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Göttingen Darum wird der sieben Monate alte Rüde Certo zum Spürhund für Wölfe ausgebildet
Die Region Göttingen Darum wird der sieben Monate alte Rüde Certo zum Spürhund für Wölfe ausgebildet
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10:24 01.08.2019
Eckhard Wiesenthal, Wolfsberater des Landkreises Göttingen, mit seiner Frau Pascale Wiesenthal, die den Spinone Italiano Certo überwiegend trainiert. Quelle: Niklas Richter
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Der junge Hund läuft ein paar Meter, hebt immer wieder den Kopf, tänzelt zur Seite, schnüffelt und kehrt dann zurück auf den Pfad. Noch ist das alles ein Spiel, bei dem Wurststückchen die Schleppe (Spur) markieren. Doch irgendwann, so hoffen seine Besitzer Eckhard und Pascale Wiesenthal, wird der Rüde in der Lage sein, eine Wolfsfährte eindeutig zu identifizieren.

Der Wolf ist zurück

Der Wolf ist in Deutschland angekommen, noch aber hat er sich nicht in Südniedersachsen niedergelassen. Doch das ist nur eine Frage der Zeit, glaubt Eckard Wiesenthal. Vor einem Jahr ist der Wildbiologe vom Landkreis Göttingen zum ehrenamtlichen Wolfsberater ernannt worden. Seitdem ist er etwa zehnmal wegen einer Wolfssichtung gerufen worden.

Warum die Tiere bisher immer weitergezogen sind, lasse sich schwer sagen. Wiesenthal vermutet, dass die Bedingungen in anderen Bundesländern wie Sachsen mit seinen weiten, offenen Flächen einfach besser zu den Bedürfnissen der Wölfe passen. Und so lange es noch nicht so viele von ihnen gibt, können sie sich ihr Revier aussuchen. Das gibt den Menschen hier gleichzeitig mehr Zeit, sich auf die Ansiedlung der Tiere vorzubereiten.

Einen kleinen Beitrag dazu kann vielleicht auch Certo leisten. Hunde der italienischen Jagdhundrasse Spinone Italiano gelten als kluge, gelehrige Tiere, die über einen ausgezeichneten Geruchssinn verfügen. Deutschlandweit gibt es nur etwa 500 von ihnen. Mit Unterstützung eines ausgebildeten Hundes sei es zum Beispiel wesentlich einfacher, Wolfslosung (Kot) zu finden oder eine Fährte zu verfolgen. Das könnte dem Wolfsberater zu mehr Wissen über Rudel im Freiland verhelfen, denn daran mangelt es bisher, sagt Wiesenthal.

Und so absolviert Certo gleich zwei Ausbildungen, eine Spürnasen- und eine Fährtenausbildung, die später wie Puzzleteile zusammengesetzt werden, erklärt Pascale Wiesenthal. Am Ende soll am Verhalten des Hundes ablesbar sein, ob es sich bei der Spur um die eines Wolfes handelt oder nicht. Unterstützt wird die 44-jährige Biologin dabei von zwei Bekannten, die auch mit der Polizeihundestaffel arbeiten. Sie selbst hat bereits Wölfe im Innsbrucker Alpenzoo per Hand aufgezogen und eine eigene Hundeschule geführt.

Pascale Wiesenthal trainiert mit Certo, einer Schleppe - einer künstlichen Fährte - zu folgen. Quelle: Niklas Richter

Begonnen hat Pascale Wiesenthal, die Certo hauptsächlich trainiert, mit kleinen Quadratflächen, in denen sie die Fährte, Stücke von Wurst, in kleinen Abständen in der Bodenverwundung ausgelegt hat. Läuft ein Tier, in diesem Fall der Wolf, über den Boden, „verwundet“ es durch sein Körpergewicht den darunter liegenden Boden. Certo soll nun lernen, „nur in dieser Verwundung die Fährte aufzunehmen“, erklärt Wiesenthal. Dabei darf der sieben Monate alte Hund nicht abschweifen. Das klappt noch nicht ganz, ist aber normal. Bis Certo die Fährte eines Wolfes eindeutig wird identifizieren können, dauert es voraussichtlich noch mindestens ein Jahr.

Mit Leckerlis wird der Fortschritt belohnt, und mit Klickern signalisiert Pascale Wiesenthal Certo, dass er auf dem richtigen Weg ist. Am Ende wartet diesmal eine Dose mit Mortadella – Jackpot.

Der Spinone Italiano Certo wird zum Spürhund für Wölfe ausgebildet

Trainiert wird zwei- bis dreimal in der Woche, auf dem Feldweg, im Wald und auf der Wiese, bei trockenen und matschigen Bodenverhältnissen. Bald sollen die Wurststücke durch „Wolfsmaterial“ ersetzt werden. Um Certo mit dem Geruch vertraut zu machen, wird Wiesenthal Losung, Fell oder andere Proben vom Wolf in Marmeladengläser füllen und ihm im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder unter die Nase halten.

Damit der Rüde lernt, den Geruch eines Wolfes von dem von Hunden, Füchsen und Luchsen zu unterscheiden, wird Wiesenthal auch hier mit Proben arbeiten. Das Wichtigste aber sei, dass Certo den Spaß an der Sache nicht verliert. Danach sieht es bislang nicht aus. „Er macht das sehr gerne“, sagt sie und tätschelt ihm den Kopf.

Zwischen den Stühlen

Eckhard Wiesenthal im Gespräch Quelle: Niklas Richter

Auf der einen Seite Natur- und Tierschützer, auf der anderen Seite Bauern und Weidetierhalter. Entweder man ist für die Rückkehr des Wolfes oder dagegen. Die Debatte lässt wenig Platz für Grautöne. Als Wolfsberater, Jäger, Schäfer und Vorsitzender des Deutschen-Wildgehege-Verbandes sitzt Eckhard Wiesenthal immer wieder zwischen den Stühlen. Für den 58-Jährigen hat der Wolf genauso eine Daseinsberechtigung wie die Weidetierhalter auch. Doch genau da liegt das Problem, für das eigentlich keiner eine Lösung hat, sagt Wiesenthal.

Wolf ist ein guter Indikator

„Wir schreien alle nach Biodiversität.“ Vergessen werde dabei aber oft, wie wichtig der Wolf für die Artenvielfalt sei. Zwei wesentliche Gründe führt Wiesenthal dafür an. Erstens: Der Wolf sei ein wesentlich besserer Regulator als der Jäger, beispielsweise weil er kranke und schwache Tiere viel effizienter ausmachen kann. Zweitens: Der Wolf ist ein wichtiger Indikator. Wie der Mensch auch, steht der Wolf ohne natürlichen Fressfeind am Ende der Nahrungskette. Geht es dem Wolf schlecht, ließen sich dadurch auch Rückschlüsse auf den Menschen ziehen. Um das Prinzip zu verdeutlichen, nennt Wiesenthal das Beispiel des Seeadlers, ebenfalls ein Endglied in der Nahrungskette. Als dieser vor einigen Jahren auszusterben drohte, offenbarten Untersuchungen die Auswirkungen des schädlichen Insektenvernichtungsmittels DDT auf den Greifvogel: Er bekam schlichtweg keine Nachkommen mehr. Das Gift hatten die Seeadler über Fische aufgenommen – also auch eine potenzielle Gefahr für den Menschen.

Gleichzeitig leisteten die wenigen Weidetierhalter, die es noch gibt, einen ebenso wichtigen Beitrag zur Biodiversität. So erhielten beispielsweise Schäfer, deren Tiere auf Streuobstwiesen weiden, die wichtigsten Lebensräume für Insekten.

„Goldener Mittelweg“

Was könnte helfen? Zum einen, mehr Informationen über das Leben der Rudel im Freiland, über ihre Lebensweise und Gewohnheiten zusammenzutragen. Und aufklären, erklären, zuhören. Deshalb hält Wiesenthal Vorträge und sucht das Gespräch. Vor allem aber sei es wichtig, „diese Wahnsinnspolarisierung rauszunehmen“. Die gebe es auch unter einigen Wolfsberatern. Andere seien aufgrund des Drucks, der ihnen als Mittler von beiden Seiten gemacht werde, bereits zurückgetreten. Wie so oft gehe es darum, einen goldenen Mittelweg zu finden. Und das heißt auch: „Die Regulation des Wolfes wird kommen“, ist Wiesenthal überzeugt.

Abschuss von Einzeltieren

Weil beide eine Existenzberechtigung haben, ist für ihn die Lösung das, was in Ansätzen bereits „sehr aufwendig und mühevoll“ betrieben werde – der Abschuss von Einzeltieren. „Wölfe sind wahnsinnig intelligent und lehrsam, sie spezialisieren sich“, sagt Wiesenthal. Hätten sie die Erfahrung gemacht, problemlos Nutztiere reißen zu können, gäben sie dies an ihr Rudel weiter. Die Entscheidung zur sogenannten Entnahme dürfe nicht leichtfertig getroffen werden, doch „drei Jahre ins Land gehen“ lassen dürfe man auch nicht.

Aber es gebe eben auch Wölfe, die in den sieben oder acht Jahren, seitdem sie sich niedergelassen haben, nie auffällig geworden sind. Ein Beispiel sei ein Rudel in der Nähe der Elbe. Deshalb wäre ein prozentualer Abschuss, wie ihn manche fordern, fatal, sagt Wiesenthal.

Bevölkerung ist gespalten

Auch wenn es hier in der Region noch keine Residenzwölfe gibt, sollten Weidetierhalter „gute, vorbildliche Zäune bauen“. Und Herdenschutzhunde? Davon ist der 58-Jährige nicht vollends überzeugt. Die Ausbildung der Tiere dauert lange und ist teuer, was viele nicht leisten könnten.

Zwar würden Weidetierhalter mit ihren Sorgen zunehmend ernster genommen, glaubt Wiesenthal, dennoch spalte sich die Akzeptanz des Wolfes in zwei Lager: Während sie bei der Stadtbevölkerung zunimmt, sinkt sie auf dem Land. Auch deshalb fährt er zu Betroffenen, um ihnen zu signalisieren: Ihr seid nicht allein.

Wolfs-FAQ

Wie kann ich unterscheiden, ob es sich um einen Wolf oder einen Hund handelt? 

Ein Wolf ist etwa so groß wie ein Schäferhund und hat eine Schulterhöhe von 60 bis 90 cm. An zwei Merkmalen kann man ihn besonders gut erkennen: Das Fell ist grau-braun und unterhalb der Schnauze weiß. Der Schwanz ist kurz, die Spitze ist schwarz.

Wie lässt sich ein Wolfsriss erkennen?

Meist deuten einige charakteristische Merkmale darauf hin, dass ein Tier von einem Wolf getötet wurde. So beschränken sich die Verletzungen bei einem Wolfsriss im Gegensatz zu einem Hunderiss meist auf den vorderen Teil des Körpers, also Kopf, Kehle und Schnauze. Die zugefügten Verletzungen sind immer sehr schwer, auch wenn das angegriffene Tier am Leben bleibt. Da der Wolf das Beutetier meist festhält, bis es erstickt, sind die Verletzungen von außen wenig blutig. Ein weiterer Hinweis können Bissabdrücke liefern. Beim Wolf beträgt der Abstand der Eckzäne um die 4,5 Zentimeter oben und 4 Zentimeter unten. Die Distanz bei den Eckzähnen des Ober- und Unterkiefers eines Hundes hingegen variiert zwischen 3 und 6 Zentimetern.

Was sollte man tun, wenn man ein gerissenes Tier findet?

Sollten Sie ein getötetes Tier finden und einen Wolf als Verursacher vermuten, lassen Sie den Fundort unberührt. Sichern Sie die Stelle so schnell wie möglich, beispielsweise durch eine befestigte Plane, gegen Aasfresser wie Füchse oder Krähen, weil diese oft und sehr schnell entscheidende Spuren verwischen. Dann sollte umgehend der zuständige Wolfsberater informiert werden.

Mithilfe von standardisierten Protokollen dokumentieren diese den Fund, machen Fotos und nehmen DNA-Proben. Sie schicken die Unterlagen an das Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), wo die Dokumentation ausgewertet und die DNA-Proben zur Untersuchung an das Forschungsinstitut Senckenberg in Gelnhausen weitergeleitet werden.

Anschließend stellt der NLWKN anhand der gelieferten Informationen fest, ob ein Wolf für den Riss des Tieres verantwortlich ist, und informiert den betroffenen Tierhalter schriftlich über das Ergebnis der Untersuchung.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich alleine oder mit meinem Hund auf einen Wolf treffe? 

Bleiben Sie ruhig und halten Sie Abstand. Warten Sie ab, bis sich der Wolf zurückzieht. Wenn Sie sich unwohl fühlen, gehen Sie langsam, immer mit dem Gesicht zum Wolf, rückwärts. Sind Sie mit einem Hund unterwegs, lassen Sie ihn zu seinem eigenen Schutz nicht von der Leine, sondern behalten Sie ihn nahe bei sich. Ein unbeaufsichtigter Hund läuft Gefahr, von Wölfen als „fremder Wolf“ angegriffen zu werden, der in ihr Revier eindringen will. Junge Wölfe sind häufig neugieriger als ausgewachsene Wölfe. Folgt Ihnen ein Tier wider Erwarten, halten Sie an. Treten Sie möglichst selbstsicher auf. Gehen Sie eher auf das Tier zu als von ihm weg. Machen Sie Lärm und versuchen Sie, das Tier einzuschüchtern, indem Sie sich zum Beispiel groß machen, Arme und Kleidungsstücke schwenken, es anschreien oder auch mit Gegenständen bewerfen.

Wie viele Wölfe gibt es bisher in Niedersachsen und wo haben sich sonst noch niedergelassen?

Zurzeit leben 20 Rudel, drei Paare und drei Einzeltiere in Niedersachsen. In 19 Rudeln wurde Nachwuchs nachgewiesen, insgesamt wurden 81 Welpen bestätigt. Bei einem Rudel geht man von acht bis zehn Einzeltieren aus, daher wird die Anzahl der Wölfe in Niedersachsen auf etwa 200 Tiere geschätzt. Das Territorium eines Wolfsrudels in Deutschland ist durchschnittlich 20000 bis 30000 Hektar groß. Als Wolfsländer haben sich die sechs Bundesländer Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Niedersachsen etabliert. Die meisten Tiere leben in Sachsen und Brandenburg.

Wie viele Nutztiere wurden bisher vom Wolf gerissen?

Bislang wurden 974 Nutztierschäden (Stand: Juni 2019) im Rahmen des niedersächsischen Wolfsmanagement und -monitoring dokumentiert.

Wohin können sich betroffene Nutztierhalter wenden?

Um einen Nutztierschaden zu melden, wenden sich die Halter an den Wolfsberater in ihrer Region. Diese führen die Dokumentation durch und leiten sie an das Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) weiter. Das ist dafür zuständig, amtlich festzustellen, ob sogenannte Nutztierschäden auf einen Wolf zurückzuführen sind. Wird der Wolf als Verursacher festgestellt, können im Rahmen der Richtlinie Wolf Ausgleichszahlungen beantragt werden.

Welche Unterstützung gibt es für Nutztierhalter?

Die „Richtlinie Wolf“ sieht zwei Arten von finanzieller Unterstützung von Nutztierhaltern vor: Zum einen die sogenannten „Billigkeitsleistungen“, bei denen eine bis zu 100-prozentige Entschädigung für den erlittenen Tierverlust oder die tierärztliche Behandlung gezahlt wird (gilt nur für Schafe, Ziegen, Gatterwild, Rinder, Pferde, Hütehunde sowie Herdenschutztiere). Dabei liegt die Höchstgrenze bei 5000 Euro pro Tier. Zum anderen werden Präventionsmaßnahmen in Form von wolfsabweisenden Schutzzäunen und Herdenschutzhunden gefördert. Hier gilt eine Grenze von maximal 30000 Euro pro Jahr.

Sie erreichen die Autorin per Mail an n.garben@goettinger-tageblatt.de

Von Nora Garben

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