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Göttingen Mahlzeiten vom Straßenrand
Die Region Göttingen

Kolumne Mein Landleben: Mahlzeiten vom Straßenrand

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07:00 02.10.2021
Leckereien stoppeln.
Leckereien stoppeln. Quelle: Anke Weber
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Göttingen

Meine Umgebung ernährt mich reichlich. Überraschend frühzeitig hat der Wald mich dieses Jahr schon im August mit Pilzen versorgt. Und nach ein paar Regentagen hat die Pilzsaison nun wirklich begonnen. Dabei sind die Blaubeeren noch gar nicht richtig abgeerntet. Hier und da entdecke ich immer noch einen Strauch, an dem ein paar Beeren hängen. Die Köstlichkeiten teile ich mir mit anderen Leuten, die ihr Essen ebenfalls im Wald sammeln.

Ich liebe es, am Wegesrand gefundene Nahrungsmittel zu verzehren. Es hat etwas Archaisches, aus den gefundenen Kräutern, Beeren oder Pilzen eine Mahlzeit zu bereiten. Wie profan ist dagegen ein Einkauf im Supermarkt. Keine Tiefkühlpizza kann mit einer Sammler-Mahlzeit mithalten. Überschwänglich habe ich also neulich beschlossen, einen ganzen Tag lang zu sammeln und zu kochen. Ein halber Tag hätte locker gereicht. So viele Früchte wachsen dann nämlich doch nicht am Wegesrand. Mein Hund hatte sogar mehr Ernteerfolg als ich. Er mag Mais. Und an jenem Tag war gerade der Maishäcksler unterwegs. Auf dem Feld lagen noch reichlich Reste herum. Ewig hockte ich am Feldrand und sah dabei zu, wie mein Hund Maiskolben zermalmte. Vorübergehend empfand ich ein bisschen Beute-Neid. Doch an anderer Stelle kam bald darauf auch ich zum Zuge. Ein Kartoffelbauer gab mir sein Feld frei. Was für eine Fülle! Eifrig bin ich über den Acker gestapft und habe mich nach liegengebliebenen Kartoffeln gebückt. Kartoffeln stoppeln ist der reinste Spaß. Und so effektiv. Abends saß ich mit schmerzendem Rücken bei frischen Pellkartoffeln mit Quark am Tisch und befand, dass selbstgesammeltes Essen einfach besser schmeckt.

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Deshalb halte ich auch immer an der schönen Apfel-Allee in meiner Nähe an. Die Früche leuchten Passanten und Autofahrern schon von Weitem entgegen. Während ich lediglich ein paar Äpfel für den Wochenbedarf auflese, stoppen auch emsige Vollernter dort. Sie kommen mit Fahrrad- oder Autoanhängern, haben Kescher dabei und decken sich für den Winter ein. Vielleicht bringen sie die Äpfel auch zur Mosterei und genießen in nächster Zeit wohlschmeckenden Apfelsaft. Mir gefällt die Idee von kostenlosem Obst, das alle miteinander teilen. Und was die anderen Menschen mit ihrer Straßenrand-Ernte machen, war mir bisher völlig egal. Bis ich in einem anderen Dorf mit meiner Freundin auf einer ähnlichen Apfel-Allee ebenfalls Äpfel gesammelt habe. Wir waren längst zurück im Haus und damit beschäftigt, Apfelkuchen zu backen, als es vor der Haustür hupte. Auf der Straße stand ein Auto mit Anhänger. Das Gespann war uns bei unserem kleinen Beutezug schon aufgefallen. Neugierig liefen wir zur Gartenpforte. Die Beifahrerin stieg aus und deutete auf den Anhänger. „Wollen Sie Äpfel kaufen?“ Nein wollten wir nicht. Aber gerne hätten wir ihr das Prinzip geteilter Freude erklärt.

Von Anke Weber