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Göttingen Viel Kritik an Linnemann-Forderung im Landkreis Göttingen
Die Region Göttingen Viel Kritik an Linnemann-Forderung im Landkreis Göttingen
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21:26 06.08.2019
Aller Anfang ist schwer. Das weiß jeder Erwachsene, weil auch er einmal Kind war. Um so schwerer haben es Mädchen und Jungen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen. Quelle: dpa
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Göttingen

Geht es nach dem CDU-Politiker Carsten Linnemann, dürfen Kinder ohne ausreichende deutsche Sprachkenntnisse nicht eingeschult werden. Das Ansinnen des Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Bundestagsfraktion findet in Niedersachsen allerdings wenig Gegenliebe.

„Die Vorschläge von Herrn Linnemann sind kein Lösungsansatz, sondern ausschließlich schädlich“, warnt Landeskultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Auf Anfrage des Tageblatts lässt er wissen: „Wer Kinder von der Schule fernhalten will, will Kinder von Bildung und einer guten Zukunft fernhalten. Das ist mit uns nicht zu machen.“

Zweitspracherwerb gelinge nur durch Integration von Anfang an, unter anderem durch unabdingbaren Kontakt mit Gleichaltrigen und damit dem sogenannten „Sprachbad“. Zum Tagesgeschäft der Kitas gehöre in Niedersachsen deswegen die „alltagsintegrierte Sprachförderung“. Auch Nicht-Kita-Kinder würden bereits ein Jahr vor der Einschulung durch die Grundschule intensiv in Deutsch als Zweitsprache gefördert, so der Minister. Im Anschluss daran würden die öffentlichen allgemein bildenden Schulen sehr gute Arbeit bei der Sprachförderung leisten, wofür den Schulen Zusatzstunden nach Kräften gewährt würden. „Es gibt keinen Bedarf, die Vorschläge von Herrn Linnemann in Niedersachsen umzusetzen“, betont Tonne.

„Unsinniger Sommerloch-Vorschlag“

Carsten Linnemanns Sommerloch-Vorschlag ist Unsinn. Aber nicht, weil man bei Einschulung kein Deutsch können sollte, sondern weil man das Problem, dass manche Kinder es nicht können, gerade nicht an diesen Kindern auslassen sollte“, so formuliert es der in Göttingen wohnende Bundestagsabgeordnete Konstantin Kuhle (FDP). Die Lösung seien verpflichtende Sprachtests mit hinreichend zeitlichem Abstand zur Einschulung - wie in vielen Bundesländern üblich. Bei Nichtbestehen würden verpflichtende Sprachkurse warten. „Ein Stoppschild für Sechsjährige ist hingegen kontraproduktiv“, hebt Kuhle hervor.

„Mal wieder - aus Angst vor der AfD - bespielt die CDU-Rechte deren Themen und stärkt sie damit“, geht der ebenfalls in Göttingen beheimatete grüne Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin die Linnemann-Forderung an. Neu sei für ihn, dass der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU dabei mitmacht. „Die Wirtschaft ist auf gut ausgebildete Arbeitnehmer angewiesen. Wo aber sollen die Deutsch lernen“, fragt Trittin und antwortet selbst: „Im Zweifel auf der Schule, besser vorher schon in den Kitas.“

Mehr über besser bezahlte Lehrer reden

Am schnellsten gehe das zusammen mit anderen Kindern. „Nur an einem Ort lernen sie kein Deutsch - wenn man sie von der Schule ausschließt und in die Familien zurück schickt, in denen eine andere Muttersprache gesprochen wird“, bilanziert Trittin. Statt über Qualität an Schulen und über mehr und besser bezahlte Lehrer zu reden, trage Linnemann „eine Debatte auf dem Rücken der Schwächsten aus“.

Siegmar Lakemann ist seit 2011 Konrektor an der Regenbogenschule in Elliehausen. Für zu kurz gedacht hält der Pädagoge die Idee Linnemanns, Kinder ohne Deutschkenntnisse vor dem Zutritt zur Grundschule erst einmal in einer Vorschule unterzubringen. Das sei im Einzelfall schon deshalb nicht praktikabel, da ja auch Flüchtlingsfamilien anlandeten, deren Kinder bereits beschult worden sind. „Nehmen wir einmal an, es kommt eine Familie mit drei Kindern zu uns, dann tun die uns nicht den Gefallen, dass die alle in die erste Klasse kommen. Die sind einfach verschieden alt.“

„Kinder lernen am Besten von Kindern“

Stattdessen sei der schulische Ansatz der, die Kinder an dem Punkt aufzunehmen, an dem sie gerade stehen. Das verlange nicht zuletzt auch die aktuelle Rechtslage. Lakemann sieht dabei Fördermöglichkeiten, aber auch die Gemeinschaft als hilfreich an: „Das Beste, was diesen Kindern passieren kann, sind andere Kinder. Kinder lernen von Kindern.“ Zuletzt hätten die Förderstunden ausgereicht, erklärt der stellvertretende Schulleiter. Die erwähnten Förderstunden werden von Schuljahr zu Schuljahr neu berechnet – je danach, wie viele Schüler Förderbedarf haben.

Lakemann betont, dass es auf die Bedürfnisse des zu beschulenden Kindes ankommt, ob ihm Förderstunden zustehen – das betreffe nicht nur Kinder aus Flüchtlingsfamilien: „Vielleicht lässt sich das auch am Beispiel von Inklusionskindern erklären. Pro Kind werden der individuelle Förderbedarf und die Unterstützungsstunden ermittelt, die dann beantragt werden.“ An der Regenbogenschule übernehmen die Förderstunden Lehrkräfte, die sich das Thema angeeignet haben.

Lehrer lassen sich für Nachhilfe fortbilden

Kindern mit fehlenden Deutschkenntnissen würden sich Pädagogen annehmen, die sich auf das Thema spezialisiert haben. „Das nennt sich Deutsch als Zweitsprache, kurz DaZ, das ist ein Studium oder auch eine Weiterbildung. Wir haben Kollegen, die sich da eingearbeitet und Fortbildungen besucht haben“, erläutert der Pädagoge.

„Einzig aufgrund unzulänglicher Deutschkenntnisse darf es keine Zurückstellung geben“, erklärt die Sprecherin der Niedersächsischen Landesschulbehörde, Bianca Schöneich. Es werde auch aus fachlicher Sicht Wert auf eine altersgerechte Beschulung von Anfang an gelegt, verbunden mit besonderer Förderung zum strukturierten Erlernen von Deutsch als Bildungssprache im Rahmen des Schulunterrichts. „Hierfür steht den Schulen umfassend Beratung und Unterstützung durch die Sprachbildungszentren der Niedersächsischen Landesschulbehörde zur Verfügung“, meint Schöneich.

„Alltagsintegrierte“ Sprachförderung in Kitas

Seit der Neufassung des Niedersächsischen Gesetzes über Tageseinrichtungen für Kinder (KiTaG) zum 1. August 2018 werde die Sprachförderung von Kindern im Vorschulalter „alltagsintegriert“ in den Kindertagesstätten durchgeführt, verweist die Sprecherin auf die Praxis. Nur Kinder, die keine Kita besuchen, würden die vorschulische Sprachförderung in der Grundschule erhalten.

Was aber, wenn es gegenüber diesen Angeboten eine Verweigerung gibt? „Uns ist nicht bekannt, dass es hierbei vermehrt zu Problemen kommt, weil Kinder oder deren Erziehungsberechtigten die Sprachförderung verweigern“, erklärt Schöneich. Und wenn doch? Grundsätzlich würde bei Verweigerung die Schulleitung zunächst das Gespräch mit den Erziehungsberechtigten suchen und gegebenenfalls die Teilnahme einfordern. „Im weiteren Schritt kann die Schulleitung bei Nichtteilnahme eine Ordnungswidrigkeitsanzeige entsprechend einer Schulpflichtverletzung stellen“, erläutert die Behörden-Sprecherin.

Sprachliche Förderung so früh wie möglich

Seit einem Jahr liegen die Sprachtests übrigens nicht mehr in der Verantwortung der Grundschulen, sondern bei den Kindertagesstätten. Das sei der richtige Weg, sagt eine Grundschulleiterin im Landkreis Göttingen, die anonym bleiben möchte. Sprache lerne sich am besten in Alltagssituationen und in Kleingruppen und somit vor der Einschulung. Ohnehin seien Lehrkräfte an Grundschulen diejenigen mit der höchsten Stundenbelastung, denn diese Kinder bräuchten vor allem eine Beziehung zu ihren Lehrern. Sprachliche Förderung müsse so früh wie möglich beginnen.

Die Leiterin einer Kindertagesstätte im Landkreis Göttingen, die namentlich ebenfalls nicht genannt werden möchte, beklagt jedoch, dass noch keine Vorgaben für die Sprachtests existieren. Man helfe sich selbst, um vor Ort Lösungen zu finden. Die Erzieher seien dafür qualifiziert und motiviert, jedoch klafften enorme Personallücken.

Eine Schulbegleiterin mit vielen Jahren Erfahrung ist sicher, dass sich außerhalb der Schule die sprachliche Fähigkeit der Kinder mit Förderbedarf nicht verbessere. Ihrer Beobachtung nach nehmen Verhaltensauffälligkeiten und geringe Sprachkompetenz gravierend zu. Diesen Herausforderungen mit Inklusion und Integration zu begegnen, erfordere deutlich mehr Personal in Bildung und Erziehung, sagt sie.

Allgemeine Abnahme sprachlicher Fähigkeiten

Viele der befragten Personen im Landkreis Göttingen merkten an, dass die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder seit Jahren abnehmen, dass aber der sprachliche Förderbedarf seit Jahren zunehme. Dies sei nicht allein bei Kindern festzustellen, die seit der Flüchtlingswelle von 2015 in Deutschland leben oder deren Familien einen Migrationshintergrund haben, sondern sei ein generelles und weit verbreitetes Phänomen. Aus diesem Grund sollten Gelder anhand des individuellen Förderbedarfs bereitgestellt werden. Damit das auch bei den Kindern ankommen kann, sei ausreichend Personal zwingend erforderlich. Daran mangele es in fast allen Einrichtungen.

 Die im Landkreis Göttingen beheimateten Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann (SPD) und Fritz Güntzler (CDU) waren nicht zu erreichen.

Zurückstellung nur bei Entwicklungsdefiziten

Kinder, die aufgrund ihres Alters eingeschult werden müssten, bei denen aber Defizite in geistiger und seelischer Hinsicht festgestellt worden sind, können für ein Jahr vom Schulbesuch zurückgestellt werden. Weitere Informationen dazu unter der Internet-Adresse https://www.landesschulbehoerde-niedersachsen.de/themen/schueler/schulbesuch/schulpflicht/zuruckstellung-vom-schulbesuch.

Förderung der Sprachentwicklung

Mit der gesetzlichen Verankerung von Sprachbildung und Sprachförderung als Bildungsauftrag der Kindertageseinrichtungen ist nach dem Gesetz jede Kita in Niedersachsen verpflichtet, die Sprachentwicklung jedes Kindes zu beobachten, zu dokumentieren und „alltagsintegriert“ zu fördern.

Spätestens zu Beginn des letzten Kindergartenjahres ist für Kinder im letzten Jahr vor der Einschulung die Sprachkompetenz zu erfassen und ein Entwicklungsgespräch darüber mit den Erziehungsberechtigten zu führen. Ein weiteres Entwicklungsgespräch hat zum Ende des Kindergartenjahres vor der Einschulung unter Beteiligung der aufnehmenden Grundschule stattzufinden.

Für die Sprachbildung und Sprachförderung in den Kindertageseinrichtungen stellt das Land pro Kindergartenjahr gemäß Paragraf 18 a KiTaG 32,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Auf Basis eines zwischen dem örtlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe und allen Trägern von Tageseinrichtungen vereinbarten Sprachförderkonzeptes kann über die besondere Finanzhilfe zusätzliches pädagogisches Fachpersonal eingestellt werden. (Quelle: Kultusministerium Niedersachsen)

Von Claudia Bartels, Ulrich Meinhard und Frank Blobel

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