Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Kraftakt im Untergrund
Die Region Göttingen Kraftakt im Untergrund
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:46 10.07.2009
Spannender Bagger: Marianne Meier-Erhardt und ihre Enkelin Stine Martha informieren sich fast täglich über Baufortschritte.
Spannender Bagger: Marianne Meier-Erhardt und ihre Enkelin Stine Martha informieren sich fast täglich über Baufortschritte. Quelle: Christoph Mischke
Anzeige

Leicht haben es Passanten und Geschäftsleute in der Theaterstraße derzeit nicht. Manch ein Geschäft ist erst zu sehen, wenn der Kunde direkt im Eingang steht. Wie der Tabakladen von Norman Hoffmann. „In der ersten Bauphase war das schon ein wenig hinderlich“, sagt der Geschäftsmann, „man hat uns kaum gefunden“. Hoffmann machte aus der Not eine Tugend und verpasste der Werbefigur neben seinem Eingang ein neues Outfit. Jetzt hält der Indianer in orangefarbener Warnweste Ausschau – nach Kundschaft und der Baustelle. Mit dem Ablauf der Arbeiten hat Hoffmann wenig Probleme. Abgesehen von „Umsatzverlusten in akzeptablem Rahmen“ lobt er die Organisation: „Die Arbeiter versuchen, uns die Situation zu erleichtern.“

So gibt es dienstags um 11 Uhr Abstimmungsgespräche, „zu denen die Geschäftsleute eingeladen sind“, betont Otmar Schneider, Projektleiter der Göttinger Entsorgungsbetriebe. Deren Aufgabe – die Erneuerung des Abwasserkanals von 1886 inklusive der umliegenden Hausanschlüsse – steht derzeit im Mittelpunkt der Bauarbeiten. „In der Theaterstraße liegen die ältesten Leitungen für Fäkalien, die in Göttingen gebaut wurden.“ Ähnliche Antiquitäten seien auch in der benachbarten Weender Straße noch zu finden.

83 Meter neuer Schmutzwasserkanal, 90 Meter Regenwasserkanal und 120 Meter Grundstücksanschlüsse werden verlegt, die Baugruben anschließend mit sogenanntem Flüssigboden wieder aufgefüllt: „So können wir auf Rüttelplatten oder Baggerstampfer verzichten“, beschreibt Schneider das Verfahren, das sich für die Anlieger ohrenschonend auswirken soll. Mehr als die Hälfte ist geschafft: „Wir hatten Bergfest“, freut sich Friedrich Jütting, technischer Leiter der Entsorgungsbetriebe. Anfang Juni starteten die Arbeiten, am 11. August soll der Kanalbau in der Theaterstraße abgeschlossen sein. Dann folgen die übrigen Leitungsträger, bevor die Straße nach dem Vorbild der Prinzenstraße umgestaltet wird.

Baubesprechung neben dem Bagger: Schachtmeister Thomas Herold und Bauleiter Aldo Listemann studieren mit Michael Nolte vom zuständigen Ingenieurbüro die Pläne. Nebenan lugt ein Lockenkopf auf dem Arm einer Frau neugierig über die Absperrung. Stine Martha ist zwei Jahre alt und offenbar Fan von Baggern und sonstigem schweren Gerät. „Wir müssen täglich herkommen“, erzählt Marianne Meier-Erhardt, während ihre Enkelin konzentriert das Geschehen hinter dem Bauzaun verfolgt. „Wir haben oft Zuschauer“, erzählt Listemann, „vor allem Kinder. Neulich standen hier Jungen und Mädchen einer ganzen Kindergartengruppe an der Absperrung – wie die Orgelpfeifen.“

Kunstrasen gegen Dreck?

Eine Geschäftsfrau nutzt die Baubesprechung für eine Anregung in eigener Sache. „Wäre es nicht möglich, Kunstrasen vor meinem Eingang zu verlegen, um den Dreck aus dem Geschäft zu halten?“, will sie wissen. „Wir könnten etwas von dem Flies anbringen, in dem die Rohre angeliefert werden“, schlägt Listemann vor. Die Ladeninhaberin ist zufrieden. „Wenn bei der Stadt alle so arbeiteten, hätte Göttingen keine Schulden“, sagt sie.

Geschäftsleute und Anwohner hatten im Vorfeld der Arbeiten gegen das Projekt Theaterstraße protestiert, das sie als Luxus in Zeiten besonders knapper Kassen ansehen (Tageblatt berichtete). Dieses Argument ist aus Sicht einiger noch nicht ausgeräumt, „wir haben eine Wirtschaftsflaute, und gerade jetzt muss das gemacht werden“, ärgert sich etwa ein Unternehmer. Ausdrückliches Lob gibt es aber auch von ihm für die Kooperation mit den Arbeitern.

Dass die Theaterstraße – trotz der noch ausstehenden Umgestaltung der Straßenoberfläche – ein Luxusprojekt ist, bestreitet hingegen Projektleiter Schneider: „Viele haben gedacht, hier geht es vorrangig um die Oberflächengestaltung. Es geht aber auch um marode Kanäle.“ Die Arbeiten im Untergrund hätten viele Passanten zunächst nicht wahrgenommen, sagt auch Schachtmeister Herold. „Nachdem wir aber die ersten Kanal-Bruchstücke rausgeholt hatten, bekamen wir zunehmend positive Resonanz.“

Göttingen Ferienprogramm im Zoologischen Museum - Pfotenabdrücke aus Gips vom großen Wolf
10.07.2009
10.07.2009