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Göttingen Kalifatsstaat, Islam-Auftrag und Dschihad
Die Region Göttingen Kalifatsstaat, Islam-Auftrag und Dschihad
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19:26 09.02.2017
Von Matthias Heinzel
Zuletzt hatte ein Treffen von Salafisten in einem Göttinger Studentenwohnheim Aufsehen erregt.
Zuletzt hatte ein Treffen von Salafisten in einem Göttinger Studentenwohnheim Aufsehen erregt. Quelle: Archiv
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Göttingen

Nach Aufrufen zu Mord und Glaubenskampf mit dem Ziel der Weltherrschaft des Islam wurde der heute 64-Jährige 2004 in die Türkei ausgewiesen, wo er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. In der verbotenen ehemaligen Kaplan-Moschee in der Göttinger Weststadt, die zumindest bis vor kurzem weiterhin im Untergrund aktiv war, seien junge Göttinger radikalisiert und für den „heiligen Krieg“ in Syrien und im Irak rekrutiert worden, sagen Insider.

Insgesamt fünf Menschen aus Göttingen sind bislang in die syrischen und irakischen Kriegsgebiete ausgereist – der erste bereits im November 2014, teilt das innenministerium mit. Im Raum Göttingen verblieben sind etwa 50 Muslime mit ähnlichen Auffassungen eines radikalen Islam, der letztlich weltweit durchgesetzt werden soll.

 Treffpunkte waren unter anderem eine Änderungsschneiderei in der Göttinger Innenstadt und die verbotene Moschee in der Weststadt. Im Juni 2015 sprengte sich der Göttinger Jacek S. im Nordirak bei einem Selbstmordattentat mit drei anderen Dschihadisten in die Luft und tötete mindestens elf Menschen. Der Mann, der kurz zuvor noch in der Göttinger Südstadt gelebt hatte, war dort durch immer radikalere Bekenntnisse zum strenggläubigen Islam aufgefallen, bevor er verschwand.

Andere radikale, ebenfalls an Kaplan orientierte Göttinger Muslime, stehen der Organisation „Im Auftrag des Islam“ von Furkan bin Abdullah aus Nordhessen nahe oder sind dort aktive Mitglieder. Die Organisation betreibt unter anderem eine Internet-Medienplattform, deren Videos laut Eigendarstellung „ausschließlich zur Aufklärung und Verkündung in islamischen Angelegenheiten“ dienen. Dabei werde „auf Themen wie Theologie, Geschichte, Kultur, Wissenschaft, Politik sowie aktuelle und globale Probleme eingegangen“.

Die Göttinger Anhänger von „Im Auftrag des Islam“ unterhalten seit Jahren enge Kontakte zu ähnlich radikalen Glaubensbrüdern im hessischen Sontra und nach Hildesheim zur dortigen „Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises“ (DIK) und deren Chefprediger Abu Walaa. Der „Scheich von Hildesheim“ wurde im November vergangenen Jahres verhaftet.

Bereits im März 2016 waren zwei damals 20 und 26 Jahre alten Männer der Göttinger Salafisten-Szene von der Polizei festgenommen worden. Bei dem Älteren handelt es sich offenbar um den gleichen Algerier, der jetzt erneut festgesetzt wurde. Dass es sich um dieselbe Person handelt, will die Polizei allerdings nicht bestätigen. Auch bei der Polizeiaktion im März waren Waffen beschlagnahmt worden – eine Gaspistole und ein Schlagstock.

In Göttingen machten Anhänger von „Im Auftrag des Islam“ zuletzt im Oktober vorigen Jahres von sich reden, als sie im Mahatma-Gandhi-Haus der Afrikanisch-Asiatischen Studienförderung (AASF) in der Theodor-Heuss-Straße eine Tagung abhielten. Dort riefen sie unter anderem zum Kampf gegen Ungläubige auf.

Mit dabei: der frühere Links-Terrorist Bernhard Falk, wegen vierfachen Mordversuchs und Sprengstoffverbrechen 1999 zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Falk ist mittlerweile zum Islam konvertiert und salafistisch aktiv – unter anderem als Beobachter bei Strafprozessen gegen radikale Muslime. Die AASF hatte damals nicht die geringste Ahnung, wen sie sich ins Haus geholt hatte.

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes ist die Region Hildesheim/Göttingen ein Schwerpunkt bei den Ausreisen von Islamisten Richtung Syrien. 42 Prozent der aus Niedersachsen ausgereisten Menschen stammen von dort. Die Salafisten würben auch in der Stadt Göttingen aktiv um weitere Mitglieder, auch unter den Bewohnern von Flüchtlingsunterkünften. In mehreren Fällen böten sie laut Sicherheitsbehörden ihre Dienste als Dolmetscher oder als Sicherheitsleute an - mit Erfolg.

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Salafisten und Jihadisten

Gefährder mit islamischem Hintergrund sind in den Reihen der Salafisten zu finden. Deren Anzahl schätzen Verfassungsschützer und Islamwissenschaftler bundesweit auf etwa 3000 bis 5000 Personen . Aber: Nicht alle Salafisten sind gewalttätig. Sie streben die Unterwerfung ganzer Staaten und Gesellschaften unter die streng ausgelegten Dogmen des Islam an. Also: keine Menschen- und Bürgerrechte im westlichen Sinn, keine Meinungs- und Redefreiheit, keine Gleichberechtigung der Frau, Todesstrafe für die Abwendung vom Islam, grausame Körperstrafen auch für kleinere Vergehen und so weiter. Jihadisten verfolgen die gleichen Ziele, wollen diese aber anders als die meisten Salafisten mit Gewalt durchsetzen, nicht durch Wahlen oder Überzeugungsarbeit. Beide Gruppen beziehen ihre ausschließliche Rechtfertigung aus den sogenannten heiligen Schriften des Islam, also des Korans, des Hadith (Sammlung von Taten und Aussprüchen des Propheten Mohammed) und der Sira (den frühen Biografien des Propheten).