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Göttingen Mobile Nahversorger sind in der Göttinger Region unterwegs
Die Region Göttingen Mobile Nahversorger sind in der Göttinger Region unterwegs
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18:16 18.08.2014
Von Katharina Klocke
Service: Helmut Heitmeyer stoppt den rollenden Supermarkt nicht nur dort, wo seine Kunden wohnen. Er trägt allzu schwere Körbe auch schon mal bis an die Haustür. Quelle: Hinzmann
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Holzerode / Spanbeck

„Es gibt keine Läden mehr – und auch keine Dörfer. Bei uns stehen mindestens zehn Häuser leer“,  klagt Elsbeth Nürnberger.  Auf Krücken gestützt, steht die 84-Jährige in der Zufahrt ihres  Grundstücks in Spanbeck am Fuß der Treppe von Lemkes rollendem Supermarkt. Helmut Heitmeyer, Fahrer und Verkäufer in einer Person, holt ihre Einkäufe aus den Regalfächern.

Die Fernsehzeitung und das „Lügenblättchen“, eine Illustrierte, hat er schon bereitgelegt – schließlich kennt er die Gewohnheiten seiner Kundschaft. „Mein Beruf macht mir Spaß, vor allem die Gespräche.“

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Deshalb, sagt der studierte Geograph und begeisterte Musiker, sei er auch nach einem zur Überbrückung geplanten Arbeitseinsatz im Unternehmen Lemke „hängengeblieben“.

Jetzt packt der 60-Jährige morgens Obst, Gemüse und Frischwaren in den am Abend zuvor von Kollegen mit Standardprodukten aufgefüllten Bus und steuert, in Südniedersachsen unterstützt von Kollegen in sieben weiteren Lemke-Fahrzeugen, Dörfer in den Landkreisen Göttingen und Northeim an.

„In Spanbeck waren früher fast alle Selbstversorger“, erzählt Nürnberger dem Händler. Den eigenen Gemüsegarten musste die Seniorin längst aufgeben. Jetzt kauft sie vieles im rollenden Supermarkt. Die übrigen alltäglichen Dienstleistungen zu organisieren, erfordert logistisches Geschick: Was es bei Heitmeyer nicht gibt – frische Schlachtwaren etwa – bringt der Sohn mit. Pflegedienst, Friseur und bei großer Not auch der Hausarzt kommen ins Haus.

„Wichtige Versorgungsfunktionen übernommen“

Marie-Luise Henke kauft ebenfalls bei Heitmeyer ein. Großeinkäufe und Bankgeschäfte erledigen ihre Kinder. Getränke werden beim Getränkehändler in Reyershausen bestellt. Lebensmittel aber sucht die Spanbeckerin am liebsten selbst aus, „weil sonst immer zu große Mengen eingekauft werden, das wird mir nur schlecht.“ In ihren Korb wandern heute Obst, Eier, Margarine und anderes.

„Hier ist zwar alles ein wenig teurer, aber ich behalte gern den Überblick“, sagt die 89-Jährige. Heitmeyer reicht ihr Waschmittel und Brot, bespricht mit Kundin Ursel Krause ein medizinisches Thema, notiert Renate Schmidts Wunsch nach speziellen Lakritzbonbons, die er beim nächsten Mal mitbringen will und trägt schließlich noch Henke den schweren Korb bis zur Haustür.

„Die mobilen Händler haben wichtige Versorgungsfunktionen übernommen“, heißt es in einer drei Jahre alten Befragung von Ortsbürgermeistern durch den Regionalverband Südniedersachsen. 63 von 110 der Befragten sahen trotz dieser Aktivitäten Handlungsbedarf. Denn nicht jede Ortschaft werde in gleicher Weise versorgt. So gebe es einige Dörfer, die überhaupt nicht angefahren würden. Andere lägen mehrmals auf den Fahrtrouten unterschiedlicher Versorger.

Direkt vor Ort oder in der Nachbarschaft vieler Dörfer im Kreis Göttingen gibt es viele regionale Getränkehändler, die ausliefern. Mehrere Fleischereien sind unterwegs. Wie die Landschlachterei Osterhus aus Barterode, die seit 15 Jahren mit drei Fahrzeugen „nur kleine Dörfer anfährt, wo sonst nichts ist“, betont Jörg Osterhus, einer der Inhaber des Familienunternehmens.

„Fast ein persönliches Verhältnis“

Die Kundschaft bestehe vor allem aus älteren Stammkunden, zu denen die Fahrer und Fahrerinnen „fast ein persönliches Verhältnis“ aufgebaut hätten.

Einer von mehreren Mitbewerbern ist auch Bäckermeister Heiko Rees vom Backstübl in Ebergötzen, der Bäckerei auf dem Gelände des Europäischen Brotmuseums. Zwei seiner Fahrzeuge touren rund um Radolfshausen, Bovenden und Nörten Hardenberg bis in Göttinger Ortsteile. Der Bedarf ist offenbar groß, denn, so Rees, der Einsatz der Verkaufswagen rechne sich, „das ist nicht nur ein Hobby“.

Fast konkurrenzlos schickt hingegen Fischfeinkost-Händler Kevin Langhammer sein Fahrzeug mit „Frischfisch aus Bremerhaven“ im Göttinger Raum auf Tour. Allerdings fährt er neben festen Stationen auf Wochenmärkten, etwa in Bovenden, 14-tägig „nur bestimmte Orte mit viel Stammkundschaft an“. Langhammers Tipp für potentielle Neukunden:  „Einfach den Nachbarn fragen, wann wir kommen.“

„Hier gibt es nichts mehr“

Ohne Konkurrenz bietet auch Birgitt Rohmann für die Volksbank Göttingen, Hauptgeschäftsstelle Nörten Hardenberg, einen mobilen Service an. Zu festen Terminen fährt sie mit dem Bankbus elf Dörfer in der Region Göttingen an. „Die meisten Kunden heben Geld ab und nehmen ihre Kontoauszüge mit“, erklärt Volksbanksprecher Peter Mühlhaus.  Besonders groß sei der Andrang an dem kleinen Bankschalter zum Monatsende, „wenn die Rente kommt“, sagt Rohmann.

Auch Irmtraud Heise in Holzerode sitzt ihr oft gegenüber. Die 79-Jährige ist auf den Rollator angewiesen, „zum Bankbus komme ich gerade noch“, sagt die Seniorin. Sonstige Besorgungen erledigten „die Kinder“, Getränke liefere der örtliche Gastwirt. Heise blickt auf die Vergangenheit zurück: „Hier gibt es nichts mehr, dabei hatten wir früher viele Läden“, sagt die Seniorin bedauernd.

Dass es irgendwann einmal besser wird, ist nicht abzusehen. Die mobilen Händler werden weiter durch die Orte rollen. Und Rohmanns Wirkungskreis wird noch größer: Unter anderem wegen „eines 50-prozentigen Rückgangs der Beratungsgespräche“, sagt Mühlhaus, schließe die Volksbank die halbtags besetzten Geschäftsstellen in Billingshausen, Sudershausen und Reyershausen – drei Dörfer mehr, die der Bankbus künftig anfahren muss.

Wer hält wo an welchem Tag?

Welcher Nahversorger hält in welchem Dorf? Mehrere Anbieter wie die Volksbank Göttingen oder der Fleischer Osterhus informieren auf ihren Internetseiten über Haltepläne.

Einige Dörfer wie Spanbeck und Eddigehausen (beide im Flecken Bovenden) veröffentlichen die Termine auf der Homepage ihrer Gemeinde. Kennen Sie weitere Anbieter, die regelmäßig Orte in der Region ansteuern oder dorthin ausliefern?

Schreiben Sie uns: mit Angabe des Dorfes, des Unternehmens, Wochentag, Uhrzeit, Straße und Hausnummer per E-Mail an online@goettinger-tageblatt.de.

Rollender Supermarkt, fahrende Händler und Volksbank-Bus: Mobile Nahversorger sind in der Region unterwegs.
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