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Göttingen „Man weiß nie, wen man wann trifft“: Mit den Straso-Streetworkern zu den Wohnungslosen in Göttingen
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Kälte, Corona, Wohnungslosigkeit: Mit den Straso-Streetworkern durch Göttingen

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08:41 22.12.2021
Heino Bernsen und Mike Wacker (v.l.) bei der Arbeit am Bahnhof Göttingen. Die Straso-Streetworker kennen alle ortsansässigen Obdachlosen. Daniel Rainers posiert mit seinem Klienten aus dem silbernen Zelt am Bahnhof.
Heino Bernsen und Mike Wacker (v.l.) bei der Arbeit am Bahnhof Göttingen. Die Straso-Streetworker kennen alle ortsansässigen Obdachlosen. Daniel Rainers posiert mit seinem Klienten aus dem silbernen Zelt am Bahnhof. Quelle: lel
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Göttingen

Kalter Nieselregen, Wolken am Himmel, ein ewig grauer Tag – für manche ein Grund, das geheizte Wohnzimmer den ganzen Tag nicht zu verlassen. Doch was, wenn man keines hat? Wenn das Zuhause die Bänke und Treppenstufen der Stadt sind, an denen man sich dick eingemummelt hinlegen kann, ein wenig unruhigen Schlaf findet, bis man am nächsten Morgen weit vor Sonnenaufgang wieder aufbricht. Weg von den Hausmeistern, dem Ordnungsamt und anderen, die sich an dem Wohnungslosen vor der Tür stören könnten.

Von denen, die immer draußen leben, Obdachlose im klassischen Sinne, gibt es in Göttingen zehn bis 15, sagt Mike Wacker. Wacker muss es wissen – denn er ist der Leiter der Straßensozialarbeit (Straso) Göttingen, einer Einrichtung des Diakonieverbands im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Göttingen. Wacker leitet nicht nur, er ist auch Straso-Streetworker – wie Steffi Leik, Heino Bernsen und Daniel Rainers.

Die Arbeit auf der Straße sei seit Corona noch wichtiger geworden, sagt Wacker. „Die Straso ist eigentlich ein offenes Haus. Man trinkt Tee, trifft sich, gibt Kleidung zur Änderungsschneiderei, duscht – seit Corona müssen wir sehr viele Regeln einhalten, das offene Miteinander bricht weg.“

Post, Mittagessen, Telefon

Wacker sagt das, als er noch in der Tür zur Straso steht. Menschen fragen am Fenster bei Leik nach ihrer Post, andere nach dem Mittagessen oder der Möglichkeit, einen Anruf zu tätigen. Reger Betrieb. Aber nicht alle Klienten kommen an den Standort an der Tilsiter Straße tief in der Südstadt. Um sie zu erreichen, müssen die Streetworker das Büro verlassen und die Straßen, Parks und Plätze der Stadt abgehen. Das tun sie so oft wie möglich. Diesmal nehmen sie mich mit.

An diesem Winternachmittag ziehen Heino Bernsen und Wacker zusammen los, um „aufzusuchen“. So nennt man die Arbeit auf der Straße, bei der Klienten gesucht und angesprochen werden – oder einfach „Streetwork“. Sie schwingen sich auf die Fahrräder, auf deren Gepäckträger Schlafsäcke klemmen – „die habe ich einigen versprochen“, so Bernsen. Richtung Geismartor treten sie in die Pedale, dann heißt es absteigen, verlangsamen, aufmerksam sichten, ohne kontrollierend zu wirken.

Zwischen 710 und 1275 Klienten

Ihr Blick schweift Orte ab, an denen sie Klienten vermuten. Das können verdeckt Obdachlose sein – „die haben keine eigene Wohnung, schlafen überwiegend bei Bekannten“, erklärt Wacker. Zwischen 200 und 250 gebe es davon in dieser Stadt. Die Zahl der „eigentlichen Wohnungslosen“, nämlich den Menschen in den Wohnheimen, bei der Heilsarmee, in Notunterkünften wie am Maschmühlenweg, fällt viel höher aus. Zwischen 500 und 1000 sollen es sein, ganz klar zu beziffern sei das nicht, sagt Wacker. Alle paar Meter treffen sie Menschen, mit denen sie einst arbeiteten oder das noch tun.

Die „Berberromantik“ könne man sich beim Thema Wohnungslosigkeit abschminken, ergänzt Bernsen am Geismartor. Die wenigsten Menschen lebten freiwillig auf der Straße. Wenn sie das aber tun, seien sie gut vernetzt. „Die kennen sich europaweit“, sagt er. Der überwiegende Teil der Wohnungslosen sei auf der Suche nach einer adäquaten Wohnung, schätzt Wacker. „Aber es gibt wenig bezahlbaren Wohnraum.“ Menschen, die aus dem System gefallen sind, Ausgeschlossene wie Suchtkranke, Menschen aus dem Ausland ohne soziales Gefüge – die würden wohnungslos, bekommen dann keine Sozialleistungen, weil man dafür eine Meldeadresse braucht und aus demselben Grund keinen Job.

Die Post- und Meldeadresse können die Klienten bei der Straso bekommen. Leik betreut vormittags die Poststelle – die Streetworker bringen Briefe nicht mit. Sie sind keine Postboten.

Kalt und nass vor Kaufland

Wacker und Bernsen verlangsamen ihre Schritte, als sie sich dem Kaufland-Supermarkt an der Kurze-Geismar-Straße nähern. Amanda ist in ihren Blick geraten – eine junge Frau, gekleidet in Jeans, einem schwarz-weißen Kleid und einer Winterjacke. Sie kauert am Boden, kein Becher zum Betteln zu sehen. Bernsen und Wacker gehen in die Knie, um mit ihr zu sprechen. Wie es ihr geht, ob sie etwas braucht, das sind die ersten Fragen. Mit ruhiger Stimme und offenen Mienen hören sie sich Halbsätze an, die die Frau hervorbringt. Kalt und nass ist ihr Platz – das bestätigt Amanda mit schnellem Nicken. Ihr Blick ist fahrig, sie knetet die eigenen Finger, steht auf, lehnt sich wieder an die Wand, nimmt Masken entgegen von Bernsen, sagt: „Ich muss ja nicht sitzen.“ Zwischendurch lächelt sie versonnen. Amanda heißt nicht Amanda. Alle Namen sind zum Schutz der Personen geändert.

Im Weitergehen fragt Bernsen, wie der Eindruck von ihr sei. Die Droge Flex, Alkoholsucht, schwierige Familienverhältnisse? Bernsen nickt. „Mischkonsum auf jeden Fall“, sagt er. An manchen Tagen könne man sich gut mit Amanda unterhalten, an anderen bekomme man keinen ganzen Satz aus ihr heraus. So ein Tag sei heute.

In den Cheltenhampark gehen Wacker und Bernsen an diesem Tag nicht, die Klienten dort haben sie vor Kurzem in Wohnungen untergebracht. „Ab und zu schaffen wir das“, sagt Wacker. Bei Thilo (Name geändert) müssen sie das nicht. Ihn treffen die Streetworker vor Rewe City am Nabel. Gemeinsam mit seinem Kollegen sitzt er nachmittags dort und spricht Einkäufer an, ob sie ihm etwas mitbringen oder einen Euro übrig haben.

Auf der Straße seit 26 Jahren

Seit 26 Jahren sei er auf der Straße, sagt Thilo. „Seit ich 13 bin.“ Thilo kommt aus Oberfranken, am Akzent erkennt man es. Er war fünf Jahre in Berlin, fünf in Leipzig. Seit etwa zehn Jahren lebe er in Göttingen. Der Umgang mit Obdachlosen sei hier „meistens freundlich“, sagt Thilo. Für ihn und seinen Kollegen sind die Schlafsäcke auf den Fahrrädern von Bernsen und Wacker. Thilo bedankt sich, während er langsam eine Zigarette dreht.

„Manche Leute stört es, wenn man vor ihren Häusern schläft, andere stört der Müll, den wir hinterlassen“, sagt Thilo und gleich darauf: „Ich räume immer auf.“ Wenn es zu kalt sei, um in Hauseingängen zu nächtigen, habe er Alternativen: „Manchmal schlafe ich bei Freunden“, erzählt er. Seine Klamotten sind sauber, der Eindruck sei wichtig. „Man muss sich um sich kümmern“, sagt Thilo. Bei der Straso dusche er. Dort könne er sich einen gespendeten Einkaufsgutschein holen, sagt Wacker. Ein paar übrig gebliebene Brötchen vom Frühstück gibt er Thilo noch, dann geht es weiter zum nächsten Klienten.

Alkoholentzug kann tödlich sein

Alkoholabhängig seien die meisten. „Das ist eine Suchtkrankheit“, betont Bernsen. „Die Menschen brauchen den Alkohol mehr als alles andere.“ Deshalb sei es kein guter Schachzug, ihnen den Euro nur für Essen geben zu wollen. Wer einen kalten Alkoholentzug macht, also plötzlich keinen Stoff mehr zuführt, könnte daran sterben. „Erst kommt das Zittern, dann können sie nicht mehr sprechen, irgendwann brechen sie zusammen“, sagt Bernsen.

Den Göttinger Bahnhof steuern die beiden während des Gesprächs an. Paul (Name geändert) sieht fast so aus, als hätte er sie erwartet. Die rote Hose und der rote Kapuzenpulli leuchten unter der violetten Jacke hervor, Paul strahlt Bernsen und Wacker mit seinen blauen Augen an. Er wollte sich impfen lassen, stand morgens um halb 8 vor der Alten Mensa. „Nach drei Stunden habe ich kehrtgemacht“, sagt Paul. Er wäre nicht mehr dran gekommen, meint er. Größer als die Sorge um sich selbst ist die um einen Kollegen, der seit Tagen nicht aufgestanden sei.

Heino Bernsen und Mike Wacker bei der Arbeit am Bahnhof Göttingen. Die Straso-Streetworker kennen alle ortsansässigen Obdachlosen. Sein Rad hat ihnen Paul geliehen, der nicht fotografiert werden möchte. Quelle: lel

„Da will doch niemand hin“

Wenn es zu kalt wird, müsse der Mann in die Notunterkunft am Maschmühlenweg, sagt Bernsen. Paul verzieht das Gesicht. „Da will doch niemand hin“, sagt er.

Die Sonne geht unter, Wacker und Bernsen verabschieden sich von Paul. Bernsen fährt auf dem Nachhauseweg noch ein paar Spots ab, Wacker zurück ins Büro. Zu dem Mann, über den Paul gesprochen hatte, habe Daniel Rainers den besten Kontakt, sagt Wacker. Ihm übergeben sie die Info.

Miros’ (Name geändert) Aufenthaltsort ist ein fester Punkt auf den Aufsuchrouten von Rainers. Bei minus 2 Grad und Sonnenschein nimmt er mich anderntags mit auf den Weg durch die Stadt. Keiner seiner Klienten ist auf dem Weg aus der Südstadt und durch die Seitenstraßen der Weender Straße zu sehen. „Man weiß nie, wen man wann trifft“, sagt Rainers. Das Wetter, die Orte – die Menschen können überall sein. Das gehöre zu seiner Arbeit.

Anlaufpunkt: Silbernes Zelt am Bahnhof Göttingen

In der Nähe des Bahnhofs wird er fündig. Rainers bleibt vor einem silbernen Zelt stehen, das er mit Bernsen aufgebaut hat – nach Rücksprache mit dem Ordnungsamt. Dass das Zelt auf ebenem Boden steht, ist wichtig. Der Mann darin sitzt in einem Krankenrollstuhl. Das ist nicht Miros’ einziges Problem. Letzten Winter schlief er draußen, vier von fünf Zehen am linken Fuß mussten amputiert werden. Der eine verbliebene entzündet sich immer wieder.

Rainers redet dem Mann gut zu, damit der aus dem Zelt kommt und sich in den Rollstuhl setzt – mit Schmerzen kein leichtes Unterfangen. Als Miros den Meter geschafft hat, nimmt Rainers sein Notfallpack aus der Fahrradtasche, zieht den Reißverschluss auf und kündigt an: „Ich muss deinen Fuß neu verbinden.“ Miros freut sich über die Anwesenheit des Streetworkers – aber nicht über die bevorstehenden Schmerzen. Man könnte den Mann für 80 Jahre alt halten, geboren ist er 1968. „Das Leben auf der Straße, der Alkohol“ gibt Rainers als mögliche Gründe an.

Daniel Rainers (r.) mit einem seiner Klienten am Göttinger Wall. Quelle: lel

Zwischen Weinen und Lachen

Der Mann aus dem Zelt wechselt zwischen Weinen und strahlendem Lächeln, während der Verband abgenommen und ein neuer angelegt wird. Ob er Schmerzen habe? „Ja!“ Ob es gut sei, dass Rainers da ist? „Ja!“ Ganze Sätze kommen selten aus Miros’ Mund, aber er weiß sich zu helfen – deutet auf Masken, die er braucht, fragt nach Essen. Rainers verspricht, ihm Brot, Käse und Wurst zu bringen nach unserem Rundgang. „Das mache ich nicht für alle Klienten. Aber er kann wirklich nicht einfach selbst zum Supermarkt gehen“, stellt Rainers klar. An guten Tagen spielt Miros am Bahnhof Gitarre, um Geld zu bekommen. Dieser Tag ist aber kein guter.

In die Notunterkunft muss Miros bisher nicht. Warum diese so unbeliebt sei? „Die Menschen haben in den Vierbettzimmern keine Privatsphäre, schnell sind die eigenen Sachen geklaut“, erklärt Rainers.

Sein Fahrrad schiebend geht Rainers weiter, sein Blick schweift, aber kein weiterer Klient ist zu sehen. Einige Menschen betteln an der Straße, doch die Barriere zu ihnen ist die Sprache. „Einmal im Monat gehe ich seit Oktober mit einem Rumänisch-Dolmetscher los“, sagt Rainers. Er wolle den Kontakt herstellen, einerseits zu den Menschen, die organisiert betteln und kein Deutsch sprechen, andererseits zu denen, die allein sind und die Hilfsangebote der Straso nicht kennen.

Nicht nur Gefährt, sondern auch Schutz

Sein Fahrrad ist nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Schutzmaßnahme. „Das setze ich manchmal gezielt ein, um eine Barriere zu haben“, sagt Rainers. Als „Tresen“ zwischen ihm und der Person bei Beratungsgesprächen auf der Straße fungiert das Zweirad. Gerade Betrunkene oder Menschen auf anderen Drogen könnten Distanzen schlecht einschätzen. „Ich mag es nicht, wenn man mir zu nahe kommt“ – nicht zuletzt aufgrund der Corona-Infektionsgefahr.

In der Turmstraße sieht man, wie nötig diese Barriere teilweise wird. Mehrere Menschen wollen zu Rainers, er geht auf sie zu, hält aber bewusst Abstand. Wie die Ruhe selbst wirkt er dabei. Er ist der gute Bekannte, der immer wieder nach den Menschen schaut. Die Straße, in der der Mittagstisch St. Michael Essen ausgibt, ist ein Hauptanlaufpunkt für Drogenabhängige, verdeckte Wohnungslose und andere, die Struktur in ihren Alltag bringen wollen. Am Nachmittag wirkt die Szene friedlich, nur eine Frau schreit kurz unvermittelt los, beruhigt sich aber schnell.

„Ich gehe mit Neugierde auf sie zu“

Aggressionen erlebe Rainers selten. „Ich gehe mit Neugierde auf sie zu“, begründet Rainers das. Es komme immer darauf an, wie man das Gegenüber anspreche. Das gilt für alle Streetworker. Die Ruhe, mit der sie Fragen stellen und Angebote machen, zeugt von professioneller Distanz und dem Willen, den Menschen zu helfen. Aber sie weinen nicht mit ihnen. Es sei schwer zu sagen, ob er das durch den Beruf erlernt hat oder schon immer konnte, sagt Rainers über sich. Das Pokerface steht jedenfalls.

Wenn es dunkel wird, machen sich die Streetworker auf den Weg nach Hause. Ihre Klienten tun das zum Teil ebenfalls – auch wenn „Zuhause“ für manche von ihnen eine ganz andere Bedeutung hat als ein geheiztes Wohnzimmer.

Arzt dringend gesucht

In der Straso arbeiten nicht nur die Streetworker, die zu ihrer aufsuchenden Sozialarbeit auch ambulant Klienten betreuen. Auch ein Wohnraumvermittler und Mitarbeiterinnen in der Verwaltung, die unter anderem beim Schriftverkehr unterstützen, gehören zum Team. Im Netzwerk sind auch Rechtsanwälte, Schuldnerberater und der Schneider. Was derzeit fehlt, sei ein Arzt oder eine Ärztin, sagt Wacker. „Wir suchen händeringend“, sagt er. Erste Hilfe könnten sie alle leisten, aber ein medizinischer Ansprechpartner vor Ort wäre wünschenswert.

Corona-Impfungen regelten die Streetworker derzeit auf andere Weise. „Wir fahren unsere Klienten beispielsweise zum Arzt dafür“, sagt Wacker. Die Geimpftenquote unter den Wohnungslosen schätzt er ähnlich ein wie die der Gesamtgesellschaft. „Die meisten wollen diese Impfung.“

Von Lea Lang