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Göttingen Mahnmal-Debatte in Göttingen weitet sich aus
Die Region Göttingen Mahnmal-Debatte in Göttingen weitet sich aus
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20:25 23.06.2013
Von Jörn Barke
Mahnmal innen: Gegner sehen peinliche Verklärung mit als hässliche Fratze dargestelltem Gegner.
Mahnmal innen: Gegner sehen peinliche Verklärung mit als hässliche Fratze dargestelltem Gegner. Quelle: Vetter
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Göttingen

Nun ist im Kulturausschuss zudem eine Darstellung in der Rathaushalle in die Kritik geraten.

In der Tafel an der Außenfassade des Rathauses heißt es: „Den in den Heldenkämpfen 1914-1918 gefallenen Söhnen der Stadt Göttingen: Wer mutig für das Vaterland gefallen, der baut sich selbst ein ewig Monument.“ Das sei nationalistisch, militaristisch, mit heutigem demokratischen Verständnis nicht vereinbar, so die Meinung der Linken. Sie hatte mit ihrem Antrag auf den offenen Brief eines Göttinger Philosophie-Doktoranden reagiert, der eine Entfernung der Tafel gefordert hatte.

Nationaler Pathos in Weimarer Republik

Das wollte die Verwaltung allerdings nicht. Sie schlug vielmehr die Anbringung einer Erläuterungstafel mit folgendem Text vor: „Diese Tafel wurde 1929 angebracht. Sie zeugt sowohl von echter Trauer über die Opfer des Krieges wie auch von dem überhöhten nationalen Pathos in der Weimarer Republik, in der die Aufarbeitung der Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs versäumt und auch dadurch der Aufstieg des Nationalsozialismus ermöglicht wurde.“

Für eine solche Erläuterungstafel, die 2000 Euro kostet, gab es im Kulturausschuss fraktionsübergreifend Zustimmung. Diskutiert wurde über die genaue Formulierung des Textes. Die SPD wollte das Wort „echter“ vor Trauer streichen, denn Trauer sei immer echt, sagte Frank-Peter Arndt.

Außerdem wollte sie vor „versäumt“ ein „weitestgehend“ einfügen, da es durchaus auch in der Weimarer Republik ernsthafte Aufarbeitungsversuche gegeben habe. Für die CDU äußerte Marcel Pache ein Unbehagen, dass die Formulierung „überhöhtes nationales Pathos“ etwas zu oberflächlich geraten sein könnte. Der Text der Tafel soll vor der Erstellung nun noch einmal zwischen Verwaltung und Fraktionen abgestimmt werden.

Darstellung problematisch

Die SPD machte in der Sitzung darauf aufmerksam, dass es auch im Alten Rathaus ein kritisches Denkmal gebe, nämlich das der Stadt für ihre gefallenen Beamten, Angestellten  und Arbeiter. Bei dem Werk aus dem Jahr 1928 sei zwar der Text relativ unverfänglich, die reliefartige Darstellung im Zentrum aber problematisch.

Arndt beruft sich hier auf die Einschätzung des Kunsthistorikers Karl Arndt in der Göttinger Stadtgeschichte. Die heroisierende spätmittelalterliche Gestalt in Rüstung stehe für die Kriegstoten und verkläre sie zu sieghaften Ritterhelden, schreibt Arndt: „Peinlich mutet es an, dass unter den Füßen des Gerüsteten auch der Gegner seine Darstellung fand – und zwar auf die befremdlichste Weise, als ein an mittelalterliche Fabelwesen gemahnendes Monster, erniedrigend klein und mit karikaturistisch verhässlichtem Menschenkopf!“

Auch hier soll es eine Erläuterungstafel geben, für die noch ein Text entwickelt werden soll.

► Kommentar: Vorsicht beim Denkmalsturm

Denkmale ermöglichen einen Blick in vergangene und für uns Zeitgeistige oftmals auch fremde Epochen. Beim Denkmalsturm ist Vorsicht geboten: Zum einen aus historischer Erfahrung, zum anderen, damit wir Heutigen auf die Nachsicht derer hoffen können, die vielleicht mal 500 Jahre nach uns sein werden. Vor allem aber kann denkmalstürmen auch zu einem Sport werden. Dann passiert nämlich das, was in Göttingen schon häufiger geschehen ist: Eine selbsternannte autonome Denkmalpolizei rückt im Schutz der Dunkelheit aus, um alles wegzumeißeln und zu übermalen, was dem persönlichen Weltbild nicht genehm ist.

Insofern haben die Linken den richtigen Weg gewählt. Sie haben die Diskussion um die Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die an der Fassade des Alten Rathauses angebracht ist, in den politischen und damit öffentlichen Raum getragen. Verwaltung und Politik haben durch Anbringen einer Erläuterungstafel eine mögliche richtige Antwort gegeben. Eine andere mögliche Antwort wäre vielleicht auch gewesen: den Menschen zuzutrauen, dass sie beim Lesen der Gedenktafel nicht gleich jubelnd den nächsten Krieg fordern werden, sondern sie als das erkennen, was sie ist, nämlich ein Zeugnis der Vergangenheit. Schließlich wünscht sich ja auch nicht jeder, der Schloss Versailles schön findet, den Absolutismus zurück.

Jörn Barke