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Göttingen Lebhafte Diskussion über Integration und Rassismus
Die Region Göttingen Lebhafte Diskussion über Integration und Rassismus
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12:15 22.03.2018
Teilnehmer der Diskussionsrunde (vordere Reihe, von links): Mehmet Togcu, Torsten Bussmann, Ludwig Theuvsen, Prashant Jaiswal, Felicitas Oldenburg und Renate Bank. Quelle: Soeren Kracht
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Göttingen

Vor etwa 20 Zuhörern, die sich teils auch selbst an der Diskussion beteiligten, erläuterten die geladenen Gäste zunächst ihre persönlichen Definitionen von Integration.

Freiheit, Sprache und Offenheit

„Für mich gehört Freiheit zur Integration dazu, ebenso die Teilnahme an der Sprache“, betonte Felicitas Oldenburg (FDP). Integration habe auch viel mit Begegnung und Bewegung zu tun, ergänzte Renate Bank (SPD). Aufnehmende Kulturen und Zugewanderte müssten sich ihrer Meinung nach stets aufeinander zu bewegen, wenn Integration gelingen soll. Mehmet Togcu (Bündnis 90 / Die Grünen) steuerte Erfahrungen aus seiner eigenen Lebensgeschichte bei. Der Türke kurdischer Abstammung war selbst Vorsitzender des Integrationsrates – und weiß aus eigener Erfahrung: „Integration ist in erster Linie keine Einbahnstraße.“ Er selbst habe 20 Jahre lang Menschen bei Behördengängen begleitet und unterstützt. Auch für ihn sei die Sprache der Schlüssel zur Integration; wichtig sei aber auch eine vollständige Teilhabe von Eingewanderten am gesellschaftlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben der aufnehmenden Gesellschaft. Die Politik hat sich nach seiner Auffassung deutlich zu spät mit dem Thema Integration befasst. „Wir könnten heute schon viel weiter sein“, warf er in die Runde.

Offen sein, aber nicht die eigenen Wurzeln verleugnen

Ludwig Theuvsen (CDU) beschrieb, dass es noch in den 60er-Jahren als katholisches Kind vom Lande nicht einfach gewesen sei, in eine Stadt zu kommen und sich dort zu integrieren. Es sei damals auch keinesfalls selbstverständlich gewesen, als Kind von Nicht-Akademikern studieren zu dürfen. Dies habe sich inzwischen geändert – und diene als Beispiel dafür, dass Integration immer ein längerer Prozess sei. „Integration kann heute nur gelingen, wenn beide Seiten offen dafür sind“, betonte Theuvsen. Sich offen zu zeigen heiße aber nicht, die eigenen Wurzeln verleugnen zu müssen.

„Nicht mit den eigenen Landsleuten rumhängen“

Prashant Jaiswal (bekannt aus „Stromberg“, am 27. März in der RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ zu sehen) erzählte davon, dass er in seiner Heimat Indien zunächst 22 Monate lang deutsch gelernt habe. Zur Expo sei er nach Hannover gekommen, wo er seine Sprachkenntnisse habe intensivieren können. „Während der Expo habe ich mein Land repräsentiert und mich gleichzeitig in Deutschland verliebt.“ Gelebt habe er zunächst zusammen mit Deutschen in einem Bauwagen, später sei er nach Göttingen gekommen. Seine eigene Integration fasste er so zusammen: „Man sollte nicht immer mit den eigenen Landsleuten rumhängen, sondern sich den Menschen öffnen, in deren Land man leben möchte.“

Bildergalerie zur Diskussionsrunde im Haus der Kulturen:

Im Haus der Kulturen trafen sich Politiker verschiedener Parteien, der Schauspieler Prashant Jaiswal und der Radiomoderator Torsten Bussmann zu einer Diskussionsrunde zu den Themen Integration und Rassismus. Auch einige der etwa 20 Zuhörer beteiligten sich an der offenen Gesprächsrunde.

Eine gewisse Anpassungsfähigkeit forderte auch Moderator Bussmann ein: „Wenn ich in ein anderes Land komme, muss ich mich immer auch mit den dortigen Gepflogenheiten und Gesetzen beschäftigen“, riet er. Ähnlich sah dies Trang Nguyen, ein bekannter Arzt aus Göttingen, der sich nach eigenen Angaben deshalb so gut integrieren konnte, weil er stets lernwillig war: „Dadurch, dass ich die Traditionen dieses Landes kennenlernen und mich ihnen anpassen wollte, bin ich überall sehr freundlich aufgenommen worden.“ Integration sei allerdings nicht mit Assimilation gleichzusetzen, ergänzte Togcu.

„Es gibt auch in Göttingen immer wieder offenen Rassismus

In einem zweiten Themenblock setzten sich die Gesprächsteilnehmer mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auseinander. „Wir wissen nicht wirklich, wie wir der neu aufkommenden Feindseligkeit begegnen sollen“, stellte Oldenburg fest. Zur AfD meinte Theuvsen: „Das, was Menschen lange Zeit hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, wird derzeit wieder offen ausgesprochen.“ Dem entgegenzuwirken, sei eine Aufgabe, die vor allem die Politik noch jahrzehntelang beschäftigen werde. Zumal Deutschland immer eine Einwanderungsgesellschaft gewesen sei, wie Bank hinzufügte.

„Es gibt auch in Göttingen immer wieder offenen Rassismus“, entgegnete eine Frau aus dem Publikum den Äußerungen Oldenburgs und Theuvsens, dass die Situation in Göttingen im Vergleich zu anderen Städten eher unproblematisch sei – und brachte auch einige selbst erlebte Beispiele an. Sogar eine „Vorarbeiterin“, die bei der Stadt Göttingen beschäftigt sei, würde immer wieder AfD-Parolen verbreiten, und niemand unternehme etwas dagegen.

Schnell kippende Stimmung als typisch deutsches Phänomen?

Ein Zuhörer verglich die aktuelle Situation mit der innerdeutschen Grenzöffnung. Schon wenige Wochen nach der ersten Euphorie sei in Göttingen ein gewisser Unmut spürbar gewesen, der sich zum Beispiel in Sätzen geäußert habe wie: „Die Ossis durften bis vor Karstadt fahren, wir hätten dafür einen Strafzettel bekommen.“ Die Stimmung sei also ziemlich schnell gekippt – ein typisch deutsches Phänomen? „Wir und die“, antwortete Theuvsen, diese problematische Einordnung habe es immer wieder gegeben – speziell dann, wenn Teile der Mehrheitsgesellschaft das Gefühl gehabt hätten, dass eine Entwicklung zu ihren Lasten gegangen sei.

Was kann die Politik jetzt tun?

Diskutiert wurde auch darüber, was die Politik aktuell tun könne, um Integration zu erleichtern und Rassismus zu bekämpfen. „Wir legen immer so viel Wert auf Zeugnisse und Zertifikate. Wir lassen die Menschen nicht zeigen, was sie eigentlich können“, kritisierte Oldenburg. Dies funktioniere in anderen Ländern deutlich besser, zum Beispiel in Israel. Theuvsen forderte, weitere juristische Rahmenbedingungen zu schaffen, schränkte aber auch ein: „Schlechtes Benehmen, zum Beispiel in den sozialen Netzen, ist nicht strafbar.“ Hier sei vielmehr die gesamte Gesellschaft gefragt.

Von Markus Riese

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