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Göttingen Modellversuch in Göttingen: Tempo 30 auf der Königsallee
Die Region Göttingen Modellversuch in Göttingen: Tempo 30 auf der Königsallee
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20:32 30.11.2019
Die Königsallee unterteilt sich in mehrere Streckenabschnitte, jeweils unterbrochen durch Kreisverkehre. Hier soll demnächst Tempo 30 gelten. Quelle: Meinhard
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Göttingen

Auf der Königsallee wird demnächst Tempo 30 gelten. Wann genau die Begrenzung umgesetzt wird, steht noch nicht fest. Fest steht einstweilen, dass Göttingen auserwählt worden ist für ein Modellprojekt. In Niedersachsen soll in den nächsten Jahren auf sechs Streckenabschnitten in sechs Orten die Auswirkung von Tempo 30 auf Luftqualität, Lärmbelastung und Verkehrsablauf auf Hauptverkehrsstraßen untersucht werden.

Im Vorfeld konnten sich alle niedersächsischen Kommunen bis Ende Januar 2018 für das Modellprojekt bewerben. Insgesamt 42 Kommunen haben sich gemeldet, 18 Kommunen wurden zum weiteren Verfahren zugelassen, heißt es in einer Mitteilung des Landesverkehrsministeriums, das die Finanzierung des Projektes sichert. Anhand der vorliegenden Unterlagen hat ein unabhängiges Gutachterkonsortium, die IVU Umwelt GmbH mit Partnern, die vorgeschlagenen Streckenabschnitte mit Blick auf den zu erwartenden Ergebnisgewinn und die Repräsentativität untersucht und bewertet. Dies war Diskussionsgrundlage der Sitzung eines landesweiten Runden Tisches, besetzt mit Verkehrsexperten aus Politik und Verbänden.

Messungen sollen im Frühjahr beginnen

Landesverkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) erläutert: „Wir wollen auch untersuchen, wie die Geschwindigkeitsreduzierung in der Bevölkerung angenommen wird, wie die Auswirkungen auf den Fuß- und Radverkehr und auf den öffentlichen Personennahverkehr sind.“ Ein Gutachter soll nun die ihm vorliegenden Unterlagen der Streckenabschnitte nochmals im Detail sichten und ein streckenbezogenes Konzept zur Durchführung des Projektes erarbeiten, heißt es. Das Projekt sei angelegt als eine Vorher-Nachher-Untersuchung. Mit den Messungen und Berechnungen der für ein Jahr angelegten Vorher-Untersuchung wird im Frühjahr 2020 begonnen. Im Anschluss starte dann die tatsächliche Erprobungsphase. Ausgewählt wurden auch Streckenabschnitte in Friedland (Landstraße), Osnabrück, Garbsen, Seevetal und Edewecht.

„Was lange währt, wird endlich gut“

„Was lange währt, wird endlich gut. Denn die jetzt ausgewählten Modellstrecken gehen auf den rot-grünen Antrag ‚CO2-Reduktion, weniger Lärm und Vision Zero mit Tempo 30 – Modellversuche ermöglichen‘ aus 2016 – also der letzten Legislaturperiode - zurück“, freut sich die Göttinger SPD-Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta.

Beworben hatte sich die Stadt Göttingen für das Modellprojekt Anfang 2018 mit der rot-grünen Ratsmehrheit für drei Strecken: der Reinhäuser Landstraße (vom Geismar Tor bis zur Kiesseestraße), der Königsallee (von der Groner Landstraße bis zur Godehardstraße) und dem Düstere-Eichen-Weg (von der Herzberger Landstraße bis zum Nikolausberger Weg). Hintergrund ist die Verpflichtung zur Einhaltung der im Göttinger Klimaschutzkonzept festgehaltenen Kohlendioxid-Einsparungen. Andretta weist darauf hin, dass CDU und FDP damals eine Teilnahme am Modellversuch abgelehnt hatten. „Wir brauchen eine Grüne Welle und keine Temporeduzierung auf 30“, sei seinerzeit die Ablehnung begründet worden.

CDU hat Scheuklappen abgelegt“

„Dass nun auch auf Hauptverkehrsstraßen die Wirkung von Tempo 30 untersucht wird, zeigt, dass auch die CDU in Person ihres niedersächsischen Verkehrsministers Althusmann die ideologischen Scheuklappen in Bezug auf Tempo 30 endlich abgelegt hat“, so die Sozialdemokratin.

„Es freut mich sehr, dass mit der Auswahl der Königsallee die Stadt Göttingen in ihren Klimaschutz-Bestrebungen durch das Verkehrsministerium unterstützt wird. Denn während in Wohngebieten Tempo 30 mittlerweile von einem Großteil der Menschen geschätzt wird, ist hier für Hauptverkehrsstraßen sicherlich noch viel Überzeugung nötig. Die schafft man am besten mit positiven eigenen Erfahrungen und objektiven Untersuchungen“, ist die Sozialdemokratin überzeugt.

„Erstmal testen, erstmal ausloten“

Auch der hiesige CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Ehbrecht begrüßt das Modellprojekt. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, nennt er sein Credo. Prinzipiell geht der Christdemokrat abwartend an den Versuch heran: „Erstmal testen, erstmal ausloten“, sagt er.

„Tempo 30 für die gesamte Stadt“

Deutlich forscher argumentiert in diesem Fall sein grüner Landtagskollege Stefan Wenzel. Er spricht von einem „ersten Schritt“. Die Ergebnisse würden aber auf die Gesamtstadt nicht übertragbar sein. „Deshalb hat der Rat der Stadt Göttingen beschlossen, einen großen flächendeckenden Versuch zu machen und die bewährten Tempo 30 Zonen der Stadt auf die gesamte Stadt zu übertragen“, macht Wenzel darauf aufmerksam, dass nach Beschluss des Rates auf allen Straßen nicht schneller gefahren werden soll als 30 Kilometer in der Stunde, um Lärm, Abgase und Unfälle zu mindern. Dieser Vorstoß sei aber am Veto der „obersten Verkehrsbehörde“ bislang gescheitert.

Laut Göttingens Bürgermeister Ulrich Holefleisch (Grüne) habe es bereits 1991, 2005 und zuletzt 2015 jeweils Ratsbeschlüsse mit dem Ziel gegeben, versuchsweise eine große T30-Zone für die ganze Stadt einzuführen.

Reichlich besetzter Runder Tisch

Der Runde Tisch besteht aus Vertretern der fünf Landtagsfraktionen, des Verkehrs-, Umwelt- und Innenministeriums, der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, des Niedersächsischen Städtetages, des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, der Landesverkehrswacht Niedersachsen, des ADAC Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, des Automobilclubs von Deutschland, des Auto Clubs Europa Region Nord, des Verkehrsclubs Deutschland, des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen, der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen, des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen und des ADFC Niedersachsen. Grundlage für die Arbeit des Runden Tisches ist die Landtagsentschließung vom 18. August 2016 auf der Grundlage eines Antrags der Regierungsfraktionen, CO2-Reduktion, weniger Lärm und Vision Zero mit Tempo 30 Modellversuchen zu ermöglichen. Darin wird die Landesregierung gebeten, einen Tempo-30-Modellversuch zu initiieren.

Von Ulrich Meinhard