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Göttingen „4074 Tage“: Fotoausstellung in Göttingen zeigt Tatorte der NSU-Morde
Die Region Göttingen „4074 Tage“: Fotoausstellung in Göttingen zeigt Tatorte der NSU-Morde
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13:33 11.11.2019
Außergewöhnliche Annäherung an die Tatorte der NSU: In Göttingen hat die Fotografin Gabriele Reckhard jetzt ihre Ausstellung eröffnet. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Leere Straßen, herabgelassene Rollos, grauer Beton. Erdrückend trist wirken diese Fotos. Blass. Verschleiert. Leblos. Tot. Dennoch rütteln sie auf, schreien danach, beachtet zu werden. Es sind die Tatorte eines Mordes. Orte, an denen der sogenannte „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) von 2000 bis 2011 zehn Menschen ermordet hat. Die Fotoausstellung „4074 Tage | Tatorte der NSU-Morde“ der Fotografin Gabriele Reckhard zeigt diese Tatorte, erinnert an die Opfer, das Leid der Familien, aber auch an die verschleiernden Ermittlungen. Am Sonntag wurde die Ausstellung eröffnet.

Zwei Seiten eines Tatortes

„2 Schüsse. HALIT YOZGAT (21), Ermordet am Donnerstag, 6. April 2006, Internet-Café, Kassel, Holländische Straße 82.“ Befremdlich nüchtern sind die Begleittexte zu den Fotos zunächst betitelt – eingebettet in jeweils zwei Ansichten des Tatortes: frontal und von der Seite. Um so berührender und schockierender sind die dann folgenden Zitat von Angehörigen der Opfer: über ihre Trauer, ihre Angst und ihr Leid, auch noch als mögliche Täter kriminalisiert worden zu sein.

Gabriele Reckhard führt in ihre Fotoausstellung ein. Quelle: Peter Heller

4074 Tage lagen zwischen dem ersten Mord und der (Selbst)Enttarnung des NSU. Bis zu seiner Selbstenttarnung 2011 mussten die Familien nicht nur mit dem Tod ihrer Angehörigen leben. Sie waren auch der Verunglimpfung und Kriminalisierung durch Ermittlungsbehörden ausgesetzt.

Auch vor diesem Hintergrund hat sich die Fotografin Reckhard den Tatorten genähert: schnörkellos in der Totalen, blass, überbelichtet. „Die Bilder sollen tot wirken“, erklärte sie während ihrer Einführung in die Ausstellung. Und: „Mit einem Effekt der Verschleierung“, der auf die einseitigen Ermittlungen über all die Jahre NSU-Terror hinweist.

Die Fotografin:

Zur Person: Gabriele Reckhard – Fotodesignerin

Die Fotografin Gabriele Reckhard ist gelernte Diplom-Bibliothekarin und ist seit 1991 beim DGB in der Erwachsenenbildung tätig. 2012 bis 2016 studierte sie berufsbegleitend Fotodesign in Bochum. Die Fotoausstellung über Tatorte und Opfer der NSU-Morde ist Teil ihrer abschließenden Diplomarbeit.

Reckhard hat seit 2009 bereits mehrere Ausstellungen präsentiert:

2008/09: „Augenschein – Begegnung“

2016/17: on working_days – 36 Ansichten von Arbeit in Asien

2018/19 4074 tage – Tatorte der NSU-Morde

Außerdem ist sie 2017 mit einer Arbeit zum Thema Freiheit für den EN-Kunstpreis nominiert worden.

Der vom NSU ausgeübte Terror „ist Teil eines Kontinuums rassistischer und politisch motivierter Anschläge“, sagte Lisa Grow von der Geschichtswerkstatt Göttingen zur Eröffnung. Dieser Rassismus sei weder neu noch ein Randgruppenphänomen. „Er ist in der Mitte der Gesellschaft verankert.“ Um dem entgegenzutreten, habe die Geschichtswerkstatt mit dem Haus der Kulturen und Helfern die Fotos nach Göttingen geholt.

„Endlich Zuhören!“

Sie soll auch dazu anregen, „endlich zuzuhören und wahrzunehmen“, dass es in der Bundesrepublik rechten Terror gibt und was er nicht nur für die Familien der NSU-Opfer bedeutet, mahnte Annegrit Berghoff vom Göttinger Bündnis „Kein Schlussstrich“. Schonungslos listet sie die einseitigen und vielfach verschleiernden Ermittlungen auf. „Viele Jahre lang, während der NSU ungestört mordete, wurde von den ermittelnden Behörden und der Öffentlichkeit nicht die rechtsextreme Szene verdächtigt, sondern die Familien und der Freundeskreis der Ermordeten“, so Berghoff.

Annegrit Berghoff Quelle: Peter Heller

Schlimmer. Die Betroffenen seien mit „rassistischen Methoden“ kriminalisiert und von der Gesellschaft isoliert worden. Heute weiß man: völlig zu Unrecht. Dabei habe es immer wieder Hinweise auf rassistische Täter und Hintergründe gegeben – auch von den Betroffenen selbst. „Doch niemand wollte ihre Stimmen hören“, so Berghoff.

Heute, nach der Enttarnung des NSU und dem Mammutprozess gegen Beate Zschäpe, gebe es für die Opfer und die Gesellschaft nur eine scheinbare Erlösung. Viele Fragen seien nach wie offen. „Wer sind die Leute hinter dem NSU? Was hat der Deutsche Staat damit zu tun?“, zitierte Berghoff Aysen Taşköprü, die Schwester des in Hamburg ermordeten Süleymann Taşköprü.

Der Rahmen:

Dauerausstellung: Auf den Spuren der Zwangsarbeit

Die Ausstellung „4074 – Tatorte der NSU-Morde ist in die Göttinger Ausstellung zur Zwangsarbeit in Südniedersachsen in den Jahren der Naziherrschaft von 1939 bis 1945 integriert. Ihr Titel: Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Die didaktisch gut aufbereitet Dauerausstellung ist ein Projekt der Geschichtswerkstatt Göttingen.

Mehrere zehntausend Menschen aus den von Deutschland überfallenen Ländern wurden im Zweiten Weltkrieg gezwungen, in Südniedersachsen Zwangsarbeit zu leisten. Die Ausstellung zeichnet das Schicksal dieser Menschen aus europäischer Perspektive nach und liefert Hintergrundinformationen zum NS-Zwangsarbeitseinsatz im südlichen Niedersachsen.

Zu sehen ist sie im Untergeschoss der BBS 2, Godehardstraße 11 in Göttingen. Mehr Informationen auch über die Öffnungszeiten gibt es online hier.

Die Ausstellung mit Begleitprogramm (siehe Infokasten) wird über das Programm „Partnerschaft für Demokratie“ der Stadt Göttingen gefördert. Zu sehen ist sie bis zum 2. Februar als Teil der Ausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit“ im Untergeschoss der BBS 2 in Göttingen, Godehardstraße 11. Die Öffnungszeiten: mittwochs, freitags und jeden ersten Sonntag im Monat von 10 bis 14 Uhr.

Das Begleitprogramm:

Vorträge und Diskussionen

Zur Sonderausstellung „4074 Tage | Tatorte der NSU-Morde“ in den Räumen der BBS 2 an der Godehardstraße in Göttingen gibt es ein Begleitprogramm mit mehreren Veranstaltungen:

 -> „Der NSU-Prozess: Eine kritische Bilanz | Was das Münchner Mammutverfahren geleistet hat - und was nicht“; Vortrag und Diskussion am Donnerstag, 28. November, um 19 Uhr im Haus der Initiative „OM10“, Obere-Masch-Straße 10. Referent ist der Journalist Thies Marsen.

-> „Der NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel | Die Fragen bleiben“; Vortrag und Diskussion am Dienstag, 2. Dezember, um 19 Uhr im Haus der Initiative „OM10“, Obere-Masch-Straße 10. Referent ist Alexander Kienzle, Rechtsanwalt des Vaters des Ermordeten.

-> „Lauter und mutiger | Strategien gegen den Rechtstrend in der deutschen Gesellschaft“; Vortrag und Diskussion am Montag, 20. Januar, um 19 Uhr im Ausstellungsbereich in den BBS 2.

-> „Es ist noch lange nicht zu Ende | Kassel nach den rechtsextremen Morden an Halit Yozgat und Walter Lübcke; Vortrag und Diskussion am Sonntag, 2. Februar, um 14.30 Uhr in den Ausstellungsräumen in den BBS 2. Referent ist Ayşe Güleçvon der Initiative 6. April.

Begleitend zur Sonderausstellung über die Tatorte der NSU gibt es einen Workshop für Schulklassen ab Klassenstufe 10 und Jugendgruppen. Weitere Informationen dazu unter Telefon 0551/29346901. Offene Führungengibt es außerdem am 24. November (14 Uhr), 10. Dezember (17.30 bis 19.45 Uhr) und am 19. Januar (14 Uhr). Weitere Infos per Mail unter info@zwangsarbeit-in-niedersachsen.eu. (us)

Von Ulrich Schubert

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