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Göttingen Brötchen holen
Die Region Göttingen Brötchen holen
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08:00 13.04.2019
Krosse Kerle, Jogger oder einfach nur Brötchen – der duftende Beginn des Wochenendes. Quelle: Weber
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Göttingen

Brötchen sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass Wochenende ist. Wer auf dem Dorf wohnt und nicht auf dem Weg zur Arbeit an einer Bäckerei vorbeikommt, zelebriert das extra geholte Brötchen am Wochenende nämlich. Als Kind habe ich sonnabends oft Brötchen geholt. Gerne aus der Backstube. Dort bekam man sie schon in aller Frühe. Als Jugendliche fielen wir nach einer Party manchmal wie eine Rotte hungriger Wildschweine in die Backstube ein. Jedenfalls war ich oft dort, habe den Duft der frischen Backwaren genossen und mich gleichzeitig etwas unwohl gefühlt, weil der Bäcker seine Arbeit unterbrechen musste. Peinlich war es mir besonders, wenn ich das Geld nicht passend hatte. Dann wischte er sich seine mehligen Hände an der weißen Hose ab und öffnete die kleine Metallkassette mit dem Wechselgeld, die dort für solche Fälle stand. Inzwischen kenne ich keinen Bäcker mehr, bei dem ich meine Brötchen aus der Backstube holen kann. Aber das Wochenend-Brötchen ist für mich nach wie vor ein Genuss.

Unter den diversen Arten von Brötchenessern bin ich den Pulern zuzuordnen. Manche Menschen bevorzugen ein Brötchenmesser, damit die Schnittflächen schön glatt sind. Ich dagegen mag den Schnitt mit dem stumpfen Frühstücksmesser, der das Weiße schon fast herausreißt, sodass ich es gut aus der Mitte des Brötchens pulen und zuerst essen kann. Früher habe ich Brötchen zu diesem Zweck wie eine Salami angeschnitten und mit den Fingern ausgehöhlt. Es gibt Leute, die es zusammenklappen und solche, die es längs der Kerbe auseinanderreißen und die Hälften dann in Marmelade tunken. Oft sind es diejenigen, die mehr die Zeitung als das Brötchen zelebrieren. Sie bringen die Brötchen mit, wenn sie die Zeitung holen. Nicht umgekehrt. Die Puler, wie ich, können grundsätzlich nicht an Teig vorbeigehen und zupfen Hefeteig am liebsten schon auseinander, bevor er den Backofen erreicht. Es sind auch diejenigen, die früher Löcher in frische Brote gepult haben.

Tatsächlich lassen sich Menschen aber schon zu einem früheren Zeitpunkt, nämlich beim Einkauf der Brötchen, kategorisieren. Es gibt die, die schon vor dem Frühstück wie aus dem Ei gepellt erscheinen. Frisch geduscht, wahrscheinlich waren sie auch schon joggen, verbreiten sie provozierende Wachheit zwischen denen, die sich noch den Schlaf aus den Augen blinzeln und deren Füße in Latschen stecken, die sie sonst nicht einmal zum Badeteich anziehen würden. Und warum stehen eigentlich hauptsächlich Männer in der Schlange beim Bäcker? Weil Frauen sich nicht ungewaschen und in Jogginghose zwischen ihre Mitmenschen stellen wollen. Meine Theorie. Aber reine Spekulation. Sicher ist: Wer wissen möchte, wie die Menschen in der näheren Umgebung wirklich aussehen, geht am Wochenende frühmorgens zum Bäcker.

Info: Sie erreichen die Autorin unter E-Mail: autorin@anke-weber.de

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Von Anke Weber