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Göttingen „Meine Mutter war immer der Motor der Familie“
Die Region Göttingen „Meine Mutter war immer der Motor der Familie“
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17:44 22.07.2011
Ist gerne im Garten: Melida Schmidke wird morgen 100 Jahre alt.
Ist gerne im Garten: Melida Schmidke wird morgen 100 Jahre alt. Quelle: Lawrenz
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Eddigehausen

Die Flucht führte sie 1946 nach Benneckenstein im Harz. 1956 zog die ältere Tochter nach Hohegeiß. Nur fünf Kilometer lebten sie voneinander entfernt. Durch den „Eisernen Vorhang“ wurde die Familie getrennt. Mal in Berlin, mal bei Verwandten in Dresden konnten sie sich damals treffen. „Es war hart für meine Mutter“, erzählt ihre Tochter Helga Rusev. Bei ihrer Arbeit in der Forstwirtschaft arbeitete Schmidke oft in der Nähe der Grenze und hatte so immer die Trennung von der Tochter vor Augen.

Als Melida und ihr Mann in Rente waren, konnten sie ausreisen, auch die Tochter stellte einen Ausreiseantrag. Ihr Ziel war Hohegeiß, sie wollten in die Nähe der zweiten Tochter. Ein Jahr lang lebten sie dort, dann fand Helga Rusev Arbeit an der Georgia Augusta. Die Eltern kamen mit nach Göttingen. Tochter Helga hatte gerade ein Kind bekommen. Mutter Melida konnte ihr bei der Betreuung helfen. Die Familie baute in Eddigehausen. In eine Doppelhaushälfte zogen die Eltern, in der anderen wohnte die Tochter mit Familie.

„Meine Mutter war immer der Motor der Familie“, beschreibt Helga Rusev ihre Mutter. Sie brachte die Enkelin zur Schule, zum Ballett und zum Flötenunterricht. Sie habe mit ihr gespielt und gesungen. „Kennen Sie das Lied von der „großen Zahl“, fragt Melida Schmidke mit einem Schalk in den Augen. Gern erinnert sie sich daran, wie ihre Enkelin als Kleinkind ihren eigenen Titel für das Lied „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“ erfunden habe. „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl“ heißt es am Schluss der ersten Strophe. Gern singt Melida Schmidke bis heute aus ihrem mehr als 100 Jahre alten Gesangbuch.

Heute ist die alte Dame nicht mehr allein unterwegs. Mit 70 Jahren fuhr sie noch Fahrrad. Mit ihrem Mann ist sie bei Wind und Wetter täglich eine Stunde spazieren gegangen. Kurz nach der Eisernen Hochzeit vor elf Jahren starb ihr Mann. Von ihren Geschwistern ist sie die letzte, die noch lebt. Die Liebe zur Natur ist ihr geblieben. So gut sie es kann, hilft sie ihrer Tochter im Garten. Immer hat sie die seltenen Zusammenkünfte ihrer großen Familie genossen. Mit Familie, Freunden und den Nachbarn feiert die Jubilarin heute ihren 100. Geburtstag.

Von Ute Lawrenz