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Göttingen Kinder-Euthanasie: Ein Grab für Heinz Schäfer aus Bovenden
Die Region Göttingen Kinder-Euthanasie: Ein Grab für Heinz Schäfer aus Bovenden
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11:20 11.07.2014
Die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg nach 1945: Haus 25 ist das erste Haus, in dem die „Kinderfachabteilung“ Lüneburg untergebracht war.
Die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg nach 1945: Haus 25 ist das erste Haus, in dem die „Kinderfachabteilung“ Lüneburg untergebracht war. Quelle: EF
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Bovenden / Lüneburg

„Heinz Schäfer wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Rahmen der Kinder-Euthanasie ermordet“, sagt die Mitarbeiterin der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ in Lüneburg. Jetzt sucht Rudnick auch mit Hilfe des Tageblattes nach möglichen Angehörigen. Nachforschungen bei der Gemeinde Bovenden und der Kirche seien bisher ergebnislos verlaufen, die Aktenlage sei „sehr dünn.

Ende August sollen die sterblichen Überreste des Jungen und die elf weiterer damals getöteter Kindern auf einer neuen Gedenkanlage des damaligen Anstaltsfriedhofs der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg namentlich beigesetzt werden. Ihnen und weiteren mehr als 300 Kindern ist die Gedenkstätte auf dem heutigen Friedhof Nord-West gewidmet. Dabei sollen auch einzelne Lebensgeschichten der Kinder vorgestellt werden.

Aufnahme seines Sohnes in einer Anstalt

„Heinz Schäfer wurde am 16. August 1937 wohl als einziges Kind des Metallarbeiters Heinrich Friedrich August Schäfer und dessen Ehefrau Elise Ella Schäfer in Bovenden geboren“, berichtet Rudnik. In seiner Krankenakte finde sich eine ausführliche Beschreibung seiner Geburt sowie der ersten Tage und Wochen danach. Einen Tag vor seinem vierten Geburtstag habe sein Vater ihn beim Göttinger Gesundheitsamt vorgestellt, „um eine Aufnahme in einer Anstalt seines Sohnes zu veranlassen“.

Der Amtsarzt kam in seinem Gutachten zu dem Schluss, dass Heinz Schäfer „anstaltsbedürftig“ sei, schildert Rudnick ihre Forschungsergebnisse. Der Arzt habe eine Einweisung in die Anstalten der Inneren Mission Rotenburg empfohlen. Doch dazu kam es nicht, die Kinderstation in Rotenburg wurde bald aufgelöst. Schäfer sei, so Rudnick weiter, stattdessen am 3. November 1941 direkt in die „Kinderfachabteilung“ Lüneburg gekommen.

Als „völlig tiefstehend“ beurteilt

Aus einem Brief der Mutter an den Ärztlichen Direktor Dr. Max Bräuner gehe hervor, dass sie sich mit dem Aufenthalt in Lüneburg vor allem eine Besserung, gar eine Heilung ihres Sohnes versprach. Kaum in Lüneburg angekommen, erkrankte ihr Sohn jedoch an Diphtherie. Bräuner habe der Mutter nur wenig Hoffnung gemacht. Im Januar beurteilte er Heinz Schäfer als „völlig tiefstehend“ und als „bildungsunfähigen Jungen“. Im Februar schließlich erhielt seine Mutter die Nachricht, dass Sohn Heinz an Diphtherie erkrankt sei und mit seinem Ableben zu rechnen sei.

Rudnick geht davon aus, dass in der „Kinderfachabteilung“ Lüneburg rund 60 Prozent aller Kinder-Patienten in den ersten Wochen und Monaten nach ihrer Ankunft starben. „Mindestens 300 bis 350 Kinder wurden durch die Gabe des Schlafmittels Luminal getötet“, sagt die Historikerin. Weitere 100 Kinder seien an den Folgen von Mangel- und Fehlversorgung gestorben. Nach ihrem Tod wurden einzelne Kinderleichen seziert. Auch Heinz Schäfer.

Gehirn-Präparate zufällig gefunden

Nach seinem Tod wurden Schnitte vom Gehirn angefertigt und die Präparate an die Hamburger Universitätsklinik zu Forschungszwecken übergeben. 2011 wurden dieses und weitere Hirn-Präparate zufällig gefunden.

Nach Rudnicks Schilderungen hätten Dr. Willi Baumert, Leiter der Lüneburger „Kinderfachabteilung“, und Bräuner in Gerichtsaussagen mehrfach darauf hingewiesen, dass die Lünebürger Abteilung vor allem zur „Erforschung erbkranken Nachwuchses“ gedient habe. Dies sei oft bezweifelt worden. „Die Funde von Präparaten und die Auswertung des Sektionsbuches der Universitätsklinik Hamburg lassen inzwischen aber den Schluss zu, dass die Kinderfachabteilung Lüneburg systematisch Forschungsmaterial in Form von Gehirn-Präparaten nach Hamburg lieferte“, sagt Rudnick. Das Ermittlungsverfahren gegen die damaligen Ärzte Willi Baumert und den Ärztlichen Direktor Max Bräuner wurde laut Rudnicks Recherchen 1965 eingestellt. „In der Begründung hieß es, die Beschuldigten seien aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands prozessunfähig“, sagt die Historikerin.

Eröffnung der Gedenkstätte

Am Sonntag, 25. August, soll die Gedenkstätte eröffnet werden. Dabei sollen Schäfer und die Überreste elf weiterer Kinder – unter anderem auch aus Hildesheim, Celle und Hannover – während einer Feier beigesetzt werden.

► Kontakt: Carola S. Rudnick, Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ Lüneburg. E-Mail: c-rudnick@t-online.de. Weitere Informationen unter pk.lueneburg.de/gedenkstaette-inklusionsschulung.

Von Michael Brakemeier und Veronika Thomas