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Göttingen Klar zum Wenden und weit vom Kentern entfernt
Die Region Göttingen Klar zum Wenden und weit vom Kentern entfernt
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20:13 08.09.2011
Segel setzen: Gleicht geht es los. Birgit Henke freut sich, ich gucke noch etwas skeptisch. Quelle: Pförtner
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Mein Selbstversuch in Sachen Segeln beginnt mit ein paar kleinen Hindernissen. Ich treffe zwar pünktlich in Bernshausen auf dem Parkplatz am Vereinsgelände der Segler-Vereinigung Seeburger See ein. Deren Jugendwartin Birgit Henke, mit der ich mich verabredet habe, war keine fünf Minuten vorher da. Sie zaubert sofort ein elastisches Halteband für meine Brille hervor, aber noch bevor es ernst wird, gibt es zwei Probleme, die den Start des Sportart-Tests verzögern.
„Ohne Rettungsweste geht bei uns nichts“, erklärt Henke und reicht mir aus dem Bootshaus eine Weste aus dem Vereinsfundus heraus. Allerdings zeigt sich, dass die viel zu eng für mich ist. Kleiner Trost: Nicht am Bauch wird es knapp (der wird von dem Kleidungsstück nämlich gar nicht bedeckt), sondern um die Schultern herum. Zwei weitere zu kleine Westen folgen, die vierte passt dann endlich.

Weiter geht es zur eigentlichen Anlegestelle am Seeufer, wo ein vereinseigenes Boot der 420-er-Klasse bereits auf uns wartet. Henke schwingt sich hinein, um sogleich loszuschimpfen: „Mist, wir haben Wasser im Boot. Welcher Depp hat denn den Lenzer aufgelassen?“ Die Göttingerin gibt die Suche nach dem Schuldigen aber auf und schöpft das Wasser, das durch die offene Dichtung eingeflossen ist, kurzerhand eigenhändig wieder ab.

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In der Zwischenzeit erzählt mir Sportwart Volker Hasse, der gerade am Bootssteg zu tun hat, ein bisschen etwas über den Verein. „Wir sind ein reiner Jollen-Klub“, berichtet der Bernshäuser. Die „Flotte“ der Ein- bis Zwei-Mann-Boote besteht aus sechs Optimisten, fünf Teenies, drei 420-ern und einem Laserboot. Das Hauptaugenmerk richten die Seeburger auf die Jugendarbeit, die zudem durch einen eigens für diesen Zweck gegründeten Förderverein finanziell unterstützt wird. Und in welchem Alter sollten Jungen und Mädchen sein, wenn sie das Segeln erlernen wollen? „Der Start ist so ab der dritten, vierten Klasse – die Kinder müssen neben Talent auch das Verständnis für die komplexen Zusammenhänge mitbringen“, antwortet Henke vom Boot aus, das sie in der Zwischenzeit nahezu trockengelegt hat.

Jetzt endlich kommt die erste „sportliche“ Herausforderung auf mich zu: das Einsteigen. Das ist eine etwas wacklige Angelegenheit, aber letztlich finde ich mühelos ins Wassergefährt hin- ein und darf mich vorne im Boot platzieren. Wir entfernen uns vom Steg und nehmen bald Fahrt auf. Henke setzt mich als Vorschoter ein, was bedeutet, das ich bei jedem entsprechenden Manöver das vordere Focksegel bedienen darf. Im Großen und Ganzen funktioniert das ohne Probleme, ich muss nur auf meinen Kopf aufpassen, denn wenn Henke als Steuerfrau das Hauptsegel auf die andere Seite gleiten lässt, bewegt sich der Baum, die Querstange, über mich hinweg.

Die geforderten Manöver, so erfahre ich, heißen Wende und Halse. „Klar zum Wenden!“, lautet Henkes Kommando. Bei einer Wende – so lese ich später bei Wikipedia nochmal nach – erfolgt „ein Kurswechsel, bei dem das Schiff mit dem Bug durch den Wind geht, das heißt der Wind kommt während des Manövers kurzzeitig auch von vorn. Im Gegensatz dazu geht das Boot bei einer Halse mit dem Heck durch den Wind.“

Bei der ersten Halse komme ich mit meinen 55-jährigen Knien nicht ganz so schnell von der einer Bootsseite auf die andere – ein klein wenig sieht es für mich nach Kentern aus, doch Henke beherrscht unser Fahrzeug sicher. „Ich bin der Skipper, nicht das Segel“, versichert die Jugendwartin. Sie zeigt mir, dass man auf der Wasseroberfläche die Böen kommen sehen kann. Sie erklärt, dass das Fähnchen oben am Mast nicht den wirklichen Wind zeigt, sondern eine Mischung aus wehendem Wind und dem Fahrtwind. Zwar flucht sie zwischenzeitlich über ein paar marode Klemmen für die Seile, aber dennoch fühle ich mich – mit zunehmendem Wissen – bei den nächsten Manövern dann schon ganz sicher. Die Sache gefällt mir – Henkes Angebot, das Steuer zu übernehmen, lehne ich allerdings dankend ab. Einen Platzwechsel in der Zwei-Mann-Jolle muss ich nicht haben.

Als wir wieder anlegen, lädt Henke meinen Fotografen Swen Pförtner und auch meinen Praktikanten Andreas Holzapfel zu einer Runde ein. Beide wollen nicht – ihnen hat das Zuschauen gereicht: „Wir haben gedacht, ihr kentert“, sagen sie. „Wir waren noch weit weg vom Kentern“, betont Henke. Außerdem, schmunzelt sie, sei dies überhaupt nicht schlimm: „Kentern ist wie ein Sprung vom Einer.“ Und Lucia Hasse, die Tochter des Sportwarts, behauptet sogar: „Kentern macht Spaß.“
Auch das nächste Mal geht‘s auf das Wasser: Christian Roeben spielt Kanupolo.

Von Michael Bohl