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Göttingen Mit Seesack gekommen und Heimat gefunden
Die Region Göttingen Mit Seesack gekommen und Heimat gefunden
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19:44 22.11.2011
Das Zuhause voll mit Indianerbildern: Peter Hofsäß kommt in seiner Wohnung nach 40 rastlosen Jahren zur Ruhe. Quelle: Vetter
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Indis Festung ist klein: zwei Zimmer, darin ein Bett, eine kleine Küche und wenig Mobiliar. Indi, so stellt sich der 68-jährige Peter Hofsäß vor, ist ein Weltenwanderer. Einer, der dem Abgrund oft nahe war und nach jahrelangem Leben ohne festen Wohnsitz endlich in Göttingen, seiner Zuflucht, zur Ruhe kommen will. Seit Ende der 1990er Jahre lebt Hofsäß in Göttingen. Davor war er fast 40 Jahre lang in der Welt unterwegs, reiste von Mexiko bis nach Nepal. „Ich wollte mir die Welt mit eigenen Augen angucken“, erinnert er sich.

Doch nicht nur die Neugier führte ihn fort. Zu Hause gab es damals nichts mehr, was ihn hielt. In Kriegsjahren in Leipzig geboren, wuchs Hofsäß in Hamburg mit seiner Mutter auf. Seinen Vater lernte er nie kennen. „Der hat sich aus dem Staub gemacht“, sagt Hofsäß. 19 Jahre war er alt, da verlor er auch seine Mutter – bei der großen Sturmflut 1962. „Ich war in der Werft, meine Mutter alleine zu Hause. Sie war seit dem Krieg gelähmt und konnte nicht aus der Parterre-Wohnung“, berichtet Hofsäß und schiebt einen Satz leise hinterher: „Wenn das Wasser kommt, dann kommt es.“

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Mit Gelegenheitsjobs hielt sich der gelernte Schiffsbauer auf seinen Reisen über Wasser. Erntehelfer, Tellerwäscher, Fischfänger, viel hat er ausprobiert. Probiert hat er damals auch die Drogen. „Ich habe früher viel genommen und getrunken“, sagt Hofsäß und nennt das einen Lernprozess. Heute lebe er drogenfrei, genehmige sich „nur ab und zu ein Bier“. Obwohl Indi die Freiheit liebt, ist er froh, endlich einen festen Wohnsitz gefunden zu haben. Nach Göttingen kam er per Zufall, mit nicht mehr als einem Seesack als Gepäck. „Ich habe es in Berlin nicht mehr ausgehalten und bin per Mitfahrzentrale in Göttingen gelandet.“ Dort kam er zwei Monate bei der Heilsarmee unter, tingelte dann von hier nach dort.

Wer heute Indis Zwei-Zimmer-Zuflucht in Geismar betritt, der erkennt sofort, woher sein Spitzname rührt. Über und über sind die Wände mit Bildern und Zeitungsausschnitten von Indianern behängt. Auf einem kleinen Regal stehen Holzfiguren von Stammesführern neben Adlerskulpturen und Vogelfedern („Das ist mein Altar“), an der Decke hängen Traumfänger. Die Faszination für Indianer entwickelte Hofsäß als kleiner Junge, und er hat sie sich über all die Jahre erhalten.

Geholfen, in Göttingen Fuß zu fassen und sich an das neue Leben mit festem Wohnsitz zu gewöhnen, hat ihm das Diakonische Werk. Mit seiner Betreuerin steht er in engem Kontakt, sie half ihm auch die kleine Wohnung zu finden. „Ich bin froh, dass ich sie habe, sie hält mich wach im Leben. Es muss irgendwas da sein, ein Wegweiser“, ist Hofsäß dankbar für seine Helferin im Hintergrund. Auch eine Waschmaschine konnte sich Hofsäß mit Hilfe des Diakonischen Werks anschaffen. Darüber sei er besonders froh, denn „Ordnung muss ja sein“.

Seit zehn Jahren hat Indi einen treuen Begleiter: Geronimo, ein Husky-Boxer-Neufundländer-Mischling. „Das ist mein Junge“, sagt er und streichelt dem großen, ruhigen Hund liebevoll über sein weißes, kurzes Fell. Dass er „seinen Jungen“ noch hat, verdankt er auch den Helfern vom Diakonischen Werk. „Geronimo hatte Hodenkrebs, musste operiert werden“, so Hofsäß. Das Geld für die lebenswichtige Operation kam über eine Spendenaktion zusammen.

Heute ist der kleine, freundliche Hofsäß glücklich, obwohl ihn vor einigen Jahren weitere Schicksalsschläge ereilten: zwei Schlaganfälle und die Diagnose Prostatakrebs. Die Krankheit macht ihm zu schaffen, doch Hofsäß kämpft und lässt sich nicht unterkriegen. Er achtet auf seinen Körper, auch das ist ein Grund, warum Drogen inzwischen tabu sind.

„Ich halte den Kopf oben. Das bin ich denen schuldig, die für mich da sind“, sagt er. Für die Zukunft wünscht der genügsame 69-Jährige sich, dass Geronimo und er noch lange zusammenbleiben können, für die Wohnung einen neuen Teppich im Flur und einen heilen Fußboden in der Küche – „und dass ich ein alter Amigo werde“.

Von Björn Dinges