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Göttingen Mord oder „schrecklicher Unfall“
Die Region Göttingen Mord oder „schrecklicher Unfall“
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19:12 08.08.2011
Von Jürgen Gückel
Tatort Europa-Allee: Mord im siebenten Stock dieses Hauses.
Tatort Europa-Allee: Mord im siebenten Stock dieses Hauses. Quelle: CH
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Göttingen

Doch die Darstellung des Angeklagten passt so gar nicht zu dem, was das zweite Opfer des Überfalls im siebten Stock eines Hauses am Holtenser Berg berichtete. Der neue Freund der Frau, der an jenem Abend mit ihr den Fahrstuhl ins siebte Obergeschoss nutzte, sagte dies: Er habe die Fahrstuhltür aufgehalten, sie sei in den dunklen Flur getreten, sei erschrocken, habe den Nachnamen ihres Mannes ausgesprochen, gesagt „bitte bleib ruhig“, und dann habe schon der Schuss gekracht und die Frau sei umgefallen. Es sei dann ein Kampf auf Leben und Tod entbrannt, in dem er dem Schützen beide Arme festgehalten habe, als dieser nun auf seinen Kopf zielte. Noch zweimal, so der 49-jährige Zeuge, habe der Schütze abgedrückt. Dabei habe ihn eine Kugel am Kopf gestreift und einmal ein Schlag in den Rücken getroffen – ob vom Begleiter des Schützen, könne er nicht sagen. Schließlich habe er fliehen können.

Der Begleiter, wie alle anderen Russlanddeutscher, gegen den die Ermittlungen wegen Mittäterschaft zunächst eingestellt wurden, will so gut wie gar nichts mitbekommen haben. In großen Mengen habe man den ganzen Tag Wodka und Bier getrunken. Er habe den Angeklagten begleitet, als der seine Frau habe zur Rede stellen wollen. Was oben im dunklen Flur geschah, habe er nicht mitbekommen. Einen Schuss will er gar nicht, nur einen Knall oder Schlag gehört haben. Immerhin bestätigt er eine „Rangelei“ zwischen Angeklagtem und Freund der Frau. Unklar, ob vor oder nach dem Schuss. Er will nicht einmal bemerkt haben, dass die Frau getroffen wurde. Dass sie hingefallen sei, habe er sich damit erklärt, dass der Freund sie wohl geschlagen habe. Selbst auf dem Heimweg habe man sich darüber nicht unterhalten.

Dabei will der Angeklagte die Tatwaffe, einen Revolver, während dieses Heimweges weggeworfen haben. Die Waffe samt Munition will er Wochen vorher seiner Frau weggenommen haben. Diese habe sie bei einer Haushaltsauflösung gefunden. Er habe sie in die Tasche einer selten getragenen Jacke gesteckt, die er zufällig am Tattag an hatte. Als er angegriffen wurde, so seine Einlassung, sei sie ihm in die Finger gekommen. Er habe aber immer geglaubt, es habe sich nur um eine Schreckschusspistole mit Platzpatronen gehandelt.

Um Platzpatronen müsste es sich auch bei zwei der drei Schüsse gehandelt haben, von denen der Freund des Opfers spricht. Er beharrt darauf, dass dreimal geschossen wurde. Die Spurensicherung fand nur einen einzigen Einschuss – den im Kopf des Opfers.