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15:45 15.11.2017
Die Flüchtlinge und das Kino: Ai Weiweis monumentales Projekt „Human Flow“. Quelle: epd
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Göttingen

Das sind die Kinostarts in dieser Woche:

Die Grenzen des Mitgefühls

Die Flüchtlinge und das Kino: Ai Weiweis monumentales Projekt „Human Flow“

Was hat die Kamera da bloß so leinwandfüllend in den Blick genommen? Sind das etwa Ameisen, die auf weißem Hintergrund herumwimmeln? So sieht es auf den ersten Blick jedenfalls aus. Tatsächlich aber sind die Ameisen Menschen in einem türkischen Flüchtlingscamp, die ihre Köpfe nach oben recken. Aus großer Höhe senkt sich die Kamera-Drohne langsam herab. Und der weiße Hintergrund? Das sind die Dächer von fein säuberlich in Reih und Glied aufgestellten Containern.

Sinnbildlicher lässt sich der Anspruch von Ai Weiweis Flüchtlingsdoku „Human Flow“ kaum fassen: Der chinesische Aktionskünstler will einerseits das sogenannte Flüchtlingsproblem aus der Helikopterperspektive abbilden und so die Dimensionen deutlich machen, andererseits aber auch dem einzelnen Menschen gerecht werden.

Mit geradezu erdumspannendem Anspruch ist Ai Weiwei angetreten. Ein insgesamt 200-köpfiges Team hat in 23 Ländern gedreht – auf der griechischen Insel Lesbos, in den verdorrenden afrikanischen Ländern südlich der Sahara, in einem riesigen Gefängnis namens Gazastreifen, im Irak, im Libanon, in Bangladesch bei den vertriebenen Rohingyas, im französischen Calais und auch in Deutschland zu der Zeit, als dieses Land seine Tore noch für Hilfesuchende öffnete. Die Bilder hat Ai Weiwei mit Zahlen und Fakten unterlegt, das Ganze garniert mit den Versen großer Dichter und Denker. So ist eine Collage entstanden, die sich von den üblichen Nachrichtenbildern abhebt.

Zwischen Vogelperspektive und Nahaufnahme sucht der Chinese seinen Standpunkt: Eine Familie versucht mühevoll, ein Zeltdach abzudichten. Ein Junge streckt an Europas verschlossenen Stacheldrahtgrenzen ein Schild mit der Aufschrift „Respekt“ in die Höhe. Ein Mann auf einem schlammigen Friedhof zeigt die Pässe seiner Angehörigen vor, die unterwegs umgekommen sind. Manchmal machen Kinder vor der Kamera Späße, manchmal sieht das todbringende Mittelmeer wie ein glitzerndes Paradies aus. Ein Arzt spricht von der Rechtlosigkeit der Flüchtlinge in der Türkei, eine Jugendliche beklagt die Sinnlosigkeit, den lieben langen Tag im Camp rein gar nichts zu tun zu haben.

Regisseur Ai Weiwei sucht mühevoll nach Wegen, um das weltweite Schicksal von 66 Millionen Menschen anschaulich zu machen, die Gewalt, Krieg und Hunger zu entkommen versuchen. So viele haben sich nie zuvor in der Historie auf den Weg gemacht. Wer diese apokalyptischen Bilder sieht, kann über „Obergrenzen“-Beschwörer nur noch den Kopf schütteln.

Die Frage aber bleibt: Wie lässt sich Mitgefühl erwecken, wenn der „Human Flow“, der Menschenstrom, nimmermehr zu versiegen scheint? Mit dieser Schwierigkeit haben alle Regisseure zu kämpfen, die sich des Themas annehmen: In „Seefeuer“, Berlinale-Sieger von 2016, konfrontierte der Italiener Gianfranco Rosi den permanenten Ausnahmezustand auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa mit dem Alltag der Einheimischen dort. Aber auch bei dieser so ungewöhnlichen wie gelungenen Doku war schon zu spüren: Das Kino, diese große Einfühlungsmaschine, gerät bei diesem schwierige Thema an seine Grenzen.

Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu (“The Revenant“) versucht gerade, diese Grenzen mit einem ganz besonderen Projekt aufzuheben: Der Oscar-Preisträger („Birdman“, „The Revenant“) versetzt den Zuschauer in die mexikanisch-amerikanische Wüste. Barfuß und mit Virtual-Reality-Brille vor den Augen stolpert er durch einen sandbefüllten Hangar – jeweils nur eine Person erhält Zugang bei der exklusiven Vorstellung von „Carne y Arena“ (etwa: Fleisch und Sand). Erst tauchen Geflüchtete in der heraufziehenden Dämmerung zwischen Kakteen auf, dann bricht die Hölle los: Grenzpolizisten, Hunde, Hubschrauber – und mittendrin in dieser gespenstischen Szenerie weiß der Zuschauer nicht, wie ihm geschieht. Das Projekt, zuerst präsentiert in Cannes und nun in der Prada-Stiftung in Mailand, soll nach Worten des Regisseurs die Abstumpfung des Publikums durchbrechen. Wer barfuß sechseinhalb Minuten lang im Sand steht, ahnt aber auch: Zur Grusel-Reality-Show ist es nicht mehr weit.

Ai Weiwei geht mit seiner Doku einen eher herkömmlichen Weg. Der Chinese hat in seiner Heimat selbst Haft und Drangsalierungen erlitten, er kann sich vermutlich besser in das Schicksal von Verfolgten hineinfühlen als manch anderer. Umso unglücklicher, dass er sich nun selbst immer wieder so aufdringlich ins Bild schiebt, meist filmend mit seinem Handy, als wäre er ein Voyeur auf Weltreise.

Das soll wohl heißen, dass sich Ai Weiwei stellvertretend für uns alle als Augenzeuge versteht. Seiner an unser aller Mitgefühl appellierenden Dokumentation hat er mit dieser nervigen Egozentrik keinen Gefallen getan.

In Kassel im Filmladen

„Human Flow“, Regie: Ai Weiwei, 140 Minuten, FSK 6 Astor

Der Künstler als Regimekritiker: Ai Weiwei

Er ist einer der bekanntesten und vielseitigsten Künstler der Gegenwart – und zugleich einer der schärfsten Kritiker des chinesischen Regimes. Geboren wurde Ai Weiwei 1957 als Sohn des Dichters und Regimekritikers Ai Qing. In Peking studierte er Film zusammen mit den später berühmten Regisseuren Chen Kaige und Zhang Yimou. In den achtziger Jahren lebte Ai Weiwei zumeist in New York. Er kehrte nach China zurück, als sein Vater schwer erkrankte. International bekannt wurde er 2007, als er mit 1001 Chinesen zur Documenta nach Kassel reiste. Ein Jahr später war er als künstlerischer Berater am Entwurf des Nationalstadions in Peking – genannt „Das Nest“ – beteiligt, das für die Olympischen Spiele gebaut wurde.

In Ungnade fiel Ai Weiwei, als er den Tod von 5000 Schulkindern anprangerte, die 2008 beim Erdbeben in Sichuan ums Leben kamen. An vielen Gebäuden war gepfuscht worden. Von da an musste er mit staatlicher Willkür rechnen. 2011 wurde er wegen angeblicher Steuervergehen inhaftiert, es folgte Hausarrest. Danach reiste Ai WeiWei nach Deutschland, wo er eine Gastprofessor an der Hochschule der Künste antrat. Auf das Schicksal von Flüchtlingen hat er mit Aktionen aufmerksam gemacht: Er schuf Installationen aus Rettungswesten oder Schlauchbooten.

Nur kein Gruppenzwang, ihr Helden!

Der nächste Fehlgriff aus dem Hause DC: Zack Snyders „Justice League“ ist eine Losertruppe

Im Genre der Superhelden-Filme konkurrieren die Comic-Häuser Marvel und DC um Marktanteile. Dabei hinken die DC-Kollegen, was die Vernetzung ihrer Werke angeht, immer ein wenig hinterher. Marvel hat in den vergangenen Jahren seine kreativen Ressourcen in einer kunstvollen Franchise-Choreografie mit maximalem Profit abgemolken. Das gilt besonders für die „Avengers“-Filme, in denen das stetig wachsende Arsenal firmeneigener Superhelden im Kollektiv zum Geldscheffeln antritt.

Das Konzept versucht DC mit „Justice League“ zu kopieren. Schon in „Batman vs Superman: Dawn of Justice“ hatte man im Vorjahr die Personal-Zusammenlegung erprobt – und war mit einem inspirationslosen Additionsverfahren baden gegangen. Die Erwartungen an die zu Gerechtigkeitsliga wären also bescheiden – wäre da nicht im Sommer noch die DC-Heroine „Wonder Woman“ aufgetaucht, die dem Superhelden-Gewerbe endlich den notwendigen femininen Input injizierte. Aber nun macht Regisseur Zack Snyder da weiter, wo er mit „Batman vs Superman“ aufgehört hat.

Zu Beginn des Filmes trauert die Welt um Superman (Henry Cavill), der im Zuge des Hahnenkampfes mit Batman ums Leben gekommen ist. Natürlich wittert das Böse nach dem Abgang des Universalretters seine Chance. Der missgelaunte Steppenwolf – ein großer Mann mit Wasserbüffelgeweih, Feueraxt, Akneproblemen und postödipalen Störungsmustern – tritt mit einer Heerschar von blutrünstigen Riesen-Moskitos auf, um zu tun, was Männer seines Formats eben tun: die Welt vernichten. Dafür braucht er aber noch mehr Superkräfte, die in drei magischen Würfeln einlagern, welche es zu finden und miteinander zu verschmelzen gilt. Ehrlich?

Batman leidet unter Schuldkomplexen wegen Supies Tod. Dennoch stellt er ein Team zusammen, um die Vernichtung der Welt zu verhindern: Wonder Woman (Gal Gadot), Flash (Ezra Miller), Meeresgott Aquaman (Jason Momoa) sowie der mit kryptonscher Hochtechnologie aufgepeppte Cyborg (Ray Fisher).

Eine Ewigkeit hält sich Snyder mit der Rekrutierungsphase auf und kann dann mit der Vollversammlung nichts anfangen. Null Gruppendynamik. Da passt es gut, dass tote Superhelden nie mausetot sind und Henry Cavill sich auch in Zukunft auf regelmäßige Studiohonorare freuen kann.

Strohdummes Drehbuch, humorlose Dialoge – „Justice League“ hat viele Probleme, aber das größte heißt Zack Snyder. Der Mann kann nur Macho und Digital-Krawall. Das ist sogar im Superhelden-Gewerbe zu wenig.

In Göttingen im Cinemaxx, in Herzberg in den Central-Lichtspielen

„Justice League“, Regie: Zack Snyder, 120 Minuten, FSK 12

Zu viele Pornos geschaut

Jenseits des guten Geschmacks: Die Mediensatire „Fikkefuchs“

Ab wann ist ein Mann kein Mann? Jan Henrik Stahlberg geht in seiner Mediensatire „Fikkefuchs“ der Frage nach den Auswüchsen vermeintlicher Männlichkeit in einer durchsexualisierten Gesellschaft nach – und überschreitet dabei Grenzen des guten Geschmacks. Roxy (Stahlberg) war früher ein Frauenschwarm. Heute hockt er in Berlin und träumt besseren Zeiten nach. Eines Tages klingelt Thorben (Franz Rogowski) an seiner Tür und behauptet, sein Sohn zu sein. Bislang wusste Roxy nichts von seinem Glück.

So könnte eine Versöhnungskomödie zwischen Vater und Sohn beginnen. Bei Stahlberg liegt der Fall anders: Thorben ist ein Frauenhasser, der zu viele Pornos geschaut ha. Nach einer versuchten Vergewaltigung ist er nach Berlin gereist, um von Roxy zu lernen, wie man Frauen anspricht. Alsbald ziehen die beiden durch Berlin, suchen Sex und reden ihre Unfähigkeit mithilfe von kruden sexistischen Theorien schön. Man wünscht sich, sie würden noch viel härter von den Frauen abgestraft. Stahlberg entblättert die Schwäche gestriger Männlichkeit – auch wenn diese dreiste Kinoattacke nicht als Beitrag zur aktuellen Sexismus-Debatte taugt.

In Kassel im Kino Bali

„Fikkefuchs“, Regie: Jan Henrik Stahlberg, 101 Minuten, FSK 16

Und täglich stirbt das Murmeltier

„Happy Death Day“

Tree will nicht sterben, sie versucht den Killer abzuwehren, aber sie hat keine Chance. Frisch gestorben, wacht die Studentin anderntags wieder auf, als wär’s ein Alptraum gewesen. Nur ist’s derselbe Tag, ihr Geburtstag, ein durchwachsener voller Hochs und Tiefs und ihrer Ermordung. Wieder und wieder. Täglich stirbt das Murmeltier.

Jessica Rothe ist ausdrucksstark als das Mädchen im Horror-Loop, das alles tut, um den Tag anders auslaufen zu lassen, und feststellen muss, dass der Mörder trotzdem zum Zuge kommt. Ihre Tree ist ein Charakter, keine Skizze, ihr Abweichen von den Genreklischees macht aus dem klassischen Opfer mählich eine selbstbewusste,glaubwürdige Kämpferin. Klar ist auch Christopher Landons „Happy Death Day“ nur ein kleines Slasherfilmchen, aber es ist sorgfältig aufgebaut statt wie üblich ein stumpf abgefilmtes „Hauptsache, Gewalt!“. Jeden Tag, den Gott werden respektive wiederholen lässt, drückt man Tree die Daumen, dass es diesmal ein „Happy Survival Day“ wird.

In Göttingen im Cinemaxx

„Happy Death Day“, Regie: Christopher Landon, 96 Minuten, FSK 16

Herzen mit Schmerzen

„The Big Sick

Die Romanze „The Bick Sick“ beruht auf der wahren Liebesgeschichte der beiden Drehbuchautoren Kumail Nanjiani und Emily V. Gordon. Der nerdige Kumail spielt sich selbst, Emily wird von der wunderbar verhuschten Zoe Kazan verkörpert. Anfangs verheimlicht der Comedian die Beziehung seinen Eltern, die ihn mit einer pakistanischen Frau verkuppeln wollen.

Als Emily erfährt, dass ihr Freund sie verleugnet, macht sie mit ihm Schluss. Dann erkrankt sie an einer Infektion. Herzergreifend wird von dieser Liebe erzählt. Das Thema der kulturellen Unterschiede wird dabei genauso glaubhaft wie komisch behandelt.

In Göttingen im Lumière

„The Big Sick“, Regie: Michael Showalter, 120 Minuten, FSK: 6

Von Stefan Stosch, Martin Schwickert, Jan Heemann und Ernst Corinth

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