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Göttingen Meditative Beschäftigung mit Steinen
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15:00 10.05.2019
Gabionen – der Zwitter zwischen Maschendrahtzaun und Mauer. Quelle: Anke Weber
Göttingen

Seit ich denken kann, habe ich ein Faible für Steine. Schon für den Huckekasten, auch als Hinkekasten bekannt, waren in meiner Kindheit zwei Steine bedeutend. Mit einem Kreidestein wurden die Felder auf die Straße gemalt. Nicht jeder Stein ist dafür geeignet. Die zweite Suche galt dem Wurfstein. Er musste, ähnlich dem Stein, den man über das Wasser flippen lässt, von besonderer Beschaffenheit sein. Ein guter Wurfstein ist frei von Ecken und Kanten, damit er beim Aufprall nicht unberechenbar springt, außerdem sollte er angenehm in der Hand liegen. Auch Kinder wissen die Ästhetik eines Spielsteines zu schätzen. Vielleicht ist das die Vorgeschichte zu meiner Stein-Liebe. Jedenfalls legte ich früher Muster aus kleinen Steinchen auf den Hof und verbringe noch heute meine Strand-Urlaube mit dem exzessiven Sammeln von Steinen. Je nach Angebot suche ich Lochsteine, Herzsteine, Handschmeichler-Steine oder besonders kugelige Steine. Mein Cousin war derjenige, der mir das Flippen, also die Kunst, einen Stein über das flache Wasser springen zu lassen, vermittelt hat. Und mein Cousin war es nun auch, der meine Liebe zu Steinen auf die Probe gestellt hat.

Tatsächlich habe ich mich freiwillig bei ihm zum Arbeitsdienst gemeldet, als er eine lange Reihe von Gabionen mit Sandsteinen zu füllen hatte. Gabionen sind diese Zwitter zwischen Mauer und Maschendrahtzaun, die neuerdings die Grundstücksgrenzen zieren. Also hohe schmale Käfige, die mit Steinen befüllt werden. Ich mag diese Ästhetik sehr und ging hochmotiviert mit der Familie meines Cousins und meinem Mann an die Arbeit. Allerdings verhält es sich mit der Stein-Wahl für Gabionen so ähnlich wie mit der für Huckekästen. Ecken und Kanten gelten als störend und sollten nicht aus der glatten Gesamtoptik einer Gabione hervorstechen. Daher warfen wir immer nur wenige Steine in die Gabionen, steckten unsere Hände wie Hänsel und Gretel durch das Gitter und brachten jeden einzelnen Stein in eine perfekte Position. Dann rannten wir um den Zaun herum und optimierten die Rückseite. Ich habe an jenem Tag jeden Witz oder Spruch über Steine gehört oder gemacht, den es gibt. Davon bin ich überzeugt. In meiner Nase, meinen Haaren, Klamotten und jeder einzelnen meiner Hautporen hatte sich Sandsteinstaub festgesetzt. Meine Hände fühlten sich an, als wären sie mit einem Hammer bearbeitet worden.

Müde und vorübergehend der Steine etwas überdrüssig, sank ich abends ins Bett. Seit langer Zeit hatten wir uns mal wieder außerhalb einer Familienfeier miteinander ausgetauscht. Vielleicht sollten Familien neben Weihnachtsund Geburtstagsfeiern auch jährliche Garten- oder Baustellenfeiern etablieren. Das Gemeinschaftsgefühl bei gemeinsamen Arbeiten ist irgendwie erfüllender, als das beim kollektiven Fressgelage. Ich habe mich jedenfalls beim Einschlafen steinreich gefühlt.

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Von Anke Weber