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Göttingen Mit Spähtrupp gegen Sperrmüll-Nomaden
Die Region Göttingen Mit Spähtrupp gegen Sperrmüll-Nomaden
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20:37 18.06.2012
Von Ulrich Schubert
Ziel organisierter Banden: Sperrmüll an der Straße in Bremke – noch ordentlich abgestellt und weitgehend unbeschädigt.
Ziel organisierter Banden: Sperrmüll an der Straße in Bremke – noch ordentlich abgestellt und weitgehend unbeschädigt. Quelle: Pförtner
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Bremke

Akkuschrauber, Blechscheren, Zange, ein paar zerschlissene Handschuhe und eine Kühlbox mit Proviant: Die Ausrüstung auf dem Beifahrersitz lässt schon vieles ahnen. Das „filigrane Werkzeug liegt meistens auf der Ladefläche“, sagt Günther Helberg trocken. Der Sachgebietsleiter im Kreisumweltamt weiß, was die Fahrer suchen: Kupfer und andere Metalle. Damit verdienen sie viel Geld, bringen Anwohner auf die Palme, und sind den Kommunen ein Dorn im Auge: die organisierten Sperrmüll- und Schrottsammler.

Trümmerfelder

Wo sie mit ihren verbeulten Transportern halten, hinterlassen sie ein Trümmerfeld: Lampen ohne Kabel – mit der Zange schnell abgeschnitten; zertrümmerte Röhrenfernseher ohne Metallkern – mit dem Vorschlaghammer zerlegt; rundherum ausgeschüttete Kartons, umgeworfene Regale und ein kaum noch begehbarer Fußweg. „Das kann gefährlich werden und nervt viele“, sagt Axel Kerschnitzki, Sachgebietsleiter für Gefahrenabwehr und Umwelt bei der Polizei, zudem Initiator der Aktion. „Es ist verboten, schon das Bücken und Anheben von Sperrmüll.“ „Wir haben nichts gegen den Studenten, der ein Regal für seine Bude sucht“, ergänzt Helberg. Wenn aber organisiert und gewerblich Metallschrott gesammelt und verkauft wird, „ist es vorbei mit der Duldung“. Das gilt erst Recht an diesem Tag, am nächsten Morgen ist Sperrmüllabfuhr in Bremke.

Am Feuerwehrhaus haben sich Polizei, Zoll und die Experten aus den Kommunen versteckt. Sie wollen die Sammler nicht gleich verjagen. „Um langfristig etwas zu erreichen, brauchen wir Beweise“, sagt Kerschnitzki. Die soll als erstes der Spähtrupp liefern: zwei Polizisten in Zivil in einem alten Auto – getarnt mit litauischem Kennzeichen.

Es ist erst Mittag, aber überall steht schon Sperrmüll bereit. Und es dauert keine zehn Minuten, da entdecken die getarnten Polizisten den ersten Profisammler. Geübt sucht der Mann um die 55 einen Sperrmüllhaufen ab. Ein kräftiger Fußtritt, es klirrt – und nur das Metallgestell des alten Glastisches landet im Transporter. Tür zu, weiter zum nächsten Haufen.

Axt als Werkzeug

Der Spähtrupp hat genug gesehen. Per Funk ruft er die Kollegen in Uniform, kurz darauf steht der verdutzte Fahrer vor dem Feuerwehrhaus. Schon der erste Blick auf die Ladefläche seines Wagens spricht Bände: eine alte Elektroheizung, ein Staubsauger, diverse Lampen, ein Schreibtischstuhl – und etliche Kabelstücke. In der Tür steckt das „filigrane Werkzeug“: eine schwere Axt.

Dann beginnt eine penible Befragung. Erst der Abfallexperte vom Kreis: Was für Schrott liegt auf der Ladefläche? Ist er verwertbar, gefährlich oder als Elektrogerät besonders zu entsorgen? Dann der Mann vom Ordnungsamt: Wo hat der Sammler den Schrott her? Hat er einen gültigen Gewerbeschein und eine Sammlung angemeldet? Zwischendurch prüft die Polizei Papiere und Zulassung des Fahrzeuges. Irgendwann kommt auch der Zoll ins Spiel: Liegt neben der unerlaubten Sammlung vielleicht ein unerlaubtes Beschäftigungsverhältnis vor, oder gar Leistungsbetrug. Von den Antworten und Beweisen hängt es ab, ob dem Mann eine Ordnungswidrigkeit oder gar Anzeige droht.

Ordnungswidrigkeitsstrafe

Der aus der Türkei stammende Fahrer mit der Axt in der Tür verstrickt sich in Widersprüche. Den Schrott will er als gemeldeter Sammler von einem Kunden geholt haben – eine Adresse kann er nicht nennen. Sein Gewerbeschein ist auf seine Ex-Frau zugelassen. Er sei für 300 Euro im Monat bei ihr angestellt – Sozialleistungen aber bekomme er nicht. Am Ende der Kontrollen muss er eine Ordnungswidrigkeitsstrafe zahlen: zehn Euro. Hinzu kommt ein Platzverweis. Seinen Schrott muss er ausladen – der Haufen im Feuerwehrhaus wird immer größer.

Die Kontrolleure wissen, dass sie in Bremke nur „die ganz kleinen Fische am Ende der Kette“ erwischen. Männer, die für einen Hungerlohn im Sperrmüll wühlen und oft noch das Benzin selbst zahlen müssen. An diesem Tag aber haben sie mehr Glück: Außerhalb von Bremke entdecken sie einen Sammeltrupp mit vollem Transporter, zwei übervollen Anhängern und erstmals Beweise gegen eine gewerbsmäßig agierende Bande mit Standort in Kassel. Der Boss allerdings wohnt in Polen.

Nur für Eigenbedarf geduldet

Viele Studenten richten so ihre Bude ein. Und auch Freunde antiker Möbel wühlen gerne mal in einem Sperrmüllhaufen. Was nur wenige wissen: Es ist verboten. Es ist zwar kein Diebstahl, aber „wer bereitgestellten Sperrmüll durchsucht oder Teile davon nimmt, begeht eine Ordnungswidrigkeit“, erklärt Günther Helberg vom Kreisumweltamt. Das schreiben die meisten Deutschen Kommunen in ihrer Abfallwirtschaftssatzung fest. In der Satzung des Kreises regeln das die Paragrafen 24 und 27, wenn es um klassischen Sperrmüll geht. Strenger wird es nach den Paragrafen 9 und 23 bei Elektrogeräten. Der Landkreis „duldet es allerdings“, wenn jemand „einzelne Gegenstände zum Eigenbedarf“ nimmt, sagt Helberg. Die Göttinger Entsorgungsbetriebe hingegen sehen das „ungern“. Sie bieten brauchbaren Sperrmüll lieber selbst in ihrer Gebrauchtwarenbörse an, sagt ihr kaufmännischer Leiter Dirk Brandenburg.