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Göttingen 70 Kilo abgenommen: So hilft die Chirurgie
Die Region Göttingen 70 Kilo abgenommen: So hilft die Chirurgie
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17:31 04.12.2019
PD. Dr. Thilo Sprenger mit Olga Smorodin bei einer Magen-Bypass-OP in der UMG. Die Klinik für Chirurgie ist als Kompetenzzentrum zertifiziert. Quelle: r
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Göttingen

Marc Thiele hat sich fast halbiert. Der 48-jährige Göttinger hat sich in der Universitätsmedizin Göttingen den Magen verkleinern lassen. Dort ist das einzige, im Herbst von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie zertifizierte, Kompetenzzentrum für Adipositaschirurgie in Südniedersachsen angesiedelt.

Die Gesellschaft zeichnet Kliniken mit dem Zertifikat aus. Im September hat der Chef der Klinik für Chirurgie der UMG, Prof. Michael Ghadimi, die Urkunde entgegengenommen. „Solch eine Zertifizierung ist schon ein großer Aufwand”, sagt er. Dennoch: „Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass das sinnvoll ist”, sagt er.

Alles unter einem Dach

In dem Kompetenzzentrum arbeiten nicht nur Chirurgen, sondern auch Mediziner und Mitarbeiter anderer Disziplinen unter einem Dach. Auch Oberarzt und Leiter der interdisziplinären Adipositasambulanz, Prof. Dirk Raddatz, Ernährungswissenschaftlerin Dr. Vivien Faustin, Ärztin Carola Schlegel und Casemanagerin Kerstin Johanning zählen zum Team. Chirurg Dr. Thilo Sprenger ist der Schwerpunktleiter für Adipositaschirurgie und damit der Mann, der im OP viele dieser Eingriffe ausführt.

Dr. Carola Schlegel, Patient Marco Thiele, Prof. Dirk Raddatz, Dr. Thilo Sprenger, Kerstin Johanning, Dr. Vivien Faustin und Prof. Michael Ghadimi. Quelle: bib

„Ich fühle mich hier wirklich rundherum gut betreut”, sagt Thiele. Auch wenn er heute völlig normal aussieht, er kommt regelmäßig zur Nachsorge zu seinen Ärzten. „Im Jahr 2016 habe ich einen Beitrag im TV über Magenoperationen gesehen”, sagt er. Danach fiel der Entschluss. Der 160-Kilo-Mann hatte bereits alles versucht, machte schon ein Jahr lang in der Optifast-Gruppe von Faustin mit. Nachhaltig Gewicht zu verlieren, das war ihm nicht gelungen. „Ich habe von Jahr zu Jahr immer mehr zugenommen”, erzählt der Göttinger. Heute ist er kaum wiederzuerkennen. 70 Kilo hat er verloren.

Lesen Sie auch: 25 Jahre Adipositas-Ambulanz an der UMG

Erst Schlauchmagen, dann Bypass

„Wir haben zunächst den Magen verkleinert”, erklärt Chirurg Sprenger. Die Eingriffe führt der Mediziner laparoskopisch aus, das heißt, es fallen nur kleine Schnitte an der Bauchoberfläche an. Der sogenannte Schlauchmagen half Thiele etwa ein Jahr lang, kräftig an Gewicht zu verlieren. In einer zweiten OP im Folgejahr wurde dann ein Bypass gelegt. Das war bei ihm nötig, weil Thiele unter anderem an aufsteigender Magensäure litt. Das Krankenhaus konnte der Patient jeweils nach einigen Tagen verlassen.

Marc Thiele hat 70 Kilo abgespeckt. Quelle: r

Thiele wurde 2017 und 2018 operiert. „Seitdem halte ich mein Gewicht”, sagt er. Die Operation habe sein Leben komplett verändert. „Alles hat sich verändert”, sagt er und nennt als Erstes sein Selbstbewusstsein. Heute könne er viel besser auf Menschen zugehen. Blutdruckmedikamente müsse er nicht mehr nehmen und seinen Gelenken gehe es ebenfalls viel besser. „Ich habe nie bereut, dass ich das gemacht habe. Ich bereue nur, dass ich es nicht früher gemacht habe”, betont der Göttinger.

Thiele ist ein idealer Patient. Er war durch das Optifast-Programm mental und körperlich gut vorbereitet, sein BMI lag – wie im Durchschnitt aller Patienten – bei 50. Die Krankenkassen bezahlen einen chirurgischen Eingriff in der Regel bei Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 40. „Wer einen BMI von 35 und mindestens zwei Begleiterkrankungen wie Diabetes, Hochdruck, Schlafapnoe oder Fettstoffwechselstörungen hat, kommt ebenfalls als Patient infrage”, sagt Raddatz. Unbehandelt hätten schwer adipöse Patienten ein nahezu hundertprozentiges Risiko, solche Begleiterkrankungen zu entwickeln.

Marc Thiele hat 70 Kilo abgespeckt. Quelle: r

Nach Bypassoperationen verschwindet meist auch Diabetes

Vor allem bei Diabetes, so erklären Sprenger und Raddatz, profitieren Menschen, die sich einer Magen-Bypass-Operation unterziehen, erheblich. „Bei fast allen Patienten, die sich einen Magen-Bypass legen lassen, verschwindet der Diabetes kurz nach der OP”, sagt Sprenger. Noch seien nicht alle Prozesse im Zusammenhang mit der Adipositas-Chirurgie bekannt. Beispielsweise sei noch unklar, warum einige Patienten auch Jahre nach der Operation nicht zunehmen, etwa 15 Prozent hingegen schon. Aufs Ausgangsgewicht allerdings brachte es noch niemand. „Im Tierversuch wurde gezeigt, dass einige operierte Ratten zunahmen, während andere, die exakt die gleiche Menge Futter bekamen, ihr Gewicht behielten”, so Sprenger. Auch Antibiotika, die über einen längeren Zeitraum eingenommen wurden, beeinflussten das Gewicht. Dennoch: Studien hätten eindeutig gezeigt, dass die Lebenserwartung der Menschen durch eine OP steige.

„Die Deutschen werden immer dicker”

„Die Deutschen sind im europäischen Vergleich Schlusslicht in der Adipositas-Chirurgie”, sagt Prof. Dirk Raddatz, Oberarzt der Abteilung Gastroenterologie/Endokrinologie und Leiter der Göttinger Adipositasambulanz. „Wir haben die wenigsten Eingriffe aber die schwersten Menschen”, so der Mediziner. „Die Deutschen werden immer dicker”, schreibt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGN). Deren Angaben zufolge nahm der Anteil adipöser Männer von 1999 bis 2013 um 40 Prozent zu, der adipöser Frauen um 24,2 Prozent. Übergewicht stieg im gleichen Zeitraum bei den Männern um 8,3 und bei den Frauen um 4,5 Prozent an. Mediziner sprechen ab einem Bodymaßindex (BMI) von 25 von Übergewicht, ab 30 von Adipositas, also Fettleibigkeit. Und: „Die Zahl der Übergewichtigen nimmt in Deutschland weiterhin zu”, so die DGN. 59 Prozent der deutschen Männer und 37 Prozent der Frauen sind übergewichtig. Männer sind besonders häufig zu dick: Am Ende ihres Berufslebens sind 74,2 Prozent übergewichtig. Bei den Frauen im gleichen Alter sind es 56,3 Prozent.

Thiele hat es geschafft. Auch er musste dazulernen. In einen Magen, der nur noch 120 Milliliter statt zwei Liter fasst, passt nicht viel hinein. „Bei uns bleiben die Patienten lebenslang in der Nachsorge”, sagt Schlegel. Die engmaschige Nachsorge ist eines der Kriterien, die ein Kompetenzzentrum vorweisen muss. „Ein weiteres wichtiges Merkmal des Zertifikats ist eine geringe Komplikationsrate”, erklärt Sprenger. Bis zu 70 Eingriffe pro Jahr verzeichnet die Klinik für Chirurgie in der UMG. Seit 2010 werden alle Fälle dokumentiert. Auch wenn die Komplikationsrate gering ist: Eine Operation birgt immer Risiken.

Zentrum – auch für schwere Fälle

Die Zahl der Fettleibigen steigt, zudem werden die Patienten immer schwerer. Im vergangenen Jahr behandelten die UMG-Spezialisten eine Frau, die 240 Kilo auf die Waage brachte. Auch für solche Extremfälle ist ein Kompetenzzentrum da – es gibt spezielle Betten, OP-Tische und Toiletten. „Prinzipiell kann jedem geholfen werden”, sagt Sprenger. Zumindest dann, wenn keine schweren anderen Krankheiten oder Abhängigkeiten vorliegen. Außer den Chirurgen, Ernährungsberatern, Psychiatern und Fachärzten der Inneren Medizin stehen in der UMG auch plastische Chirurgen bereit, um am Ende des Leidensweges überflüssige Hautlappen zu entfernen. Das alles ist Teamarbeit. „Die Chirurgie alleine kann es nicht”, sagt Sprenger.

Thiele geht es „wunderbar”. Heute genießt er maximal eine halbe Currywurst. „Früher waren es drei oder vier”, sagt er. Er hat gelernt, neu zu essen. Denn: „Den Kopf, den kann man nicht operieren”, sagt der Göttinger.

„Chirurgie auf hohem Niveau“

Mit ihrer Initiative, Abteilungen für Chirurgie Zertifikate zu verleihen, möchten die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) nach eigenen Angaben dazu beitragen, „die Qualität der Abteilungen darzustellen und mit Hilfe des Internets transparent zu machen”. Die DGAV wolle bewirken, dass die Qualität fortlaufend verbessert wird. Zur Umsetzung dieser Initiative wurden für chirurgische Erkrankungen und Prozeduren von den zuständigen Arbeitsgemeinschaften nach wissenschaftlichen Vorgaben und klinischer Erfahrung Qualitätsindikatoren und -standards entwickelt. Wenn eine chirurgische Abteilung diese Kriterien nachweisen kann, sei davon auszugehen, dass hier Chirurgie auf hohem Niveau betrieben wird. „Der Patient kann sicher sein, dass in der Abteilung, die ein für seine Erkrankung zutreffendes Zertifikat führt, die Behandlung nachprüfbar ist und nach den hier dargestellten Kriterien vorgenommen wird.” Mit dem Zertifikat könne die nachgewiesene Qualität sichtbar gemacht werden.

Weitere Infos:

Von Britta Bielefeld

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