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Göttingen Göttinger Kulturverbund kritisiert ungerechte Förderlandschaft
Die Region Göttingen Göttinger Kulturverbund kritisiert ungerechte Förderlandschaft
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00:18 22.11.2017
Unter dem Motto "Wir sind Kultur – Festival der freien Kulturschaffenden" präsentieren sie ihr Programm in der Stadthalle. Quelle: Heller
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Göttingen

„Wir sind Kultur“ hieß das Motto des Tages. Und der Blick auf den Programmzettel verkündete noch vier weitere Botschaften. Unter den Überschriften „Wir sind Kinder“ und „Wir sind präsent“ präsentierten sich zahlreiche Musikschüler, denen gemeinsam war, dass sie in nicht institutionell geförderten Musikschulen ihr Handwerk gelernt haben. Ihre kleinen Auftritte auf der großen Stadthallenbühne war für die Nachwuchsmusiker ein bleibendes Erlebnis und bot für die anwesenden Familienangehörigen eine stimmungsvolle Gelegenheit für Videoaufnahmen.

Bevor es am Abend dann unter anderem der Band Better Than oder Göttingens Ehrenbürger Gunter Hampel überlassen war, unter der Überschrift „Wir sind stark“ für Unterhaltung zu sorgen, verschafften sich zuvor einige der Mitglieder des Kulturverbunds bei einer kulturpolitischen Podiumsdiskussion Gehör. Für die thematische Einführung sorgte der Berliner Soziologe Dieter Haselbach. Der Co-Autor des Buches „Der Kulturinfarkt“, der auch schon am kulturpolitischen Leitbild der Stadt Göttingen mitgearbeitet hat, erläuterte die zum Teil schädlichen Folgen öffentlicher Kulturförderung.

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Grundsätzlich sei gegen Förderung in der Kultur nichts einzuwenden. Allerdings sei sie ein Eingriff in ein wirtschaftliches System. Denn auch wenn es viele Künstler nicht hören wollten, Kultur sei Teil der Wirtschaft. Sie werde bestimmt durch Angebot und Nachfrage und müsse sich in letzter Konsequenz am Markt behaupten. Jede Form der institutionellen Förderung verzerre dabei die Chancengleichheit. Am Beispiel der Theaterlandschaft und der Musikschulen versuchte Haselbach zu veranschaulichen, welcher Schaden durch Förderung auch entstehe. Es entwickele sich das Szenario „die da drinnen und wir hier draußen“.

„Wir sind Kultur“ hieß das Motto des Tages.

Und obwohl er bewusst nicht über Göttinger Verhältnisse hatte reden wollen, formulierte der Soziologieprofessor mit diesem Satz die Überschrift für die teilweise emotional vorgetragenen Anliegen der anschließend am Podium beteiligten Kulturschaffenden. Wie kann man die Fördermittel gerechter verteilen? Warum verwaltet das Rockbüro die Gelder für die Livebühnen? Warum hat die Stadt im Musikbildungsbereich so versagt? Während sich die Fragesteller in ihrer Unzufriedenheit weitgehend einig waren, blieb es allein Kulturdezernentin Petra Broistedt überlassen, eine andere Meinung zu vertreten. Und ihr gelang mit eindrücklicher Deutlichkeit, das Gespräch weitgehend auf einer sachlichen Ebene zu halten.

So forderte Broistedt alle Beteiligten auf, keine Neid-Debatte zu führen. In der Stadt Göttingen fließe das Gros der freiwilligen Leistungen – insgesamt 13 Millionen Euro – in die Kulturförderung. Das Leitbild gebe bei der Verteilung die Linie vor. Um Förderung zu erhalten, müsse man allerdings bestimmte Kriterien erfüllen, gab Broistedt den Anwesenden mit und ergänzte versöhnlich: „Wir müssen ins Gespräch kommen.“ Oder wie es der Vorsitzende des Kulturverbunds Alexander Savenok sagte: „Vielleicht war dieser Tag der Anfang einer neuen Gesprächsbereitschaft. Wir wollen keine Fronten.“

Es folgte der Programmpunkt „Wir sind stark“. In Mitgliederzahlen ausgedrückt, sind es im Verbund aktuell 15 Einzelpersonen und Institutionen. Dazu sagte die Kulturdezernentin: „Erheben sie bitte nicht den Anspruch, alle freien Kulturschaffenden zu vertreten.“

Von Markus Scharf

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