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Göttingen Suliman: Al-Jazeera „Sprachrohr“ islamistischer Muslimbrüder
Die Region Göttingen Suliman: Al-Jazeera „Sprachrohr“ islamistischer Muslimbrüder
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00:18 01.12.2017
„Al Jazeera, der Islamismus und das Schicksal der Minderheiten“: Diskussion mit dem Journalisten Aktham Sulima (links) und Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker bei einer Veranstaltung in Göttingen
„Al Jazeera, der Islamismus und das Schicksal der Minderheiten“: Diskussion mit dem Journalisten Aktham Sulima (links) und Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker bei einer Veranstaltung in Göttingen Quelle: Arne Bänsch
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Göttingen

„Islamistische Muslimbrüder hat es beim Sender Al-Jazeera, der 1996 gegründet worden ist, immer gegeben“, sagte der aus Syrien gebürtige Journalist. Er sprach bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für bedrohte Völker, die deren Nahostreferent, Kamal Sido, moderierte. 2003, so Suliman, habe der Einfluss der Muslimbrüder im Nahen Osten und im Sender „stark“ zugenommen. Sunnitische Araber hätten sich den Islamisten nach der amerikanischen Eroberung Bagdads, der einstigen Hauptstadt des muslimischen Weltreichs, aus verletztem Stolz zugewandt.

„Bis zu Beginn des Arabischen Frühlings war es aber bei Al-Jazeera immer noch möglich, eine andere Meinung zu vertreten“, betonte Suliman. Er selbst hätte „sachlich und ausgewogen“ über den Prozess gegen den Mörder des islamkritischen Filmemachers Theo van Gogh oder 2006 über die islamkritische Papstrede in Regensburg berichten können. Die Al-Jazeera-Moderatoren hätten damals bereits die neutrale Position verlassen.

„Mit Beginn des Arabischen Frühlings 2011 glaubten die gut organisierten Muslimbrüder, dass sie nun bald in allen nahöstlichen Ländern an die Macht kommen würden“, sagte der Journalist. Seither sei der Sender das „Sprachrohr“ der Islamisten. Er habe dabei die Rückendeckung des Emirs von Katar. Der Herrscher über den winzigen Golfstaat mit seinen 250.000 Einwohnern nutze den – von ihm mit viel Geld finanzierten – Sender erfolgreich, um Einfluss in der islamischen Welt zu bekommen.

Warum sei Suliman nicht viel früher gegangen, wollte das Publikum wissen. Al-Jazeera, so der frühere Mitarbeiter der Deutschen Welle, sei 1996 der erste professionell betriebene arabische Nachrichtensender gewesen, ein „Mythos“. Journalisten verdienten dort das 20-fache von dem, was ihre Kollegen bei arabischen Staatssendern bekämen. Ihr Prestige sei hoch. Er selbst hätte es genossen, dass wichtige Menschen seine Nähe gesucht hätten, schwärmte Suliman.

Als arabischer Nationalist und eher links eingestellter Mensch sei er nach 2011 immer häufiger mit den Verantwortlichen bei Al-Jazeera aneinander geraten, erzählte der Journalist. Am Ende habe er gekündigt. Als deutscher Staatsangehöriger fühle er sich sicher. „Viele Kollegen haben sich dagegen aus Mangel an Alternativen dem neuen Kurs angepasst“, berichtete Suliman.

Kritisch sieht der Journalist die deutschen Medien. Für „naiv“ hält er die Begeisterung über den Arabischen Frühling oder über Wahlen im Nahen Osten. Große Teile der dortigen Bevölkerung kämpften um das Existenzminimum. Viele Menschen könnten weder lesen noch schreiben. In so einer Situation hätten Gruppen wie die Muslimbrüder, die sich – im Gegensatz zum Staat – um arme Sunniten kümmerten, Zulauf.

Im Westen, so Suliman, träten die Muslimbrüder, unter denen es viele Ärzte und Ingenieure gebe, moderat auf. Sie lehnten die von Dschihadisten verübten Anschläge ab. Stattdessen sprächen sie von Demokratie. Tatsächlich sei ihr „strikt hierarchisch aufgebauter Geheimbund“ alles andere als demokratisch. Sie nutzten Wahlen, um an die Macht zu kommen. Danach würden sie ein islamisches System errichten, warnte Suliman. Der türkische Präsident, den die Muslimbrüder als einen der ihren betrachteten, sei ihr Vorbild.

Von Michael Caspar

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