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Göttingen Die Beschäftigung mit dem Verfall
Die Region Göttingen Die Beschäftigung mit dem Verfall
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07:00 24.11.2018
In diese Steine hat jemand Erinnerungen gesteckt.
In diese Steine hat jemand Erinnerungen gesteckt. Quelle: Weber
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Der Verfall ist im November nicht nur in der Natur allgegenwärtig. Er springt einen sogar vor dem Supermarkt in Form von Grabgestecken an. Es ist der Monat der Totentage. Kalendarisch betrachtet, sollte man es bis zum Totensonntag möglichst geschafft haben, ein entsprechendes Gesteck auf dem Friedhof zu platzieren. Ich bin damit immer spät dran. Was nicht bedeutet, dass ich die Menschen meiner Vergangenheit vergessen habe. Im Gegenteil: Das Andenken an sie steckt direkt in mir, meinem Haus und meinem Leben. Da wäre zum Beispiel der kleine schwarze Stein, den meine Mutter stets bei sich getragen hat. Zusammen mit zwei Herz-Steinen liegt er an meinem Arbeitsplatz auf einem flachen größeren Stein. Weil dieser Trägerstein leicht abschüssig ist, kommt es beim heftigen Bearbeiten der Computertastatur nicht selten vor, dass der Stein meiner Mutter mit leisem Klackern auf der Schreibtischplatte landet. Ja, Mama, ich denke an dich, murmele ich dann und lege das Steinchen wieder an seinen Platz.

Sigent_Mein_Landleben Quelle: Reyer

In ähnlicher Weise begleiten mich auch andere Menschen, die nicht mehr unter uns weilen. Ich verwende ihre Rezepte, Füller, Mützen, Ratschläge, Stühle, Schallplatten oder Schränke. Mein Opa hat seinem Nachlass einst sogar vorgegriffen und mir seinen – meinerseits mit Kindheitserinnerungen behafteten – Küchenschrank bereits zu Lebzeiten überlassen, um meine Freude daran noch mitzuerleben. Diese Form des Sachenverschenkens nennt man heute Death Cleaning oder, in Schweden, Döstädning, wobei „dö“ sterben heißt und „städning“ Reinigung oder Aufräumen. Den in ihrem Land geläufigen Ausdruck sowie die damit verbundene Philosophie hat die Schwedin Margareta Magnusson via Buch nun in der Welt verbreitet. Es geht darum, unabhängig vom Alter, jederzeit seinen Besitz so geordnet zu halten, dass die Erben nur wenig Arbeit damit haben. Das konsequente Aussortieren ist dabei auch damit verbunden, gezielt Dinge an Menschen weiterzugeben, die sich daran erfreuen.

Anke Weber Quelle: R

In Deutschland mangelt es leider an einem vergleichbar treffenden Begriff für diese Aktivität. Dennoch existiert sie. So hat mir ein älterer Herr seine von mir begehrte Wildlederjacke geschenkt und noch weitere Stücke aus seinem Besitz angeboten. Im Haus meines Vaters gibt es sogar einen Ordner mit einer Art Bedienungsanleitung für den Rest seines Lebens. Nachdem ich mich bereits durch diverse Nachlässe arbeiten musste, bin ich ihm dafür schon jetzt dankbar. Und habe mir vorgenommen, selbst ebenfalls Death Cleaning zu betreiben und nicht nur einen Ordner anzulegen, sondern auch Dinge bei passender Gelegenheit zu verschenken. So, wie mein Opa es mit dem Küchenschrank gemacht hat. Diesem Küchenschrank, in dem täglich so viel mehr Gedenken steckt, als in einem Gesteck, das ich rechtzeitig vor Totensonntag zum Friedhof trage.

Sie erreichen die Autorin unter E-Mail: autorin@anke-weber.de

Instagram: https://www.instagram.com/ankeweber_author

facebook: https://www.facebook.com/ankeweberautorin

Von Anke Weber

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