Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Geld, Netzwerke, Einfluss: Kai Budler über den NPD-Funktionär Thorsten Heise
Die Region Göttingen Geld, Netzwerke, Einfluss: Kai Budler über den NPD-Funktionär Thorsten Heise
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:54 29.10.2019
Thorsten Heise, Mitglied im Bundesvorstand der NPD, gibt ein Interview. Quelle: Daniel Schäfer
Anzeige
Göttingen

Kaum eine Person habe die südniedersächsische neonazistische Rechte in den vergangenen 25 Jahren so geprägt wie der im nahe gelegenen Fretterode wohnende Thorsten Heise, so die Veranstalter, der neugegründete Verein „Antifaschistische Bildungszentrum und Archiv Göttingen“. Anlass genug Kai Budler zu bitten, einen Vortrag zu halten.

Budler, früher unter anderem auch beim Stadtradio Göttingen tätig, lebt und arbeitet heute in Erfurt. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der rechtsextremen Szene in Deutschland. Unter anderem ist Budler Autor für das Blog „Störungsmelder“ der Zeit und für den Informationsdienst „Blick nach rechts“.

Budler skizzierte Heises Werdegang vom gewalttätigen Skinhead in Göttingen und Northeim hin zu einem bundesweit aktiven und gut vernetzten Multi-Funktionär der extremen Rechten. Heise sei in der Fußball-Skinhead-Szene von Northeim, in der Wiking Jugend gewesen, bis zu ihrem Verbot 1995 Mitglied in der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP).

Kameradschaft Northeim

Heise habe dann die einflussreichen Kameradschaften gegründet, unter anderem die in Northeim, die mitgliederstärkste in Deutschland. Nach seinem Eintritt in die NPD sei er dort relativ schnell aufgestiegen, so Budler. Heise habe den Völkischen Flügel der NPD mitgegründet, ein Sammelbecken für die, denen die NPD schon zu bürgerlich wurde. Heute ist er stellvertretender Bundesvorstand der NPD.

1999 habe Heise im thüringischen Eichsfeld in Fretterode das ehemalige Gutshaus mit rund 600 Quadratmetern Wohnfläche und 2000 Quadratmetern Grundstück gekauft. Für private Zwecke. Heises Strategie so Budler: In so einem großen Haus seien Treffen der rechtsextremen Szene, auch Rechtsrock-Konzerte möglich, und es gebe keine Probleme, weil alles im privaten Rahmen stattfinde. 2014 habe Heise sich selbst folgendermaßen geäußert: „Jedes Haus, jede Wohnung, in der sich die nationale Opposition treffen kann, ist eine Burg im Feindesland“, zitierte Budler.

Umstrittener Eichsfeldtag

Heise habe von Fretterode aus sein Firmengeflecht weiter ausgebaut. Er betreibe seit 1988 den WB-Versand, seit 2008 den Nordland-Verlag, 2011 den Weltnetzladen und seit 2015 das Deutsche Warenhaus. Heise und seine Familie könnten davon gut leben, zitiert Budler Heise. Heise vertreibt Rechtsrock, veranstaltet Konzerte, beispielsweise den Eichsfeldtag in Leinefelde. Nach Worten von Budler sei das Rechtsrock pur mit einigen Alibi-Reden. Deswegen gehe es als politische Veranstaltung durch und werde immer wieder genehmigt.

„Ich finde das problematisch“, sagte Budler. Ganze Familien gingen zu diesen Konzerten. Der Landkreis Eichsfeld habe es abgelehnt, eine Auflage zu erlassen, dass Kinder und Jugendlichen nicht auf das Festivalgelände dürfen. Mit dem Hinweis, das sei rechtlich nicht durchsetzbar. In Baden-Württemberg allerdings, so Budler, sei ein solcher Erlass erfolgreich durchgeklagt worden. „Es dauert wohl etwas bis sich diese Erkenntnis im Eichsfeld durchsetzt“, sagte Budler.

Ungeniert die nächsten Schritte planen

2018 hat Heise auch das „Schild & Schwert Open Air“ organisiert, das erste Festival, das den Kampfsport einbezogen hat. Hier könne die Szene „offen üben, wie man den politischen Gegner entwaffnen und verletzen kann“, so Budler.

Aktivitäten in rechtsterroristischen Gruppen könnten Heise bislang nicht nachgewiesen werden. Aber nach Aussagen von mehreren Zeugen im NSU-Komplex sei Heise die Kontaktperson für die militante neonazistische Organisation Combat 18, dem bewaffneten Arm von Blood & Honour. Das Portal Exif-Recherche belege 14 persönliche Verbindungen von Heise zu Mitgliedern von Combat 18. Das könnte ein Indiz sein, so Budler, dass Heise dort nicht nur am Rande tätig sei.

Heise verfüge über Geld, Netzwerke und Einfluss und er genieße große Anerkennung in der Szene, weil er schon in den 1990-er Jahren aktiv war. „Ich wundere mich, dass Heise so wenig Aufmerksamkeit bekommt“, schloss Budler seinen Vortrag. Dass er so ungehindert Veranstaltungen organisieren und ungeniert seine nächsten Schritte planen könne.

Von Christiane Böhm