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Göttingen Bodenpersonal für den Nuss-Specht
Die Region Göttingen Bodenpersonal für den Nuss-Specht
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17:00 21.06.2019
Specht-Kunst: Herz-Loch in der Haselnuss.
Specht-Kunst: Herz-Loch in der Haselnuss. Quelle: Anke Weber
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Im Herbst habe ich ein Körbchen mit Haselnüssen, so klein, dass sie durch jeden Nussknacker gerutscht sind, geschenkt bekommen. Zwischen den Nüssen klemmte ein Zettel, auf dem stand: Für die Eichhörnchen. Dass ich Nüsse für Eichhörnchen geschenkt bekomme, liegt daran, dass ich einen Eichhörnchen-Futterkasten im Garten habe. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass die Eichhörnchen Walnüsse bevorzugen. Die Haselnüsse blieben als Bodensatz im Kasten zurück. Sogar im Frühjahr noch, als mein Walnuss-Vorrat zu Ende ging und Nachschub nur sehr reduziert von mir kam, verschmähten die Eichhörnchen die kleinen Haselnüsse. Es kann nicht am Geschmack gelegen haben. Ich habe sie selbst probiert, indem ich sie vorsichtig mit einem Hammer aufgeschlagen habe. Es waren sehr aromatische Nüsse. Trotzdem ließ ich den Bodensatz im Futterkasten liegen. Es handelte sich schließlich ausdrücklich um Nüsse für die Eichhörnchen.

Vor etwa drei Wochen vernahm ich, während ich Kaffee kochte, ein intensives Klopfgeräusch. Am Futterkasten saß ein Buntspecht und hackte auf die Plexiglasscheibe ein, hinter der die Nüsse zu sehen waren. Kurz darauf flog er davon. Spechte verfügen offenbar nicht – wie Eichhörnchen – über die Fähigkeit, den Deckel anzuheben, um an die Nüsse zu kommen. Am nächsten Tag, zur gleichen Uhrzeit, klopfte erneut der Specht an den Kasten. Offensichtlich fragte da jemand ganz eindringlich nach Nahrung. Ein Hilferuf, den ich nicht überhören konnte. Zumal im Wald neben meinem Grundstück junge Buntspechte krakeelten. Kleine Spechte machen ziemlich viel Lärm –selbst wenn ich sie nicht sehen kann, weiß ich, dass sie da sind. Vermutlich hatte der an die Scheibe klopfende Specht ein paar Schnäbel zu stopfen. Also öffnete ich die Klappe zu der verlockenden Futterquelle. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ein Buntspecht wirklich Haselnüsse knacken könnte. Tatsächlich nahm der Haselnussbestand im Kasten aber stetig ab. Manchmal konnte ich den Specht sogar dabei beobachten, wie er sich, augenscheinlich skeptisch, über den Rand des Kastens beugte und eine Nuss herausangelte. Im Minutentakt holte er sich die Nüsse. Das Leben mit Vogeljungen scheint anstrengend zu sein. Mehrmals füllte ich Nüsse nach. Quasi als Bodenpersonal.

Unter meiner Eiche habe ich inzwischen einen Haufen Haselnüsse entdeckt. Alle hatten ein Loch und waren leer. Mein Tischlein-deck-dich scheint bei der Buntspecht-Familie sehr gut angekommen zu sein. Die meisten Löcher waren oval. Aber eines hatte die Form eines Herzens. So ein freundlicher Specht. Als Dank für meine Hilfe hat er mir ganz eindeutig eine Herz-Botschaft hinterlassen.

Info: Sie erreichen die Autorin unter E-Mail: autorin@anke-weber.de

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Von Anke Weber