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00:27 23.06.2019
Der Aufbau einer Jurte, die als Treffpunkt dienen soll, erfolgte am Donnerstagnachmittag. Hier, auf dem Johanniskirchhof, will der Verein Klimaschutz Göttingen Gespräche mit Interessierten über Klimaschutz führen. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

In Göttingen werden vom 21. bis 23. Juni die diesjährigen Klimaschutztage ausgerichtet. Das Klimaschutz-Management der Stadtverwaltung hat in Kooperation mit Vereinen und Initiativen ein Programm mit Veranstaltungen und Mitmach-Aktionen ausgearbeitet. „Vom Klimaschutz-Markt mit vielen Akteuren auf dem Johanniskirchhof, Vorträgen und Workshops in der Klima-Jurte bis hin zu einer Radel-Tour“, heißt es auf der Internetseite der Stadtverwaltung. Kein Geringerer als der Journalist, Aktivist und Buchautor Franz Alt wird die Hauptperson der Auftaktveranstaltung am Freitag sein. Alt will zum Thema sprechen „Lust auf Zukunft - Wie unsere Gesellschaft die Wende schaffen wird“. Wer ab 19 Uhr im Alten Rathaus dabei sein will, muss sich allerdings anmelden unter klimaschutz@goettingen.de.

Kirgisische Jurte aus Köln angeliefert

„Was wird denn das hier?“ Die Frage eines neunjährigen Jungen auf dem Kirchhof von St. Johannis ist am Donnerstagnachmittag schnell beantwortet. An der Südseite der Kirche entsteht eine Jurte, eine kirgisische wohlgemerkt, allerdings angeliefert aus Köln. „Sie wird während der Klimaschutztage ein besonderer Ort der Kommunikation sein“, erklärt Prof. Rainer Hoffmann. Er gehört erstens zum Verein Klimaschutz Göttingen und zweitens zu den Organisatoren der Klimaschutztage. Die Jurte, bereits im vergangenen Jahr ein Ort des Gespräches, sei eine zu 100 Prozent mit Naturmaterialien handgefertigte Behausung. „Kein einzige Schraube, nur Seile, Holz und Filz“, zeigt sich Hoffmann begeistert. Er sieht in der Jurte ein Symbol für Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

Am Freitag will er eben hier einen um 11 Uhr beginnenden Vortrag halten, Thema: „Der Meeresspiegel steigt und steigt – was geht als Nächstes unter?“ Bereits um 14 Uhr folgt – ebenfalls in der Jurte – ein illustres Zusammentreffen. Vertreter der Ratsfraktionen haben zugesagt, eine Bilanz zu ziehen. Denn im vergangenen Jahr brachten Göttinger Bürger jeden Alters Wünsche auf Laubblättern aus Papier. So entstand ein Ideen-Baum, der noch einige Wochen im Rathaus und der Universität stand. Die Menschen wünschten sich vor allem mehr Fahrrad- und Fußwege, weniger Autos auf den Straßen, die Vermeidung von Plastik, mehr bewusste Ernährung und anderes mehr. Enthalten waren auch direkte Forderungen an den Rat der Stadt, wie etwa mehr Geschwindigkeitskontrollen und die Legalisierung des sogenannten „Containerns“. Hoffmann ist nun gespannt, ob die Mitglieder des Rates zumindest in einigen Punkten Vollzug melden können. So hatte Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) vor einem Jahr als Jurten-Gast zugesagt, den Radverkehr auszubauen.

Mögliche Gefahren der 5G Mobilfunk-Technik

Ebenfalls am Freitag ab 16 Uhr will Thomas Staude aus Kassel aufzeigen, dass es auch ohne Geld geht – gehen muss. Um die Erde lebenswert zu erhalten, müsse neben mehr Klimaschutz auch ein neues Geldsystem her, meint er. Auch am Sonnabend und Sonntag gibt es Veranstaltungen in der Jurte, die Themen sind Fleisch und Fleischkonsum beziehungsweise der Verzicht und die Alternativen, Solar-Energie vom eigenen Dach, die 5G Mobilfunk-Technik (ein Arzt will auf die möglichen gesundheitlichen Folgen dieser Mikrowellenstrahlung aufmerksam machen) sowie eine Gesprächsrunde mit Vertretern verschiedener „for Future“ Initiativen.

Auch am Sonntag ist die Jurte ein öffentlicher Ort zum Zuhören und Diskutieren und zwar bis zum Abend um 19 Uhr, wenn Kirsten Räke und Donatella Abate zur Entspannung Märchen erzählen und die Texte mit Harfenklängen untermalen.

Grünes Klassenzimmer für Scholl-Schule

Die Kölner kirgisische Jurte soll übrigens nach den Klimaschutztagen zu einer Göttinger Jurte werden. Ziel ist es, sie auf dem Gelände der Integrieren Gesamtschule „Geschwister Scholl“ in Grone aufzubauen und als grünes Klassenzimmer zu nutzen. Da hier bereits ein Meiler steht, mit dem grüne Energie erzeugt werden kann, gerät Hoffmann richtig ins Schwärmen: „Hier kommen traditionelles Handwerk und moderne Energiegewinnung zusammen“, lobt er diese das Klima schützende Symbiose.

Aktive Mitstreiter bei den Klimaschutztagen sind auch Cornelia Lissel und Stephan Holzhaus. Sie gehören zur Initiative Bürgerratschlag Klimaschutz Göttingen. Die gibt es seit gut zwei Jahren, als sich mehrere Menschen nach dem gemeinsamen Anschauen des El Gore-Films „Eine unbequeme Wahrheit“ sagten, dass auf Erden zu wenig passiere in puncto Umweltschutz. „Ja, wir wollen mehr bewegen“, betont Holzhaus. Befragt, was er sich wünsche für die Stadt, spricht er zuerst von einem Gebäude, einem Raum, der für Bürger zu Verfügung steht, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Vielleicht könne die Stadt einen solchen Ort zur Verfügung stellen, um eine räumliche Kontinuität zu schaffen. Auch die Etablierung eines Zukunfts- oder Klimarates hält er für angebracht.

Mehr Akzeptanz schaffen für den Klimaschutz

Nicht immer, weiß Holzhaus, treffen Entscheidungen für mehr Klimaschutz auf Gegenliebe. So habe es relativ heftige Kritik von Anwohnern gegeben, als in einer Göttinger Straße ein Parkplatz für ein einziges Auto in den Abstellbereich für mehrere Fahrräder umgewandelt wurde. Um für solche Maßnahmen mehr Akzeptanz zu schaffen, müsse die allgemeine Information darüber intensiviert werden.

Klimaschutz, sagt Janina Bodmann von der gleichnamigen Stabsstelle der Stadtverwaltung, sei vielschichtig und gehe alle an. „Ich glaube, niemand kann sagen, das ist nicht meine Sache.“ Nicht zwangsläufig habe das Thema nur mit Einschränkungen zu tun. Das Bemühen um eine lebenswerte Zukunft schaffe Begegnungen von Menschen und damit neue Erlebnisse, da es um Themenbereiche wie Mobilität und Lebensstil geht. „Und in diesem Jahr bieten die Klimaschutztage Göttingen wirklich ganz viel“, betont die junge Frau. Das gesamte Programm der bereits 7. Klimaschutztage findet sich unter www.klimaschutz.goettingen.de.

Neu: Städte rufen Klimanotstand aus

Derzeit berichten Medien über einige Städte, die den Klimanotstand ausrufen. Konstanz ist die erste deutsche Stadt, die diesen Schritt ging, gefolgt von Heidelberg, Münster und Saarbrücken. Der Klimanotstand ist eine Reaktion auf die Forderung der „Friday for Future“- Bewegung. Ruft eine Stadt den Klimanotstand aus, wird der Klimawandel als akute Bedrohung anerkannt. Zudem bestätigt die jeweilige Stadtverwaltung, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend zum Klimaschutz beigetragen haben. Mit dem Ausruf des Klimanotstandes soll der Klimaschutz stärker in den Fokus gerückt werden, heißt es in einem Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ). So sollen bei künftigen kommunalen Entscheidungen die Auswirkungen auf das Klima berücksichtigt werden. Es handle sich aber nicht um einen Notstand im rechtlichen Sinne. Diesen könne nur der Bundestag ausrufen. Vielmehr ist der Klimanotstand ein politischer Appell und eine symbolische Geste, heißt es.

„Friday for Future“ fordert Einhaltung

Mit ihren Fridays for future Demos haben es vor allem die daran beteiligten jungen Menschen geschafft, dass die Politik sensibler mit dem Thema Klimaschutz umgeht. Quelle: Christina Hinzmann

Seit Monaten streiken Schüler der Bewegung „Friday for Future“ jeden Freitag für mehr Klimaschutz. Die Forderung der zumeist jungen Demonstranten ist es, dass weltweit die Ziele des Pariser Abkommens eingehalten werden. Unter anderem soll ein Viertel der deutschen Kohlekraftwerke abgeschaltet und „die globale Erwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius“ begrenzt werden, heißt es auf der Internetseite der „Friday for Future“ Bewegung.

Göttingen: Klimanotstand reicht nicht

Der Klimanotstand spielt in Göttingen keine Rolle. Sabine Morgenroth, Fraktionsmitglied der Grünen und Sprecherin für Energie und Klimaschutz, bewertet den Klimanotstand grundsätzlich zwar als positive Maßnahme. Sein Ausruf habe in Göttingen aber keinen Sinn. „Ich denke, dass der Begriff Klimanotstand für uns nicht passend ist. Seit 1991 ist Göttingen schon mit dem Klimawandel beschäftigt.“ Zahlreiche Maßnahmen seien schon ergriffen worden. „Es muss viel mehr passieren, als nur der Ausruf des Klimanotstandes.“ Morgenroth bewertet den Begriff als zu oberflächlich. Vielmehr müssen Klimaanpassungsstrategien entwickelt, Ressourcen und „Kompromisse gefunden werden, um weniger Schäden anzurichten und die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen“.

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Von der Maßnahme eines Klimanotstandes hält Janina Bodmann von der Stabsstelle Klimaschutz und Energie der Göttinger Stadtverwaltung nicht allzu viel. „Göttingen geht das Thema positiv an“, sagt sie gegenüber dem Tageblatt und verweist auf die derzeitigen Klimaschutztage. In der Vorbereitung eines vielfältigen Programms stecke ganz viel Herzblut. Außerdem möchte sie auf den „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz“ der Stadt aufmerksam machen, der seit fünf Jahren besteht und in diesem Jahr neu bewertet werden soll. Wenn die Stadt Göttingen, wie geplant, im Jahr 2050 klimaneutral sein will, „dann müssen alle mit anfassen“, sieht die Mitarbeiterin der Verwaltung hier vor allem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Kassel soll Klimanotstand ausrufen

Nach Angaben der Hessischen Niedersächsischen Allgemeine (HNA) fordern die Grünen in Kassel, dass auch hier der Klimanotstand ausgerufen werden soll. „Als Großstadt in Europa haben wir die Aufgabe, auf allen Ebenen aktiv zu werden“, so der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Boris Mijatovic. „Wir haben noch die Chance, dass künftige Generationen in einer lebenswerten Welt eine Zukunft bekommen.“

Von Ulrich Meinhard und Laura Giebner

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