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Göttingen Missbrauch in der Kirche: Opfern helfen, Strukturen erkennen
Die Region Göttingen Missbrauch in der Kirche: Opfern helfen, Strukturen erkennen
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00:23 10.06.2019
Niedersachsens Ex-Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz ist Sprecherin der Expertengruppe. Quelle: dpa
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Göttingen

Antje Niewisch-Lennartz sitzt bei bedecktem Himmel im Garten der Gemeinde St. Michael an einem Holztisch. Niedersachsens Ex-Justizministerin besucht Göttingen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Mit Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten innerhalb der katholischen Kirche Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen machen mussten oder Informationen darüber weitergeben können. „Ich bin die Anlaufstelle.“

Das Gesprächsangebot ist ein Weg der Recherche für ein Expertenteam, das vor zwei Monaten im Auftrag des Hildesheimer Bischofs Heiner Wilmer seine Arbeit aufgenommen hat. Ziel ist es, Strukturen innerhalb der Kirche aufzudecken, durch die die große Zahl an Missbrauchsfällen erst möglich wurde. Dabei konzentrieren sich die Juristen und Psychologen um Obfrau Niewisch-Lennartz zunächst auf die Jahre von 1957 bis 1982.

49 bislang bekannte Täter im Bistum

Laut der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie entfielen 49 der bislang bekannten Täter auf das Bistum Hildesheim. 46 von ihnen begingen ihre Taten im Untersuchungszeitraum. Der fällt auch nicht zufällig zusammen mit der Amtszeit von Bischof Heinrich Maria Janssen, dem bisher einzigen deutschen Bischof, dem persönlich Übergriffe vorgeworfen werden. Dass sich die Experten zunächst mit lange zurückliegenden Fällen befassen, hat auch einen ganz pragmatischen Grund: „Mögliche Zeitzeugen können aufgrund des fortgeschrittenen Lebensalters nur noch zeitnah zur Aufklärung beitragen“, so Niewisch-Lennartz.

 

Ein Großteil ihrer bisherigen Arbeit bestand aus Aktenstudium. Durch Bischof Wilmers Zusicherung jedweder Unterstützung hat das Team uneingeschränkten Zugang zu den kirchlichen Archiven, sowohl in Hildesheim als auch vor Ort in den Gemeinden. Es sei eine der beiden Bedingungen gewesen, die sie vor Übernahme der Aufgabe gestellt habe: Freier Zugang zu allen Informationen und das Recht, alle Ergebnisse unzensiert veröffentlichen zu können.

Finden, was in den Akten fehlt

Beides war auch Grundvoraussetzung für den zweiten Juristen im Team, den Leitenden Oberstaatsanwalt a.D. Kurt Schrimm. Niewisch-Lennartz attestiert dem Mann, der lange Jahre mit der Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen befasst war, „eine besondere Begabung, das zu finden, was in den Akten fehlt“. Als weiterer Partner mit im Boot ist das Institut für Praxisforschung und Projektberatung IPP, das 2017 die Studie zu den Missbrauchstaten durch den Pater Peter R. am Berliner Canisius-Kolleg vorgelegt hatte.

Besagter Priester ist auch der Grund, weshalb Niewisch-Lennartz nach den ersten beiden Gesprächsterminen in Hildesheim direkt nach Göttingen kam. Er war in den 1980-er Jahren als Jugendseelsorger in der hiesigen Jesuiten-Niederlassung sowie am Theodor-Heuss-Gymnasium tätig. Über den Fall R. schrieben die IPP-Forscher Peter Mosser und Gerhard Hackenschmied, es sei hier ein „Muster des Wegschauens“ zu erkennen gewesen.

Perspektive der Betroffenen

Und das soll es in Zukunft nicht mehr geben. Die Aufarbeitung der Fälle soll vergangenen Opfern Genugtuung verschaffen und künftige möglichst verhindern. Es sei daher auch Aufgabenstellung für die Expertengruppe, der Kirche Instrumente zu liefern, um solche Vorgänge in Zukunft unmöglich zu machen. „Es ist mir persönlich ein Anliegen, dass man das Thema aus der Perspektive der Betroffenen betrachtet“, sagt Niewisch-Lennartz.

Nicht überall stößt die Arbeit der Experten auf Zustimmung. Zwar seien sie bisher nicht in ihrer Arbeit behindert worden, aber sie habe durchaus kritische Zuschriften erhalten, sagt die Obfrau. Auch heute noch sehen einige gläubige Katholiken in der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nur den Versuch, dem Ansehen ihrer Kirche oder des immer noch hoch verehrten Bischofs Janssen zu schaden. Eine Einschätzung, die dessen Nachfolger Wilmer nicht teilt.

Erste Ergebnisse nach einem Jahr

Im Frühjahr 2020 will die unabhängige Expertengruppe einen Bericht über ihre Arbeit vorlegen. Schon jetzt ist klar, dass bis dahin nicht alle Antworten gefunden sein werden. Das Themengebiet ist zu umfangreich, um es in einem Jahr abschließen zu können. „Aber wir werden bis dahin zu verwertbaren Ergebnissen kommen, sagt Niewisch-Lennartz. „Wir machen den Anfang. Bis zum Frühjahr wollen wir Strukturen und Pfade aufzeigen, die weiter verfolgt werden können.“

Bis dahin liegt noch einiges an Recherche und Gesprächen vor ihr und dem Team. Dem Termin im Garten von St. Michael soll voraussichtlich noch ein weiterer in Göttingen folgen – dann aber in größerer Entfernung zur Kirche.

„Wissen teilen“

Die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt im Bistum Hildesheim wurde unter das Motto „Wissen teilen“ gestellt. Es steht für den Informationsfluss in beide Richtungen. Die unabhängige Expertengruppe ist einerseits Ansprechpartner, führt Gespräche mit Täter, Opfern und Zeugen. Gleichzeitig stellt sie ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Das nächste Gesprächsangebot mit der Obfrau Antje Niewisch-Lennartz ist am Mittwoch, 12. Juni im Ka:Punkt, Grupenstraße 8 in Hannover. Aber auch in Göttingen soll es weitere Termine geben. Wer sich außerhalb eines persönlichen Gesprächs an die Expertengruppe wenden will, kann den Kontakt per Mail an obfrau@wissenteilen-hildesheim.de aufnehmen. Die Adresse der eigens eingerichteten Internetseite lautet wissenteilen-hildesheim.de.

Von Markus Scharf

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