Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Landkreis Göttingen hält grünen Punkt und Wertstofftonne für überflüssig
Die Region Göttingen Landkreis Göttingen hält grünen Punkt und Wertstofftonne für überflüssig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:32 12.07.2013
Von Gerald Kräft
Tonnen-Krieg: Die Kommunen wollen eine neue Wertstofftonne nicht der Privatwirtschaft überlassen.
Tonnen-Krieg: Die Kommunen wollen eine neue Wertstofftonne nicht der Privatwirtschaft überlassen. Quelle: RSAG
Anzeige
Göttingen

Ergebnisse einer umfangreichen Studie mit anderen Landkreisen sollen jetzt belegen, dass geforderte Recyclingquoten auch ohne neue Tonne zu erreichen sind.

Ziel der Kommunen ist auch, das Duale System Deutschland (DSD) mit dem gelben Sack grundsätzlich in Frage zu stellen. Beim heutigen Stand der Sortiertechnik wie in der mechanisch-biologischen Müllbehandlungsanlage (MBA) in Deiderode ergeben aus Sicht des Landkreises gelbe Säcke und weitere Tonnen keinen Sinn mehr. Auf jeden Fall soll private „Rosinenpickerei“ von wertvollen Rohstoffen wie Metall aus dem Hausmüll zulasten der Müllgebühren verhindert werden.

Die Studie des Witzenhausen-Instituts im Auftrag einer Arbeitsgemeinschaft von 13 Landkreisen mit MBA kommt zu dem Ergebnis, dass das Recyceln von Kunststoff aus dem Hausmüll schon jetzt mindestens gleichwertig gegenüber dem DSD ist. Das Ergebnis sei aus dem Stand mit vorhandener Technik erreicht worden, erklärte Instituts-Chef Michael Kern im Kreisumweltausschuss.

Es gebe natürlich noch Optimierungspotenzial in der Anlage. Aus Sicht Kerns gibt es keinen Grund, Hausmüll und Verpackungen getrennt zu sammeln. Schon jetzt sei mehr Kunststoff im Restmüll als im gelben Sack. Eine Tonne für Haushaltsabfälle und Leichtverpackungen seien einfach und transparent für den Bürger, so Kern.

Duales System Deutschland

Das Duale System Deutschland (DSD) war vor 22 Jahren gegründet worden, um der wachsenden Müllberge durch Recycling Herr zu werden. Seitdem organisiert es die Wiederverwertung von Verpackungsmüll wie Joghurtbecher oder Konservendosen.

Diese tragen einen grünen Punkt, für dessen Verwendung die Hersteller dem DSD Lizenzgebühren zahlen, die nach Material und Gewicht der Verpackung berechnet werden. Das Recycling ist ein Milliardengeschäft für die privaten Entsorger.

Anfang Juli kündigte das DSD eine Preiserhöhung um bis zu acht Prozent an. Das DSD, mittlerweile zehn Systembetreiber, lehnt eine gemischte Müllsammlung klar ab und verweist auf viele Fremdstoffe und Verunreinigung sowie auf eine Recyclingquote von mehr als 70 Prozent – was die Kommunen bezweifeln.

Für die Studie wurde unter anderem in Deiderode aussortierter Kunststoff in Mülheim-Kärlich weiter aufgearbeitet und Werkstücke produziert. Im Kunststofflabor in Magdeburg wurden die Produkte analysiert und für einsetzbar in der Produktion befunden. Neue Abfalltonnen könnten aus dem Material hergestellt werden.

Moderne Sortieranlagen würden in Polen, Zypern und Norwegen mit deutscher Technik gebaut, in Deutschland kämen sie aufgrund des Abfallsystems nicht zum Einsatz, so Kern. Die Deideroder Anlage sei nicht ausgelastet und könne noch viel mehr, sagte Kreisumweltdezernentin Christel Wemheuer. Man müsse es mit einem großen System aufnehmen. Das DSD habe ein Interesse daran, das alles so bleibe.

Aus Sicht des Leiters der Kreisabfallwirtschaft, Norbert Schulz, ist mit der Studie der Nachweis einer effizienten Sortierung schon erbracht. Eine Klima- und Ressourcenbilanz sowie wirtschaftliche und juristische Bewertungen sind noch in Arbeit.

Seit Anfang des Jahres steht in Teilen der Stadt Göttingen eine schwarze Wertstofftonne mit gelbem Deckel. Gelbe Säcke gibt es dort nicht mehr. Der zweijährige Versuch ist ebenfalls eine Vorbereitung auf die kommende Auseinandersetzung.

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) fordert jetzt, dass alle Abfälle einschließlich der Verpackungen wieder in die Zuständigkeit der Kommunen fallen. Die Verpackungsentsorgung und der Grüne Punkt seien ineffizient und erreichten die ökologischen Zielvorgaben nicht. Die Entsorgungswirtschaft solle nur noch als Erfüllungsgehilfe der dualen Systeme fungieren, kritisiert der Verband.

Es geht um alles

Kommentar

Gerald Kräft

▶ Der Tonnen-Krieg um Altpapier zwischen Kommunen und Privatwirtschaft dürfte nur ein laues Lüftchen gewesen sein gegenüber dem, was sich jetzt anbahnt. Beim Kampf um Wertstoffgesetz und Verpackungsverordnung geht es um alles.

Die Kommunen wollen das duale System am liebsten ganz los werden. Auf jeden Fall wollen sie verhindern, das Firmen mit neuen Wertstofftonnen gut verwertbare Rohstoffe aus dem Hausmüll klauben. Erlöse fielen weg und Müllgebühren müssten möglicherweise angehoben werden. Das Geschäft wollen sie lieber selbst machen.

Auch der Landkreis Göttingen bereitet sich mit ein dutzend anderen in der Arbeitsgemeinschaft auf die Auseinandersetzung nach der Bundestagswahl vor. Der Praxisversuch und weitere Gutachten sollen Munition liefern. Die Argumente klingen jedenfalls plausibel. Die Sortiertechnik ist so weit fortgeschritten, dass eine Vortrennung des Hausmülls nicht unbedingt notwendig erscheint.

Die MBA in Deiderode müsste nur etwas nachgerüstet werden. Die Tonnenparade und die Stapel gelber Säcke auf den Bürgersteigen würden überflüssig. Die Firmen im dualen System werden ihre Milliardenumsätze natürlich mit Zähnen und Klauen verteidigen.