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Göttingen Das geheime Leben der Socken
Die Region Göttingen Das geheime Leben der Socken
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15:00 24.05.2019
Sockenoptik nach dem Gebrauch in Gummistiefeln Quelle: Anke Weber
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Als die Kniestrümpfe aus meinem Leben endgültig verschwunden waren, dachte ich für kurze Zeit, das ständige Hochziehen der Strümpfe habe ein Ende. Socken hatte ich vergleichbare Zicken nicht zugetraut. Heute weiß ich es besser – Schlottersocken sind eine alltägliche Plage, mit der sich nicht nur Kinder herumärgern müssen. Häufig kommen sie in Gummistiefeln vor. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Und Söckchen rutschen eher als Socken. Wahrscheinlich hatte ich dieses Phänomen deshalb im Winter fast vergessen. Doch jetzt, bei annähernd sommerlichen Temperaturen, werde ich wieder damit konfrontiert. Überwiegend dann, wenn ich diese Socken trage, deren Aufgabe es ist, in Sneakers, ehemals Turnschuhe genannt, nahezu unsichtbar zu bleiben. Die ästhetische Idee dahinter gefällt mir. Allerdings taugen die sogenannten Füßlinge als Socken nur bedingt.

Im Arbeitsrausch oder in Gummistiefeln verwandeln sie sich innerhalb kürzester Zeit in Zehlinge. Zusammengerollt zwischen Fuß- und Schuhspitze erobern sie sich penetrant eine präsente Stellung im Bewusstsein ihrer Träger. Sie siedeln sich als Stoffklumpen dort an, wo sie den größtmöglichen Störeffekt erzielen. Als hätten sie einen eigenen fiesen Willen. Statt meinen Fuß vor Blasen zu schützen, nerven sie nur herum und erzeugen ein Gefühl kindlichen Unwohlseins in mir. Sie zwingen mich zu einem ständigen Stop and Go. Zehn Meter gehen, stehenbleiben, auf einem Bein herumhüpfen, Socke richten, weitergehen. Manchmal gerät der Körper beim einbeinigen Stehen und gleichzeitigen Hochziehen der Socke aus dem Gleichgewicht. Ein kurzer Wackler und zack – Fuß aufgesetzt und Socke dreckig, nass oder beides. Es gibt dann zwei Möglichkeiten. Erstens: Tapfer mit der schmutzigen Socke und dem reibenden Gefühl von Sand zwischen den Zehen weiterstiefeln. Zweitens: Barfuß in den Stiefel schlüpfen und später tapfer mit der sich entwickelnden Blase voranschreiten. Barfuß ist oft keine Option, da die Gummistiefel in den meisten Fällen wegen ihrer Schutzfunktion getragen werden. Aktuell sind es die Zecken, die ich auf diese Weise fernhalten möchte. Manchmal handelt es sich aber auch um Nässe. Nach einem Wackler und Fußaufsetzer sind die Gummistiefel übrigens dauerhaft versaut. Der Innendreck überträgt sich von nun an zuverlässig durch die Socke auf den Fuß.

Um Abhilfe zu schaffen, habe ich mir Herrensocken gekauft. Genauer gesagt: Wandersocken. Die sind länger. Und haben angeblich einen besseren Halt. An meinem Bein erinnern sie an die verhassten Kniestrümpfe meiner Kindheit. Sehen doof aus und rutschen trotzdem. Deshalb heißen sie wohl auch Wandersocken. Ich hätte ahnen sollen, dass es sich bei dem Etikett um ein Warnschild handelt.

Info: Sie erreichen die Autorin unter E-Mail: autorin@anke-weber.de

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Von Anke Weber