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Göttingen Kontroverse um Christus-Darstellung in Kirche
Die Region Göttingen Kontroverse um Christus-Darstellung in Kirche
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22:06 15.03.2012
Von Jörn Barke
Auferstehender Christus: „Zwille“ oder zeitgemäße Darstellung in säkularisierter Welt?
Auferstehender Christus: „Zwille“ oder zeitgemäße Darstellung in säkularisierter Welt? Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Ein Modell dieser neuen Darstellung von Tobias Haseidl ist derzeit in der Kirche ausgestellt. Der Haseidl-Christus ist mit einer Körperhälfte noch gekreuzigt, die andere ist frei und streckt sich nach oben Gott entgegen. Angestoßen hat die Diskussion um die Darstellung der Pfarrer der Gemeinde, Jesuitenpater Manfred Hösl, im Zuge der anstehenden Innenrenovierung der Kirche. Diese biete die Chance, grundsätzlich zu überlegen, wie die Kirche künftig gestaltet sein solle und sich den Besuchern präsentieren wolle, so der Pfarrer. Er habe einen hohen Respekt vor der Tradition der jetzigen Kreuzigungsgruppe, bei der Jesus am Kreuz Maria und Johannes zur Seite stehen. Diese Darstellung habe Gemeindemitglieder über Jahrzehnte in wichtigen Lebenssituationen begleitet.

Zugleich müsse sich St. Michael als Citykirche auch als Standort des Christentums in einer säkularisierten Umwelt begreifen. Religiöses Grundwissen sei vielfach nicht mehr vorhanden. Eine Darstellung von Christus am Kreuz sei bei heutigen Menschen nicht mehr automatisch mit dem Wissen um die spätere Auferstehung von Christus und die damit einhergehende Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verbunden. Der auferstehende Christus von Haseidl vermittle dagegen auch kirchenfernen Besuchern und Touristen schnell wesentliche Elemente der christlichen Lehre.

Realistische Jesus-Darstellung

Es sei zu sehen, wie jemand zur Hälfte noch gefesselt und im Leid gefangen und zur Hälfte bereits befreit und voller Hoffnung sei. Dass Jesus nicht von einem Kreuz, sondern aus einer Astgabel heraus aufersteht, bricht für Hösl gewohnte Seh-Traditionen auf. Die Astgabel stelle zudem ein Siegeszeichen dar. Auch die sehr realistische Jesus-Darstellung hält Hösl für ein Plus. Zum einen habe er den Eindruck, dass die Zeit der Abstraktion vorbei sei, zum anderen sei Gott etwas sehr Konkretes. Wo und ob die jetzige Kreuzigungs-Gruppe, die 1909 nach St. Michael kam, in der Kirche Platz finden kann, wenn der auferstehende Christus in den Altarraum kommt, ist derzeit unklar.

Doch in der Gemeinde formiert sich bereits Widerstand gegen das neue Kreuz. Eine Initiative will unter dem Titel „Unser Kreuz bleibt, wo es ist“ Unterschriften für die jetzige Darstellung sammeln.  Kritiker monieren, das neue Kreuz bedeute eine Anpassung an den Zeitgeist. Jesus sei zudem nicht am Kreuz auferstanden, sondern aus dem Grab heraus. Das neue Kreuz passe nicht zur schlichten Kirche, auch die alte Kreuzigungs-Gruppe spende Trost und vermittle Geborgenheit. Für das Haseidl-Kreuz wurden salopp schon despektierliche Begriffe wie „Zwille“ oder „Tarzan“ geprägt. Doch es gibt auch Zustimmung für Hösls Vorschlag. Es sei gut, dass es eine lebendige Debatte gebe, so Hösl. Wichtig sei nur, dass sich Modernisierer und Bewahrer nicht gegenseitig die Seligkeit absprächen.

Im Anschluss an die 18.30-Uhr- Gottesdienste in St. Michael am Sonntag, 18. und 25. März, stellt Hösl gegen 19.15 Uhr Überlegungen zum auferstehenden Christus und zur Innenrenovierung vor.