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15:00 08.05.2019
Steve Coogan als Stan Laurel und John C. Reilly als Oliver Hardy in dem Film "Stan & Ollie", der am Donnerstag in die Kinos kommt. Quelle: epd
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Göttingen

Überzeugende Schauspieler sind ab dieser Woche in den Kinos in und um Göttingen zu sehen: Steve Coogan und John C. Reilly schlüpfen in die Rollen des Komiker-Duos Stan Laurel und Oliver Hardy – so gut, dass man sich die Augen reibt, weil man die Originale vor Augen zu haben glaubt. Ronald Zehrfeld spielt in „Das Ende der Wahrheit“ überzeugend einen tragischen Helden. Das sind die neuen Filme im Überblick:

Hommage zwei der besten Komiker aller Zeiten

Zwei ältere Herren sitzen im Zug, der eine schmal und zierlich, der andere – freundlich formuliert – korpulent. „Ich könnte dir mal wieder richtig auf die Nase hauen“, sagt der Dünne. „Dann möchte ich dir aber auch ins Auge piksen“, sagt der Korpulente. Und dabei schauen beide ganz einverstanden miteinander in die Welt, die vor dem Abteilfenster vorbeizieht.

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Bei den beiden Herren handelt sich um Stan Laurel und Oliver Hardy, eines der berühmtesten Komikerpärchen der Kinogeschichte. Zwischen 1926 und 1950 drehten sie mehr als 100 gemeinsame Filme.

Im Zug arbeiten sie gerade an einem künftigen Sketch – beziehungsweise Laurel werkelt, Hardy lässt ihn machen. Der kreative Kopf hinter den beiden ist Laurel, Hardy ist eher der Genießertyp, in besseren Tagen war er den Frauen und dem Golfspiel gleichermaßen zugetan.

„Dick und Doof“ lautete der herablassende deutsche Titel

Wohl jeder mindestens mittelalte TV-Zuschauer hat im Laufe seines Fernsehlebens mit diesen beiden Herren Bekanntschaft gemacht, die in Deutschland herabwürdigend „Dick und Doof“ tituliert wurden. Das ZDF startete 1970 eine wöchentliche Sendung und zeigte im Vorabendprogramm Filme, die drei, vier Jahrzehnte zuvor in Schwarz-Weiß und oft sogar stumm gedreht worden waren und die den Weg auf die Mattscheibe oft nur zerstückelt und zerschnippelt gefunden hatten. Das Publikum – aller Altersklassen – war trotzdem begeistert.

Das Prinzip vieler Sketche: Das Chaotenpärchen richtet Unheil zuhauf an und ist den Rest des Films damit beschäftigt, einen Weg aus dem immer größer werdenden Schlamassel zu finden. Das geht mit viel Slapstick und nur selten ohne Gemeinheiten ab.

Helden unserer Kindheit

Soll man diese Helden unserer Kindheit wiederbeleben und andere Schauspieler in ihre Haut schlüpfen lassen? Kommt das nicht einem Frevel gleich, der nur in einer Enttäuschung enden kann? Lassen sich so zwei Unvergessene und oft auch Unterschätzte respektvoll würdigen?

Erstaunlicherweise funktioniert in Jon S. Bairds Spielfilm „Stan & Ollie“ der filmische Ansatz wunderbar. Es dauert nur ein paar Minuten, und die beiden Protagonisten kommen einem wie alte Bekannte vor. Beinahe vergisst man, dass die Figuren von anderen Schauspielern dargestellt werden. Steve Coogan (Laurel) und John C. Reilly (Hardy) verwandeln sich verblüffend genau in die Komiker. Coogan beherrscht Laurels treudummen Blick aufs Schönste, Reilly imitiert perfekt Hardys Überheblichkeit.

Stan Laurel erkämpft sich den Weg durch die Tür

Wir erkennen die Marotten der Originale in jedem Moment wieder – manchmal kämpfen sie auch mit den Tücken des Lebens, wenn sie innerhalb der Filmhandlung von „Stan & Ollie“ gar nicht vor einer Kamera oder auf einer Bühne stehen. Am Bahnhof entwischt ihnen zum Beispiel ein schwerer Koffer polternd wieder die Treppe hinunter, den sie gerade mit unendlichen Mühen heraufgeschafft haben (es gibt einen ähnlichen Sketch des echten Komikerpärchens mit einem Klavier), oder der schwer bepackte Laurel erkämpft sich den Weg durch eine zu enge Hoteltür, während der missgestimmte Hardy ohne ihm zu helfen an der Rezeption wartet.

Der Regisseur arbeitet glücklicherweise nicht die gesamte Karriere Laurels und Hardys ab: Die Handlung von „Stan & Ollie“ konzentriert sich überwiegend aufs Jahr 1953. Die Auseinandersetzungen mit Studiobossen haben sie hinter sich gelassen, den Schritt in die Ära des Tonfilms gemeistert, aber nun scheint ihre große Zeit doch abgelaufen zu sein. Um ihren Ruf wieder aufzupolieren, brechen sie zu einer Bühnentour quer durch Großbritannien auf. Die Säle in heruntergekommenen Theatern sind ziemlich leer, die Reaktionen mau. Zunächst jedenfalls.

Zwei wollen sich einen Herzenswunsch erfüllen

Dabei soll die Tournee nur der Vorbereitung eines viel größeren Projekts dienen: Laurel möchte sich noch einen Herzenswunsch erfüllen und eine Robin-Hood-Komödie drehen. Doch Hardys Kräfte lassen bedenklich nach. Bei ihren berühmten Bühnentänzchen kann er sich kaum mehr auf den Beinen halten.

Als auch noch die Ehefrauen Lucille Hardy (Shirley Henderson) und Ida Laurel (Nina Arianda) auftauchen und alte Streitigkeiten wieder aufgewärmt werden, wird die Lage kritisch. Gelingt es den beiden, einen würdevollen Abschied von ihren Figuren und auch voneinander zu finden?

Traurige Komiker sind ein dankbares Sujet

Melancholie durchweht diesen nicht eben handlungsreichen Film, traurige Komiker sind aber auch ein dankbares Sujet. Was jeder Zuschauer von heute versteht, war damals keineswegs selbstverständlich: Stan und Ollie bilden eine künstlerische Symbiose. Man kann nicht den einen von beiden einfach durch einen anderen, jüngeren Kollegen ersetzen, so wie es bei Laurel und Hardy immer wieder mal versucht wurde.

Stan & Ollie“ erzählt im Kern aber auch von einer Freundschaft – und für die kann man sogar so weit gehen, den anderen zu belügen, um ihm Schmerz zu ersparen.

Oliver Hardy starb 1957 in Kalifornien. Stan Laurel hörte auch nach dessen Tod nicht auf, Sketche für gemeinsame Auftritte zu schreiben.

Stan & Ollie“, Regie: Jon S. Baird, mit Steve Coogan, John C. Reilly, Shirley Henderson, 98 Minuten, FSK 0, Lumière (ab 16. Mai)

Bauernopfer in strategischen Machtspielen

In Konkurrenz zu Hollywood hat es das Genre des Geheimdienst-Thrillers in Deutschland schwer. Umso erfreulicher, dass Regisseur Philipp Leinemann sich nun mit „Das Ende der Wahrheit“ dieser No-go-Area nähert, ohne zum Nachahmungstäter amerikanischer Formatvorlagen zu werden.

Im Fokus steht der Agent Martin Behrens (Ronald Zehrfeld), der als Zentralasien-Experte für den Bundesnachrichtendienst (BND) arbeitet. Als ein Flüchtling aus der (fiktiven) Autonomieregion Zahiristan einen Asylantrag stellt, erpresst er den jungen Mann, dessen Schwager der Chauffeur eines hochrangigen Terroristenführers sein soll – so könnte man an den schon lange Gesuchten herankommen. Die ermittelten Handy-Daten werden an die CIA weitergeleitet, die Zielperson wird tatsächlich per Kampfdrohne getötet.

Doch dann passiert es: Wenig später überfällt ein vermeintlich islamistisches Kommando ein Münchener Café. Unter den zahlreichen Toten ist auch Martins Geliebte Aurice (Antje Traue), die als Journalistin an einer Story über illegale Waffenexporte nach Zahiristan arbeitete. Fortan ermittelt Martin auf eigene Faust und gerät in einen geopolitischen Komplott, in dem Rüstungsindustrie, private Sicherheitsfirmen und ranghohe BND-Mitarbeiter verwickelt sind.

Mehr als die üblichen Nachrichtenbilder

Ronald Zehrfeld zeichnet überzeugend eine gebrochene Heldenfigur, die das eigene Berufsbild infrage stellen muss. Ihm gegenüber steht ein fabelhafter Alexander Fehling als kalter Karrierist mit magerer Sozialkompetenz, der feststellt, dass er genau wie Behrens nur das Bauernopfer in einem korrupten Machtspiel ist. Mit atmosphärische Glaubwürdigkeit, einer klugen, ambitionierten Story schaut „Das Ende der Wahrheit“ hinter vertraute Nachrichtenbilder.

Mit erstaunlicher Konsequenz stellt sich Leinemann („Wir waren Könige“) der Komplexität aktueller politischer Verhältnisse, in denen Krisenregionen zum Spielball geostrategischer und ökonomischer Interessen werden.

„Das Ende der Wahrheit“, Regie: Philipp Leinemann, mit Ronald Zehrfeld, Alexander Fehling, Claudia Michelsen, 105 Minuten, FSK 16, Bali-Kinos Kassel

Von Stefan Stosch, Martin Schwickert

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