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Göttingen Kristina Hänel liest aus ihrem „Tagebuch einer „‚Abtreibungsärztin‘“
Die Region Göttingen Kristina Hänel liest aus ihrem „Tagebuch einer „‚Abtreibungsärztin‘“
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14:00 23.09.2019
Im voll besetzten Lumière hat Kristina Hänel am Sonntag aus ihrem Buch vorgelesen und Fragen des Publikums beantwortet. Quelle: Garben
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Göttingen

Kristina Hänel gehört wohl zu den bekanntesten Ärztinnen in Deutschland, nachdem sie von einem Abtreibungsgegner auf Grundlage des Paragrafen 219a angezeigt und im November 2017 zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt wurde. Seitdem kämpft sie juristisch gegen das Urteil. Wie sie die vergangenen zwei Jahre mit Drohmails, der Angst vor einem Angriff, aber auch dem Zuspruch von Frauen aus dem ganzen Land erlebt hat, schildert sie in ihrem Buch „Das Politische ist persönlich: Tagebuch einer ‚Abtreibungsärztin‘“, aus dem sie am Sonntagabend im voll besetzten Saal des Lumière vorlas. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung Göttingen, dem Café Kollektiv Kabale und dem Frauenforum Göttingen.

Zunächst gab Hänel einen Einblick in ihren Praxisalltag, schilderte verschiedene Schicksale, die zeigten, wie schwer es Frauen zum Teil gemacht werde, sich über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren, ohne dabei von Ärzten oder Beratungsmitarbeitern moralisch unter Druck gesetzt zu werden, oder überhaupt Adressen von Kliniken oder Ärzten zu bekommen, die den Eingriff vornehmen. So wie im Fall einer junge Studentin aus Bayern, die Hänel später behandelte und deren Ärztin ihr Ultraschallaufnahmen gezeigt hatte, obwohl die junge Frau das vorher ausdrücklich abgelehnt hatte.

Gerichtsverfahren 2017

Als sie im August 2017 die Ladung zum Hauptverfahren bekam, sei sie „völlig perplex“ gewesen, berichtet Hänel. Andere Anzeigen seien bisher immer eingestellt worden. Dass sie nun tatsächlich vor Gericht erscheinen musste, ihre Approbation verlieren oder ihr eine Gefängnisstrafe drohen könnte, weil sie auf ihrer Homepage Informationen zum Thema Abtreibung zugänglich machte, war ein Schock für die Ärztin. Der Vorwurf: Sie werbe damit für Schwangerschaftsabbrüche.

Damals entwickelt Hänel Schlafstörungen, wird von fast Fremden auf das anstehende Verfahren angesprochen und beginnt die Arbeit an ihrem Buch. Nach und nach bekommt das, was sie vorher als „eigenes, privates Problem“ empfunden hatte, eine andere Dimension. „Ich habe gemerkt, es ist eine politische Frage und muss in die Öffentlichkeit“, sagt die 63-Jährige. Trotz ihrer Befürchtungen habe sie das Gefühl gehabt, „das ist richtig, was ich hier mache.“ Mithilfe einer Freundin startet sie eine Petition bei Change.org für das „Informationsrecht für Frauen zum Schwangerschaftsabbruch“, die sich schnell verbreitet. Sie bekommt Presseanfragen, gibt Interviews und ihr Gerichtsverfahren und das von Gynäkologinnen wie Nora Száz und Natascha Nicklaus stoßen eine bundesweite Debatte über die sogenannten Abtreibungsparagrafen 218 und 219a an. Hänel wird verurteilt, legt Rechtsmittel ein. Derzeit ist das Verfahren zurück am Amtsgericht Gießen und muss neu verhandelt werden.

Briefe von Betroffenen

Was sie vor allem durchhalten lässt, sind die Briefe von betroffenen, sagt Hänel. Einige las sie an diesem Abend vor. Darunter den einer 77-jährigen, die davon erzählte, wie sie 1971 bei einer Abtreibung bei einem sogenannten Engelmacher gerade so mit dem Leben davon gekommen sei. Oder aber den einer Frau, deren Mutter 1954 mit 34 Jahren an den Folgen einer selbst vorgenommenen Abtreibung starb, nachdem sie schon sechs Kinder bekommen hatte.

Doch warum tut Hänel das, was sie tut? Warum nimmt sie als Allgemeinmedizinerin Schwangerschaftsabbrüche vor, wollte eine Zuhörerin wissen. Niemand wünsche sich eine Abtreibung, am wenigsten die betroffene Frau selbst, machte die 63-Jährige deutlich. Als sie sich damals in Gießen in eigener Praxis niederließ, habe es keine anderen Ärzte gegeben, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, und die Frauen niemanden gehabt, an den sie sich im Fall einer ungewollten Schwangerschaft hätten wenden konnten. Und so habe sie sich dafür entschieden, „weil es irgendwann einen Punkt gibt, da kann man einfach nicht nicht hingucken.“

Prozess gegen Kristina Hänel

Kristina Hänel ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Notfallmedizin. Sie hat zudem Weiterbildungen in Anästhesie und Sexualtherapie absolviert. Nach ihrem Studium arbeitete sie für Pro Familia und in niederländischen Kliniken. Seit 2001 ist sie mit eigener Praxis in Gießen niedergelassen. 2015 wird sie, wie auch schon 2006 und 2008, von der Initiative „Nie Wieder e. V.“ des Abtreibungsgegners Klaus Günter Annen wegen Verletzung des Paragrafen 219a angezeigt, weil sie auf ihrer Homepage Informationen zu Abtreibung zugänglich gemacht hat. Das Amtsgericht Gießen verurteilt Hänel im November 2017 wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu einer Geldstrafe von 6000 Euro. Im Juli 2019 hebt das Oberlandesgericht Frankfurt das Urteil aufgrund der geänderten Gesetzeslage auf und verweist den Fall zur Neuverhandlung an das Landgericht Gießen zurück. Hänel will eigenen Angaben zufolge bis zum Bundesverfassungsgericht oder dem Europäischen Gerichtshof gehen, um eine Entscheidung über den Fortbestand des Paragrafen 219 zu erwirken.

Von Nora Garben

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