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Göttingen „Man darf Jugendliche nicht fallen lassen“
Die Region Göttingen „Man darf Jugendliche nicht fallen lassen“
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20:25 24.03.2009
Streek-Fischer 
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Tim K., der Amokläufer von Winnenden, war 17 Jahre alt. Robert Steinhäuser war 19, als er 2002 an einem Gymnasium in Erfurt ein Blutbad anrichtete. Bastian B., der 2006 an der Realschule in Emsdetten um sich schoss, war 18. Alle drei Gewalttäter waren damit in einem Alter, das Experten als besonders schwierig einschätzen. „Der Übergang zum Erwachsenen ist eine kritische Phase“, sagt Streeck-Fischer, Chefärztin der Abteilung Klinische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen am Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn bei Göttingen. In dieser Zeit seien die Emotionen besonders heftig. Gleichzeitig sei das Gehirn aber noch nicht so ausgereift, dass es die extremen Gefühle steuern und kontrollieren könne. Dies mache Jugendliche anfällig für Gewalt und selbstzerstörerisches Verhalten.

Die Probleme der Adoleszenz, also der Spanne zwischen der Pubertät und dem Erreichen des Erwachsenenalters, würden von Eltern häufig unterschätzt. Die Fachärztin, die auch Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychologie der Adoleszenz ist, weiß aus ihrer täglichen Arbeit in der Klinik Tiefenbrunn, welche fatalen Folgen dies nach sich ziehen kann. Die auf die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen spezialisierte Klinik hat eine lange Warteliste. „Manche Jugendliche müssen über ein Jahr auf eine Behandlung warten, das ist eigentlich unverantwortlich.“ Dabei sei es enorm wichtig, dass solche Störungen frühzeitig behandelt werden. „Viele psychiatrische Erkrankungen beginnen bereits im Alter von 14 Jahren“, sagt die Fachärztin. 

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Zur Adoleszenz gehört auch eine narzisstische Phase, nicht zuletzt bedingt durch die starken körperlichen Veränderungen. In dieser Zeit seien Jugendliche extrem verletzlich, sagt Streeck-Fischer. Sie seien auf der Suche nach einer Rolle und beschäftigten sich intensiv mit ihrem Erscheinungsbild. 

In dieser Phase entwickeln Jugendliche auch Größenphantasien, die allerdings eine wichtige Funktion haben. „Sie sind eine Art Entwicklungsprogramm, um groß zu werden“, erklärt Streeck-Fischer. Dabei sei es jedoch wichtig, dass diese Phantasien in eine konstruktive Richtung kanalisiert werden. Wenn Jugendliche in dieser Phase ständig Kränkungen und Beschämungen erlebten, bestehe die Gefahr des Abdriftens in Gewalt und Zerstörung. Dabei spiele die Schulkarriere eine zentrale Rolle. „Viele unserer Patienten sind in der Schule gescheitert.“ Nicht wenige Eltern fühlen sich in dieser problematischen Phase überfordert und versuchen die Konflikte dadurch einzudämmen, dass sie ihr Kind sich selbst überlassen. „Die Jugendlichen werden einfach fallen gelassen“, hat die Fachärztin festgestellt. Ein solcher Rückzug sei aber fatal. 

Jugendliche brauchen Erwachsene, mit denen sie sich auseinandersetzen können und die ihnen auch Grenzen setzen – ohne Gewalt. „Eltern, die sich diesen Konflikten entziehen, lassen ihre Kinder mit ihren Problemen allein“, sagt die Fachärztin. Wer so emotional vernachlässigt werde, neige eher zu destruktivem und selbstzerstörerischem Verhalten.

                                                                                                                               Von Heidi Niemann