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Göttingen Mein Leben mit Tonsur
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00:17 30.12.2013
Von Jörn Barke
Da ist es passiert: Bei den Dreharbeiten zum Kino-Film „Der Medicus“ hat Komparse Jörn Barke für seinen Mini-Auftritt als Mönch eine Tonsur verpasst bekommen.
Da ist es passiert: Bei den Dreharbeiten zum Kino-Film „Der Medicus“ hat Komparse Jörn Barke für seinen Mini-Auftritt als Mönch eine Tonsur verpasst bekommen. Quelle: Barke
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Göttingen

So wurde ich ein mittelalterlicher Mönch, für einen kleinen Auftritt in einem Film und für ein kleines Extra-Schmerzensgeld, das die Entscheidung und vielleicht auch einen baldigen Nachfolge-Besuch bei einem Friseur erleichtern sollte.

Zwei Tage trage ich die Frisur bei den Dreharbeiten und danach einige Wochen privat – mit wechselndem Erfolg. Meine Tonsur ermöglicht mir allerdings eine Vielzahl unüblicher Erfahrungen. Als ich damit das erste Mal bei der Arbeit auflaufe, freuen sich alle Kollegen beim Göttinger Tageblatt. Insbesondere einigen Frauen mittleren Semesters entlockt mein neuer Look glockenhelle Kreischtöne.

Als ich am nächsten Tag, das Haupt mit einer Baseballkappe bedeckt, auf dem Weg ins Tageblatt-Gebäude bin, bittet ein Kollege, ich möge doch mal die Mütze abnehmen. Er möchte seine erwachsene Tochter, die ihn begleitet, damit beeindrucken, dass er jemanden kennt, der eine Tonsur hat. Ich lüfte die Mütze, verbeuge mich leicht und grüße.

Im Mittelalter wurden Tonsuren von katholischen Geistlichen getragen. Das Abschneiden eines Teils der Kopfhaare war ein äußeres Zeichen der Buße, Demut und Hinwendung zu Gott. Offiziell abgeschafft wurde die Tonsur in der katholischen Kirche erst 1973. Im allgemeinen Bewusstsein dürften die Spezialfrisur und ihre Bedeutung nach wie vor sehr präsent sein.

Sinne für die feinen Unterschiede

Am 70. Geburtstag meiner Schwiegermutter begleitet jedenfalls ein großes Getuschel mein Erscheinen. In ihrer Ansprache erläutert meine Frau die Situation. Wenig später werde ich trotz einiger wesentlich älterer Konkurrenten zum Mann mit der schönsten Glatze des Tages gewählt.

Eine Verwandte erklärt mir später, warum sie zu Beginn vergessen hat, mir nachträglich zu meinem Geburtstag zu gratulieren: Sie habe sich einfach so über meine Frisur erschreckt.

Mein Haarschnitt schärft bei mir die Sinne für die feinen Unterschiede und die Nuancen der nonverbalen Kommunikation. Zunehmend nervt es, wenn mich Leute genau jenen kleinen Tick zu lange ansehen. Oder wenn sie, nachdem  sie bereits wieder weggeschaut haben, noch einen zweiten verhuscht-ungläubigen Blick hinterherschicken. Die meisten, die interessiert bis irritiert blicken, fragen aber nicht.

Jörn Barke, im Einsatz als Bretterträger und Mönch, erinnert sich an die Dreharbeiten für den „Medicus“ auf Burg Hanstein.

Bei einem Termin in Adelebsen vermutet Bürgermeisterin Dinah Stollwerck-Bauer, ich hätte eine Wette verloren. Eigentlich soll bei diesem Termin der mittelalterliche Burgturm in Adelebsen als ein Baudenkmal von europäischem Rang bewundert werden. Aber der heimliche Star des Tages ist meine Frisur.

Mails, die ich bei der Arbeit im Hause versende, kommen zurück mit der Antwort: „Ja, Bruder Jörn“. Diese Anrede bevorzugt fortan auch ein Kollege, dessen Haarputz auf dem Weg der natürlichen Auslese bereits deutlich gelichtet ist.

Diakonie-Geschäftsführer Jörg Mannigel begrüßt mich bei der Verleihung des Jugendpreises der Johanniter-Hilfsgemeinschaft mit den Worten „scharfe Frisur“. Ein Freund, dem ich als Geburtstagsgruß ein Foto von mir mit Tonsur zumaile, schreibt zurück: „Ich hoffe, das ist eine gute Photoshop-Arbeit – das Schlimme ist ja, man muss dir zutrauen, dass du Ernst machst mit diesem, nun, wie soll ich sagen?: Quatsch!“

Die Maskenbildnerin hat meinen oberen Schädel nicht völlig poliert, sondern drei Millimeter lange Härchen stehen lassen. Weil ich außerdem dunkle Haare habe, bildet sich zum Glück relativ schnell wieder ein einigermaßen blickdichter Flaum, der die kahle Insel auf meinem Kopf verschwinden lässt.

Alles Schlechte hat auch ein Gutes

Als hartnäckiger erweist sich der Rundschnitt, der die verbliebene längere Haarpracht in jene monotone Form gebracht hat, die man auch mit einem Topf erzeugen kann.

Als die Tonsur nach zwei Wochen schon wieder leicht zugewachsen, aber noch gut sichtbar ist, habe ich im Rahmen der Tageblatt-Aktion „Zeitung in der Schule“ einen Termin in der Bonifatiusschule. Erstaunlich: Die Grundschüler fragen mir zwar Löcher zum Thema Zeitung in den Bauch, aber keiner spricht mich auf meine Frisur an. Das deutet auf eine gute Erziehung in der katholischen Schule hin.

Die gestutzte Haarpracht macht das Leben in einer modernen Welt nicht unbedingt leichter. Doch alles Schlechte hat auch ein Gutes: Die Tonsur ermöglicht einen Einblick in das, was zählt und die Welt zusammenhält. Den eigenen Kindern ist es nämlich völlig egal, welch eigenwillige Frisur ihr Vater trägt. Sie mögen ihn trotzdem genauso wie vorher. Das bedeutet: Geborgenheit gibt es auch mit Teilglatze.