehelichen Partner großen Einfluss auf Entscheidungen. Das machten sich Dritte wiederum manchmal zunutze. So schickte König Viktor Emmanuel II. von Savoyen etwa die 1837 in Florenz geborene Virginia Gräfin von Castiglione 1856 an den Hof Napoleons III. nach Frankreich, wo sie die Knüpfung eines Bündnisses tatkräftig unterstützen sollte. Der Plan ging auf. Zwei Jahre lang war Castiglione Mätresse des Franzosenkaisers, bevor sie verabschiedet wurde. Weit länger dauerte ihre Freundschaft zum Hoffotografen Pierre-Louis Pierson, der unzählige Fotografien der schönen Italienerin anfertigte, die sie unter anderem nutzte, um bei potentiellen Nachfolgern Napoleons für sich zu werben. Sie starb nach zahlreichen Liebschaften einsam im Alter von 62 Jahren in Paris.

Aus den von Röhrig zusammengetragenen Geschichten um außereheliche Liebe und Staatsraison treten gesellschaftliche Strukturen lange zurückliegender Epochen hervor. So auch bei der martialischen Schilderung des Aufstiegs und tiefen Falls von Hugh Despenser der Jüngere, der zu Beginn des 14. Jahrhundert Favorit des homosexuellen Königs Edward II. war. Die Neigung zum gleichen Geschlecht, so Röhrig, wurde in der Vergangenheit in der Regel versteckt ausgelebt, da sie nicht nur gesellschaftlich verachtet sondern teils schwer bestraft wurde. Selten wurde sie so offen ausgesprochen, wie es der Chronist Jean Froissart im Fall Despensers tat, der als habgieriger, brutaler und skrupelloser Mensch galt. Froissart nannte ihn „Sodomiten“ beim König.

Despenser war verheiratet und von Edward zum Haushofmeister ernannt worden. Weniger die Affaire als solche sondern Despensers verbrecherische Umtriebe brachten seine Zeitgenossen gegen ihn auf. Königin Isabella, Gattin Edward II., beendete sein Dasein und zugleich das ihres Mannes durch eine Invasion, die sie mit ihrem Liebhaber Mortimer von Frankreich aus anzettelte. Edward wurde gefangengenommen und umgebracht, Hugh Despenser wegen Diebstahls und Verrates zum Tode verurteilt, grausam verstümmelt und hingerichtet.

Einem mächtigen Herrscher zu gefallen war für ein junges Mädchen und ihre Angehörigen vorteilhaft. Ludwig XV. von Frankreich hielt über Jahre zwar nicht seiner Ehefrau Marie sondern teils zeitgleich auch den Schwestern Mailly-Nestlé die Treue. Zur Verwunderung seiner Untertanen wurde Louise Julie de Mailly-Nestlé 1733 seine Mätresse, 1737 sogar die „MaÎtresse en titre“ – seine Favoritin. Von 1739 an teilte sie sich diese Ehre mit ihrer Schwester Pauline Félicité bis zu deren Tod 1741 nach der Entbindung von Sohn Charles Emmanuel. Die ehrgeizige Marie-Anne de Mailly-Nestlé verdrängte Louise 1942, erhielt den offiziellen Mätressenstatus, die Erhebung zur Herzogin, einen Hofstaat und Einkünfte. Doch auch sie starb jung bereits zwei Jahre später mit 27 Jahren. Louise überlebte ihre Schwestern nur um sieben Jahre. Bei ihrem Tod war sie 41 Jahre alt.

Mit acht von Röhrig recherchierten Mätressen wies sich Ludwig XV. als Schwerenöter aus. Damit folgte er seinem Urgroßvater Ludwig XIV, der im Lauf seines Lebens (1638 -1715) mindestens die gleiche Anzahl von Favoritinnen erwählte. Nicht jeder Landesherr war so unstet: Friedrich I. von Preußen, verheiratet mit Sophie Charlotte von Hannover, war der Ansicht, eine Mätresse gehöre zum guten Ton. So hob er Catharina Kolbe, Reichsgräfin von Wartenberg, vermutlich sogar mit Einverständnis ihres Gatten, seines späteren Premierministers, in dieses Amt – zumindest nominell, denn, so Röhrig, außer regelmäßigen Spaziergängen soll zwischen König und Kurtisane nichts vorgefallen sein.

„Mätressen und Favoriten. Ein biographisches Handbuch“ (ISBN 978-3-932313-40-0) von Anna Eunike Röhrig ist im Göttinger MatrixMedia-Verlag erschienen. Es ist schwarz-weiß illustriert, hat 470 Seiten und kostet 24,90 Euro.