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Göttingen Kniefall statt Heiratsantrag hoch zu Ross
Die Region Göttingen Kniefall statt Heiratsantrag hoch zu Ross
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13:28 28.09.2011
„Die will ich heiraten“: Rudi Selke hat sein Ziel erreicht. Heute ist er mit Grete 60 Jahre lang verheiratet. Quelle: Hinzmann
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Gladebeck

In Kreuzburg an der Oberelbe wuchs Grete Selke als Jüngstes von sechs Kindern auf einem Bauernhof auf. 1950 floh sie mit ihrer Mutter. Über das Grenzdurchgangslager Friedland gelangten Mutter und Tochter zum Bruder der Mutter nach Gladebeck. „Gott, bewahre dich vor Sturm und Wind und Menschen, die aus Danzig sind“, scherzt ihr Mann. Mit 16 Jahren wurde der Danziger im Zweiten Weltkrieg eingezogen. Auch ihn hat der Krieg in den Westen getrieben. Auf Suche nach einer Anstellung zog er danach mit einem Freund von Dorf zu Dorf und fand bei einem Gladebecker Bauern Arbeit.

„Die will ich heiraten“, sagte er, als er Grete mit ihrem leuchtend blonden Haar das erste Mal von weitem sah. „Wir haben uns gesehen und nicht wieder aus den Augen verloren“, bekräftigt sie. Und Rudi sorgte dafür, dass sie auch ja mit keinem anderen tanzte. Beim Pfingstreiten fasste sich Rudi ein Herz und wollte Grete einen Heiratsantrag machen. Zu Pferd, so dachte er sich, hat das mehr Wirkung. Doch als er hoch zu Ross vor ihrem Fenster stand und sie den Fensterflügel aufstieß, erschreckte sich das Pferd und sprang zur Seite. Im „Kniefall“ sei er vor ihr gelandet. „Ich habe mich kaputt gelacht“, erzählt Grete Selke. Aber sie gab ihm ihr Ja-Wort.

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Mit ihren drei besten Freunden als Trauzeugen heirateten die beiden. Die Mutter hatte zum Kaffee gebacken, doch der Hochzeitskuchen schmeckte nicht. „Aus Schabernack“, so meint die Hausfrau, hätten sie saures Mehl bekommen. Ihr einziges Hochzeitsgeschenk halten sie bis heute in Ehren – eine Schale von Trauzeugin Elli.

Fünf Kinder zog das Paar groß. Das Haus, in dem das Diamanthochzeitspaar bis heute wohnt, baute Rudi Selke Stein für Stein selbst. Er lernte den Beruf des Bergmanns. Als der Kalischacht Reyershausen geschlossen wurde, war er 40 Jahre alt. Kein gutes Alter, um Arbeit zu finden. Mit seiner ersten Fahrt in einem Sattelzug, sicherte er sich eine Stellung als Fahrer bei Lünemann. Um ihre kranke Mutter zu pflegen, gab Grete ihre Arbeit auf.

Sie hielten immer ein bis zwei Hunde. Gemeinsam erkundeten sie ganz Italien. Wichtig war für Grete Selke die Fahrt zum Grab ihres Bruders in Monte Casino. Im Alter von 18 Jahren fiel dieser als Fallschirmspringer.

„Die Zeit geht hin“, sagen die beiden mit nun über 80 Jahren. Neun Enkel und vier Urenkel sorgen für Leben in der großen Familie. Und eines ist für Rudi Selke mit Blick auf Grete bis heute ebenso klar wie früher: „Wo sie hin will, gehe ich mit.“

Von Ute Lawrenz