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Göttingen Magische Baum-Monster
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00:21 27.08.2018
Frau Waldstandamrand gehört zur Familie der Baum-Monster.
Frau Waldstandamrand gehört zur Familie der Baum-Monster. Quelle: Anke Weber
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Göttingen

Neue Bekanntschaften sind rar in meiner Gegend, denn in der Waldrand-Nachbarschaft gibt es nicht viel Zuzug. Also war es fast eine Sensation, dass ich vor etwa einem Jahr eine neue Nachbarin bekam. 

Eine von der Sorte, mit der man sofort Spaß hat, der man direkt den Hund und den Schlüssel für das Haus anvertraut, mit der man nächtelang reden und spontan völlig verrückte Sachen machen kann. Zur Wintersonnenwende Dämonen mit Apfelkernen bespucken, Fröschen am Teich Namen geben, Alu-Helme zum Schutz gegen Außerirdische basteln und andere Dinge dieser Art.

Es ist nicht so, dass ich mich zuvor gelangweilt hätte oder vereinsamt wäre. Obwohl Freunde aus der Stadt beides aufgrund meiner abgeschiedenen Wohnlage häufig befürchteten. Aber ein Tag im Wald kann äußerst aufregend sein. Regelmäßig müssen Tiere gerettet werden, zum Beispiel Igel, die beim Plündern der gelben Säcke in einer Dose steckengeblieben sind. Und dank moderner Technik verliere ich auch nicht den Kontakt zur Außenwelt. Selbst wenn die als Überlandkabel zu mir kommende Technik zuweilen als Kabelsalat am Boden liegt, weil Mähdrescher oder Stürme sie vom Mast gerissen haben, gibt es noch Kommunikations-Möglichkeiten. Mit Nachbarn, Landwirten, Radfahrern oder Beerenpflückern. Insofern gab es immer Abwechslung. Mit der neuen Nachbarin dann sowieso. Aber die zieht jetzt wieder weg. Und weil sie ein Jahr lang dem Leben im Wald eine zuvor nicht dagewesene Quirligkeit verliehen hat, befürchtete nun auch ich, dass mir nach ihrem Weggang alles ein bisschen still vorkommen könnte. Bis ich neulich Frau Waldstandamrand entdeckte.

Anke Weber Quelle: R

Schon wieder eine neue Nachbarin. Die Dame mit blondem Reisig-Haar und Maiskolben unter dem Stirnband gehört zweifelsohne zur Gattung der Baum-Monster, die neuerdings die Gegend rund um mein Haus bewohnen. Keine Frage, wer sie hier angesiedelt hat. Sie verbreiten mitreißende Fröhlichkeit. Frau Waldstandamrand, mit Lehm-Augen so groß wie Fußbälle und langen Wimpern aus Ähren, hat die Eiche vor meinem Haus bezogen. So wie die Dame auf mich wirkt, ist sie auf sympathische Art ein bisschen verrückt und man kann sie rund um die Uhr anquatschen. Wahrscheinlich hat ihre Schöpferin sie extra so gestaltet – damit ich auch in Zukunft eine völlig verrückte Freundin habe, die direkt vor meiner Tür wohnt. Sollte mir also demnächst wirklich mal die Decke auf den Kopf fallen, wird mich Frau Waldstandamrand daran erinnern, dass die Welt voller aufregender Wunder und Wörter ist. Und dass Langeweile und Einsamkeit nur Dämonen sind, die man mit Apfelkernen bespucken und vertreiben kann.

Sie erreichen die Autorin per E-Mail, bei Instagram und Facebook.

Quelle: Reyer

Von Anke Weber

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