Kriegsende in Göttingen: Erinnerungen von Rüdiger Freiherr Grote an die letzten Kriegstage 1945
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Göttingen „Wir erschießen keine Gefangenen“: Erinnerungen an das Kriegsende in Südniedersachsen
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Kriegsende in Göttingen: Erinnerungen von Rüdiger Freiherr Grote an die letzten Kriegstage 1945

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20:00 09.05.2021
Kriegsende in Göttingen: Amerikanische Truppen auf dem Marktplatz
Kriegsende in Göttingen: Amerikanische Truppen auf dem Marktplatz Quelle: Archiv
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Jühnde

Anfang April 1945 neigte sich in Jühnde der Krieg dem Ende zu. In unserem Haus lebten damals mit den Flüchtlingen 30 Frauen und Kinder, für die meine Mutter die Verantwortung hatte. Die Männer waren alle an der Front.

In den ersten Apriltagen wurden vier große Artillerie-Geschütze mit dreiachsigen Hanomag-Zugmaschinen in die Kastanien-Allee gezogen. Eine Baumgruppe, die auf der Büh-Weide stand, wurde gefällt, damit man freies Schussfeld hatte. Im indirekten Feuer wurde Hilwartshausen beschossen, wo die Amerikaner gerade die Weser überquerten. Wir Kinder spielten mit den Kartuschen der Granaten, die fast so groß waren wie wir selber. Als der Feind näher kam, wurden die Geschütze von Panzern in höchster Eile aus dem Park gezogen. Noch nach vielen Jahren konnte man auf der Wiese die tiefen Spuren erkennen.

Im Morgengrauen des 8. April waren die Amerikaner, von Meensen und Scheden über den Berg kommend, nahe vor Jühnde. Auf einmal hatte der Geschützlärm aufgehört, und ungewohnte Motorengeräusche drangen von der Dorfstraße in unseren Keller. Vorsichtig stiegen wir ins Freie. Da sah ich zum ersten Mal den „Feind“. Einige amerikanische Soldaten kamen, sprungweise sich vorarbeitend, zwischen den Bäumen vom Park rauf. Zu den olivgrünen Kampfanzügen trugen sie rote Halstücher und eigenartige Gummistiefel, die mit Schnallen verschlossen waren.

Hühnereier gegen Kaugummi

Plötzlich kam ein amerikanischer Jeep auf unseren Hof gefahren. Zwischen den olivgrünen Soldaten saß ein gefesselter deutscher Offizier. Verzweifelt fragte meine Mutter einen amerikanischen Offizier: „Was machen Sie mit dem Mann? Den erschießen Sie doch wohl nicht?“ Kühl kam die Antwort: „Wir erschießen keine Gefangenen, das machen nur die Deutschen.“

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Allmählich normalisierte sich das Leben. Wir Kinder stellten fest, dass die „Feinde“ durchaus sympathische Menschen waren. Gern hielten wir uns in der Nähe der fahrbaren Feldküchen auf, die auf unserem Hof standen, wo immer einige Leckereien abfielen, die für uns Kinder der Kriegsgeneration bis dahin unbekannt waren. Die gewaltigen Lastwagen wurden von besonders hübschen und jungen Soldatinnen gefahren, die für die Truppenbetreuung jeglicher Art zuständig waren. Mit denen tätigten wir unsere ersten Geschäfte. Wir boten ihnen frische Hühnereier an, das einzige, was die amerikanischen Feldküchen nicht besaßen, und erhielten dafür das bei uns so beliebte Kaugummi.

Von Rüdiger Freiherr Grote