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Göttingen „Manchmal arbeiten wir an der Grenze des Wahnsinns“
Die Region Göttingen „Manchmal arbeiten wir an der Grenze des Wahnsinns“
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20:43 09.11.2010
Mit viel Schwung: Gero Scheuß entsorgt auf dem Recyclinghof ausgedientes Gartenmobiliar aus Kunststoff.
Mit viel Schwung: Gero Scheuß entsorgt auf dem Recyclinghof ausgedientes Gartenmobiliar aus Kunststoff. Quelle: Hinzmann
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Alle Kisten sind gepackt, der Umzug steht bevor. In einer Kellerecke stapeln sich Dinge, für die es eigentlich schon im alten Leben keine Verwendung mehr gab: abgefahrene Autoreifen, ein alter Fernseher, ausrangierte Winterstiefel, Teppichbodenreste, das Regal aus der Studentenzeit und jede Menge Krempel in Kartons und Müllsäcken. Der Möbelwagen kommt in drei Tagen – dann sind die Zelte im alten Zuhause abgebrochen. Zu spät, um noch eine Sperrmüllanforderung abzugeben. Auch die graue Tonne quillt schon längst über.

Auf dem Recyclinghof der Stadt Göttingen an der Rudolf-Wissell-Straße nehmen Ingo Petri und seine Kollegen montags bis freitags nicht nur sperrige sondern jegliche Art Abfälle entgegen, teils kostenfrei, teils gegen Gebühr. „Im vergangenen Jahr waren das rund 1700 Tonnen sperriger Abfälle gegenüber 1100 Tonnen, die aus den Straßen abgeholt wurden“, berichtet Maja Heindorf, bei den Göttinger Entsorgungsbetrieben zuständig für Abfallwirtschaftsberatung und Öffentlichkeitsarbeit. Bis zu 6500 Tonnen Müll insgesamt würden jährlich von privaten und gewerblichen Anlieferern vorbeigebracht. Ein großer Teil der Materialien wird der Verwertung führt, das übrige nach gesetzlicher Vorgabe entsorgt oder verbrannt.

Seit der Recyclinghof 1997 als werktägliche Annahmestelle eingerichtet wurde, hat sich das dort angenommene Abfallvolumen beinahe verdreifacht. Was sich auch auf den Arbeitsalltag des Personals ausgewirkt hat: „Manchmal arbeiten wir nahe an der Grenze des Wahnsinns“, sagt Ingo Petri, seit 1983 bei der Stadt beschäftigt. „Vor allem an Brückentagen werden die Leute munter und fangen an, zu entrümpeln.“ Zwischen 200 und 400 Anlieferungen gibt es an normalen Tagen, während es am Tag nach Himmelfahrt etwa bis zu 1500 Kunden sein können. Angefangen habe der Recyclinghof mit drei Mitarbeitern, „jetzt sind es vier Mitarbeiter“, erklärt Heindorf.

Auch an normalen Werktagen gibt es auf dem Recyclinghof genug zu tun. So wie heute: Bis kurz vor 11 Uhr ist die Zahl der anrollenden Fahrzeuge an zehn Fingern abzählbar. Und ganz plötzlich laufen Petri und sein Kollege Tobias Rorig von einem Wagen zum nächsten, um Abfälle zu sichten, Container zu zeigen oder den Weg zur Schadstoffannahme zu weisen. Dort nehmen Simon Becker und der Auszubildende Dennis Budde alle Arten von Chemikalien in Spraydosen, Eimern oder Flaschen entgegen und verteilen sie unter einer Absaugvorrichtung in die dafür vorgesehenen Fässer. „Wir dürfen alles annehmen außer Stickstoff“, sagt Budde.

Die Studentin Merle Köpp ist mit einem gemieteten Umzugstransporter im Containerbereich vorgefahren. „Ich habe mein Studium abgeschlossen“, erklärt sie, warum sie mitsamt Hausrat Göttingen verlässt. Gleich hinter der Hecktür des Fahrzeugs stapeln sich Dinge, „die ich nicht mehr brauche“: altes Geschirr, Staubwedel, ein überdimensioniertes Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. „Das gehörte einer Mitbewohnerin“, sagt Köpp, während sie mit Unterstützung ihres Vaters und nach Petris Weisung Müllbehälter ansteuert, die mit „Pappe“, „Metall“ oder „Unterhaltungselektronik“ beschildert sind.

Abfallarten

• Altglas nach Farben sortiert, Papier, Kartonagen
• Altkleider, Lumpen, Stoffreste, Schuhe
• Baustellenabfälle aus Holz, Mineralien, Kunststoff, Verpackungen
• CDs ohne Hüllen
• Drahtzäune
• Fahrräder, Radmäntel
• Flachglas
• Gefriergeräte
• Grünabfälle, Stuken
• Holz, behandelt und unbehandelt
• Autorreifen
• Metalle
• Sanitärkeramik
• Möbel und vieles mehr.

Frauke Heitmann hat ihren Wagen mit alten Schreibtischstützen und Resten einer Wandisolierung beladen. Zwei- bis dreimal im Jahr räume sie den Keller auf, „das hier liegt jetzt seit drei Jahren herum. Jetzt ist es weg, und dann ist es auch gut“, sagt sie resolut und schließt die Kofferraumklappe. Gero Scheuß entsorgt währenddessen schwungvoll alte Gartenmöbel aus Kunststoff in den dafür vorgesehenen Container.
Horst Giere und Gudrun Zweibarth sind vor kurzem in eine gemeinsame Wohnung gezogen, „es fällt so viel Kram an, wenn man zwei Haushalte zusammenlegt“. Alexander Zimek bestückt den Container mit Haushaltskleingeräten. Seinen Wagen fährt er allerdings nicht mit leerem Kofferraum vom Gelände: „Ein Mann hat Ziegel mitgebracht, die kann ich gut gebrauchen“.

Für Sperrmüll bis zu zwei Kubikmeter zahlen private Kunden nichts, für andere Zivilisationsabfälle wie Baustellenabfall, Altholz, Hausmüll, Strauchschnitt oder Altreifen feste Gebühren, für die Petri Quittungen ausstellt. Gewerbebetriebe, die beispielsweise von Entrümpelungen leben, bezahlen für die Sperrmüllanlieferung. Auch wer wiederholt und regelmäßig mit einem Privatwagen oder auswärtigem Kennzeichen vorfährt, muss sich bei allzugroßen Müllmengen Fragen der Mitarbeiter gefallen lassen.

„Wir bieten einen kostenfreien Service nur für Bürger der Stadt Göttingen“, sagt Peter Loris, Gefahrgutbeauftragter und Leiter des Recyclinghofes. Für Bewohner des Landkreises gebe es eine Annahmestelle in Deiderode. „Es ist auch nicht einzusehen, dass jemand, der gewerblich Entrümpelung betreibt, hier nichts bezahlt.“ Loris erinnert sich an einen Fall, in der ein Kunde ganze Wagenladungen anbrachte, „angeblich aus Haushaltsauflösungen von Verwandten, die zufällig alle in der Bertheaustraße gewohnt hatten. Da gab es erst einmal ein Gespräch mit mir“.

Ohnehin findet sich Loris von Zeit zu Zeit in der Rolle eines Streitschlichters wieder. „Manche Menschen reagieren verärgert, wenn sie erfahren, dass sie etwas bezahlen müssen“, erklärt der Geologe. In solchen Fällen stehe er den Kollegen wenn erwünscht zur Seite. „Wir mussten sogar schon die Polizei rufen.“ Dabei seien die Mitarbeiter bei der Bemessung des Entgelts sehr kulant. Und die Gebührenordnung hänge schließlich auch in einem Schaukasten auf dem Gelände aus.

Kosten und Zeiten

• Sperrmüll bis zwei Kubikmeter kostenfrei
• Altholz von 23 bis 40 Euro je Kubikmeter
• Bauschutt Kleinmengen bis 100 Liter 5 Euro
• Hausmüll 3,50 Euro je Sack
•  Baum- und Strauchschnitt 12 Euro je Kubikmeter, 2 Euro je Sack
• Altreifen Pkw je 2,60 Euro, Lkw 15,50 Euro mit Felge.
Der Göttinger Recyclinghof ist montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr, freitags von 8 bis 14 Uhr geöffnet.

Nicht nur abladen können Kunden des Recyclinghofes Ausgedientes. Wer auf der Suche nach Hausrat ist, kann auch wieder etwas mitnehmen. In einer großen Halle auf dem Gelände stehen Möbel, Computer, Geschirr und anderes, das zwar alt, aber noch schön anzusehen und funktionstüchtig ist. Oft seien etwa Antiquitäten- oder Flohmarkthändler zu beobachten, die in der sogenannten Gebrauchtwarenbörse fündig würden. „Der Preis für den jeweiligen Gegenstand wird mit den Kollegen ausgehandelt“, so Loris.

Dass sich Wertstoffsammler an den Containern bedienen, sollen die Mitarbeiter des Recyclinghofes hingegen unterbinden. Schließlich erzielen die Entsorgungsbetriebe aus dem Verkauf des Altmetallschrotts zusätzliche Einnahmen, die dem Gebührenhaushalt zugute kommen. Und in den vergangenen Jahren sei bei der Sperrmüllsammlung aus Haushalten ein erheblicher Rückgang der Metallmengen festgestellt worden, berichtet Heindorf – Auswirkung der „Sperrmüllberaubung“.

„Manchmal arbeiten wir an der Grenze des Wahnsinns“: Sperrmüll, Schadstoffe und andere Zivilisationsabfälle können Göttinger auf dem Recyclinghof der Stadt Göttingen teils unentgeltlich, teils gegen Gebühr abgeben.