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Göttingen Neubauer: „Wenn wir nicht auf die Straße gehen, passiert nichts“
Die Region Göttingen Neubauer: „Wenn wir nicht auf die Straße gehen, passiert nichts“
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13:12 19.03.2019
Diskussion über Klimapolitik im Jungen Theater: Vassiliadis, Cramon, Neubauer und Trittin (v.l.). Quelle: Max Ballhaus
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Göttingen

„Fridays for Future“ zieht auch montags, das Veranstaltungsformat „Trittin trifft“ hat mit dem Thema ins Schwarze getroffen. Rappelvoll war es im Jungen Theater bei der vom grünen Bundestagsabgeordneten Jürgen Trittin moderierten und im Facebook-Livestream übertragenen Podiumsdiskussion zum Kohleausstieg und zur Klimapolitik. Donnernden Zwischenapplaus vom Publikum, das von Schülern und Studenten dominiert wurde, erhielt immer wieder Luisa Neubauer. Die Göttinger Geographie-Studentin und Klimaaktivistin ist eine der Hauptorganisatorinnen von „Fridays for Future“ und mit Initiatorin Greta Thunberg aus Schweden befreundet.

„Mit Tempo in die Klimakrise“

Ausgangspunkt der Diskussion war das Kohle-Ausstiegsdatum 2038, durch das das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zur Begrenzung der Klimaschäden nicht zu bewerkstelligen sei. Nicht überraschend, aber extrem erfreulich nannte Neubauer den Rückenwind durch „Scientists für Future“ – auch von Wirtschaftswissenschaftlern. Die EU müsste ihre Ambitionen verdoppeln, meinte Neubauer. Im Kontext der „größten Krise der Menschheit“ wies sie Argumente scheinbarer Machbarkeit und Stellvertreter-Debatten zurück: „Es wäre einfacher, hätten wir diese Debatten über den gewaltigen Transformationsprozess vor 20 Jahren geführt. Wir rasen mit Tempo in die Klimakrise und werden immer wieder ausgebremst. Für meine Generation ist das ein Schlag ins Gesicht.“

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Macht sich stark für „Fridays for Future“: Luisa Neubauer. Quelle: Max Ballhaus

Es gehe es nicht um eine politische Machtfrage, sondern um eine physikalische Realität, um unser aller Lebensgrundlage: „Ja, die Debatte, die wir führen, ist absolut.“ Bei grundsätzlichem Konsens auf dem Podium stießen Neubauers apodiktische Positionen auf Widerspruch von Michael Vassiliadis, dem Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). „Der Absolutismus, der daraus spricht, ist keine Einladung zur Diskussion“, meinte Vassiliadis, bekannte sich zum Pushen erneuerbarer Energien und Elektromobilität, verteidigte aber auch den Korridor für den Kohle-Ausstieg als Kompromiss, der der IG wehtut.

Arbeitsplätze durch Energiewende

Trittin hob das große Arbeitsplatzpotenzial durch die Energiewende hervor. Die grüne Europawahl-Kandidatin Viola Cramon beklagte die Unsicherheit bei den Vorgaben, unter denen gewirtschaftet werden müsse. Auch die Studieninhalte müssten sich ändern, sagte die Europapolitikerin, deren Sohn Maschinenbau studiert. Einig waren sich die Diskutanten, auf die Chancen der Energiewende zu setzen, besorgt über kommende Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Preisentwicklungen, Verlustängsten und Verzichtsforderungen. Die Verteilungsdebatte schlage durch bis Hartz IV, weil es für Energiepreise keinen sozialen Ausgleich gebe, merkte Vassiliadis an. Alle müssten sich mit dem Ausbalancieren von Belastungen und Chancen sowie der Wertschöpfung im Regionalen befassen.

Motivation zum Verzicht

Gesellschaftspolitische und philosophische Dimensionen nahm die Diskussion an, als es um das persönliche Verhalten und Motivationsfaktoren ging. Unter Zeitdruck müsse die Verteilungsfrage geklärt werden, dabei auch Menschen mit wenig Bewegungsspielraum mitgenommen werden, Verzicht positiv als cooler Lifestyle besetzt, die Mobilitätskultur geändert werden, meinte Cramon. Neubauer, die wegen Flugreisen in der Vergangenheit angefeindet worden war, kritisierte eine Stellvertreterdebatte, die weniger ins Private gehen sollte. Sie sei in einer multimobilen Welt großgeworden, in der Politik gehe es auch um globale Verbindungen, die Rahmenbedingungen müssten sich ändern. „Wenn wir Verzicht fordern, müssen wir nicht nur Rahmenbedingungen, sondern auch unseren eigenen Lebensstil in Frage stellen“, hielt ihr Cramon entgegen. Das gelte auch für Politiker. Auslöser war Trittins „fiese Frage“, was sie dazu sagen, dass Grünen-Wähler statistisch und empirisch am meisten fliegen.

„Wenn wir nicht auf die Straße gehen, passiert nichts“, stimmte Neubauer abschließend auf weitere Fridays for Future ein. „Das schönste am heutigen Abend“, meinte Trittin in seiner Schlussbemerkung: „Niemand wollte etwas über das Schuleschwänzen wissen.“

Von Kuno Mahnkopf

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