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Göttingen Krankenkasse verweigert dem Göttinger Walter Friedrichs eine Beinprothese
Die Region Göttingen Krankenkasse verweigert dem Göttinger Walter Friedrichs eine Beinprothese
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19:53 19.09.2013
Von Matthias Heinzel
Nur sehr eingeschränkt gehfähig: Walter Friedrichs mit seiner Einfach-Prothese. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Friedrichs war im Jahr 2000 am Königsstieg von einem Auto erfasst worden. Der damals 65-Jährige wurde lebensbedrohlich verletzt, beide Beine wurden zertrümmert. Nach Dutzenden Komplikationen verschlimmerte sich der Zustand so weit, dass ihm im November 2010 im Uniklinikum das rechte Bein amputiert werden musste.

Ein halbes Jahr später wurde klar, dass Friedrichs mit der Primitiv-Prothese, die er beispielsweise beim Hinsetzen per Hand entsperren musste, nicht zurechtkam: Das Gehen war extrem mühsam, der 79-Jährige, ansonsten fit, kam kaum zehn Meter weit.

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Manchmal versagte die Arretierung, er stürzte, Treppensteigen ging gar nicht. Manchmal verdrehte sich das Gelenk beim Auftreten. Daraufhin stellten die Ärzte der Göttinger Universitätsklinik im Juli 2011 ein Rezept für eine Spezial-Prothese des High-Tech-Herstellers Ottobock aus: Die alte Prothese führe zu Stürzen und Nebenerkrankungen, daher sei „die Versorgung mittels C-Leg klinisch indiziert“.

Friedrichs Krankenkasse, die Barmer GEK, genehmigte eine sechswöchige Testphase mit dem „C-Leg Kompakt“: Die Prothese mit Sensoren und mikroprozessorgeregelter Hydraulik passt sich an alle Gehgeschwindigkeiten an und ermöglicht eine zuverlässige Sicherung beim Stehen. Bei Friedrichs funktionierte das ausgezeichnet, zeigen auch Videoaufnahmen von Ottobock.

Menschenwürdiges Dasein ermöglichen

Danach allerdings wurde ihm das hochmoderne Gerät wieder abgenommen. Nach einem Kostenvoranschlag für das C-Leg über 30 000 Euro und trotz eines weiteren von der Uniklinik Göttingen ausgestellten C-Leg-Rezeptes lehnte die Krankenkasse die Prothese ab: Gutachten des medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) hätten ergeben, dass für Friedrichs die komplett steife Einfach-Prothese „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sei.

Damit begann Friedrichs‘ Kampf mit seiner Barmer GEK Krankenkasse um eine moderne Beinprothese, die ihm ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen könnte.

Zuletzt wurde nach einem Tageblatt-Bericht im Juni dieses Jahres Wolfgang Zöller, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange der Patienten, auf den Fall Friedrichs aufmerksam. Direkt an den Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub, schickte er ein Schreiben, in dem er den Fall darlegte und gleichzeitig auf mehrere Gerichtsurteile verwies, in denen in vergleichbaren Fällen den Patienten einen Anspruch auf ein C-Leg zugesprochen wurde.

„Ich lass’ nicht locker“

„Vor diesem Hintergrund“, schließt Zöllers Schreiben, „möchte ich Sie bitten, den Vorgang zu prüfen und mich über das Ergebnis Ihrer Prüfung zu informieren.“

Aber auch dieser Vorstoß blieb ohne Erfolg: Die Barmer lehnte ab, nachdem sie den Fall noch nicht einmal erneut geprüft hatte. Stattdessen verwies die Kasse lapidar auf die alten MDK-Gutachten.

Friedrichs Ehefrau Irmgard glaubt den Grund zu kennen: „Am Telefon hat mir mal eine Barmer-Mitarbeiterin gesagt, so ein C-Leg bekommen nur jüngere Leute. Und das sagen die mir, obwohl das C-Leg Kompakt extra für ältere Menschen konstruiert wurde.“ So bleibt Friedrichs offenbar nur der Weg zum Anwalt. Der 79-Jährige will unter gar keinen Umständen aufgeben: „Ich lass’ nicht locker.“

►Kommentar: Hässlicher Verdacht

Weder Ärzte noch Rehabilitationsfachleute können offenbar etwas gegen eine Krankenkasse ausrichten, die trotz aller Atteste, Gutachten und Rezepte partout nicht zahlen will. So werden es wohl wieder einmal die Juristen sein müssen, die das Recht des Patienten, in diesem Fall dasjenige von Walter Friedrichs, gegen die Kassen-Bürokraten durchsetzen müssen.

Das ist um so ärgerlicher, als die Krankenkassen zurzeit gerade wieder enorme finanzielle Rücklagen anhäufen. Außerdem suggeriert die Selbstdarstellung der Kassen – gleichgültig, ob gesetzlich oder privat – das direkte Gegenteil der rigorosen Sparpolitik, die sich im Fall Friedrichs offenbart. „Rundum gut versichert“ ist da nur einer der vielen Werbesprüche.

Manchmal jedoch währt das offenbar nur so lange, bis die Kasse mal tiefer in die Tasche greifen muss, um nach jahrzehntelang entrichteten Kassenbeiträgen einem Versicherten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Und dabei drängt sich der hässliche Verdacht auf, dass eine teure High-Tech-Prothese einem 22-jährigen Unfallopfer wohl noch gewährt wird, einem Rentner aber, der ebenso auf die eigene Mobilität angewiesen ist wie ein Jüngerer, aber nicht. Eine solche Einstellung hat in einer humanen Gesellschaft nichts zu suchen.