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Göttingen Nicht der Ort, an dem man Erfolge feiert
Die Region Göttingen Nicht der Ort, an dem man Erfolge feiert
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05:42 05.05.2019
Corinna Hilkers arbeitet im Kontaktladen des Drogenberatungszentrums. Quelle: Scharf
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Göttingen

„Hallo, ich bin Cora. So nennen mich hier alle.“ Cora, mit vollem Namen Corinna Hilker, ist Sozialarbeiterin und begrüßt den Besucher. Neben ihr sitzt Lotte. Die junge Schäferhündin tut es ihr gleich. Der Kontaktladen gehört zum Drogenberatungszentrum des Diakonieverbands in der Neustadt 21 und ist eine von mehreren Anlaufstellen für Drogenabhängige in Göttingen.

Der Kontaktladen existiert seit 1999 und ist vor zwei Jahren aus der Mauerstraße in das Gemeindehaus der St. Mariengemeinde umgezogen. Damals hieß er noch „Wallstreet“ und bot nicht nur einen Ort für Gespräche und zum Spritzentausch. Hier bekam man sein warmes Mittagessen und hatte die Gelegenheit, Wäsche zu waschen oder zu duschen. Einiges davon ist heute nicht mehr möglich – es fehlt das Geld. Das belegen auch die Öffnungszeiten: An zwei Tagen müssen aktuell die Türen geschlossen bleiben. Entsprechend sind in den vergangenen Jahren auch die Klientenzahlen gesunken, bedauert Hilker. 4982 Kontakte weist die Statistik für das Jahr 2018 aus.

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Wenig Platz im Kontaktladen

Aber nicht nur das Geld, auch der Platz ist knapp im Kontaktladen. Der knapp 18 Quadratmeter große Raum bietet Platz für zwei Tische. In der einen Ecke steht ein Computer, in der anderen ein Regal mit Gesellschaftsspielen. Rund um den zentralen Tresen hängen Bilder von gemeinsamen Ausflügen, oben drauf steht eine Kanne Kaffee und andere nicht-alkoholische Getränke.

Die Hausregeln des Drogenberatungszentrums. Quelle: Scharf

Es gehört zu den Regeln im Kontaktladen: Alkohol, Nikotin und andere Drogen sind tabu. Gewalt, Dealen und Stehlen werden ebenfalls nicht toleriert, besagt die Haus- und Hofordnung. Das Alkohol- und Rauchverbot ist nicht unumstritten. „Es ist von der Lebenswirklichkeit der Leute hier sehr weit entfernt“, weiß auch Hilker. Dennoch würden sich alle daran halten, vermutlich aber dadurch nicht so lange bleiben. „Und mir wäre es am liebsten, sie wären den ganzen Tag hier. Dann weiß ich, dass es ihnen gut geht.“

Frühstück, Spritzen, Hilfe

Im Schnitt kommen noch 20 Abhängige pro Tag. Sie frühstücken, tauschen ihr Besteck, wollen reden oder brauchen Hilfe bei Behördengängen. Andere nutzen die Spielestunden oder den Gitarrenunterricht von Hilkers Kollegen Thomas Klaproth, um ihrem Alltag zu entfliehen. Oder aber sie nutzen den Computer, um ihre Mails abzurufen oder das Internet nach Wohnungsinseraten zu durchsuchen.

Gerade waren zwei Klienten im Kontaktladen. Sie brauchten Spritzen und hätten erzählt, dass sie ihre Unterkunft in der Unteren Masch noch in diesem Monat räumen müssten. „Das ist momentan unser Hauptproblem“, schildert Hilkers. Es gibt in Göttingen kaum noch Wohnraum außerhalb der einschlägigen Häuser. Das treffe ihr Klientel besonders hart. Wem die Sucht anzusehen ist, der bekomme keine Wohnung. „Es ist schon schwer genug, das Leben mit den Drogen zu überleben. Da muss man nicht auch noch auf der Straße sitzen.“

Ausflüge aus dem Alltag

Ein junger Mann tritt ein und begrüßt Cora und Lotte herzlich. Er will sich für den nächsten Ausflug anmelden. Diesmal geht es in den Heidepark. Um die Betroffenen zumindest für kurze Zeit von den Alltagssorgen zu befreien, organisiert Hilker Kurztrips. Oder sogar einen Urlaub, wenn sie genug Spenden dafür zusammenbekommt. In den vergangenen Jahren ist es ihr gelungen, mit einer Gruppe von unterschiedlichsten Leuten nach Kroatien und Dänemark zu reisen.

Die anschließenden Rückmeldungen würden den Aufwand locker ausgleichen. „Da sitzt dann ein 40-Jähriger an der Nordsee und sagt dir, dass er so etwas Schönes noch nie erlebt hat“, berichtet Hilker mit glänzenden Augen. Bei Einigen steige durch solche Erfahrungen die Motivation, das Leben zu stabilisieren. Zu großen Illusionen gibt sich Hilker allerdings auch nicht hin. „Der Kontaktladen ist nicht der Ort, an dem man Erfolge feiert“, sagt sie über die suchtbegleitende Einrichtung.

Der Tod gehört dazu

Neben Empathie, Offenheit und Fingerspitzengefühl gehöre es zu den wichtigsten Eigenschaften eines Sozialarbeiters in der Drogenhilfe, sich an kleinen Momenten erfreuen zu können – und die traurigen nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. Das sagt sie mit Blick auf die vielen Menschen, die nicht mehr in den Kontaktladen kommen werden. Der Tod gehört zu ihrer Arbeit dazu, sie geht zu jeder Beerdigung.

Schlimm würde es, wenn junge Menschen sterben, sagt Hilker und erzählt von dem 29-Jährigen, dessen Bild auch am Tresen hängt. Er kam eines Tages zu ihr und bat sie, ihm ein Holzkreuz zu basteln, wenn er bald sterbe. Wenig später war er tot. Das Holzkreuz bekommt er noch, sobald sie herausbekommen hat, wo er beerdigt wurde. „Ich habe es ihm versprochen.“

Wie viel Zeit Hilker und ihre Kollegen künftig für den Kontaktladen und seine Besucher aufwenden können, hängt maßgeblich von Gesprächen ab, die derzeit mit der Stadt Göttingen geführt werden. Die Kommune sei einer der finanziellen Träger der Einrichtung und stehe dem Kontaktladen „durchaus wohlgesonnen“ gegenüber. Vielleicht hat der ja schon bald wieder an fünf Tagen in der Woche geöffnet. Dann gebe es an diesem Ort, doch mal einen Erfolg zu feiern.

Von Markus Scharf