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Göttingen NPD lächerlich machen, statt sie zu verbieten
Die Region Göttingen NPD lächerlich machen, statt sie zu verbieten
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19:50 14.03.2012
Von Jürgen Gückel
Erfolgreichster Sozialdemokrat auf Facebook: Storch Heinar als Antwort auf NPD.
Erfolgreichster Sozialdemokrat auf Facebook: Storch Heinar als Antwort auf NPD. Quelle: dpa
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Göttingen

Da lamentiert eine hagere Vogelfigur mit Hitlerbärtchen im Kommandoton über den Zustand der Republik, schart 40 000 Freunde auf Facebook – er nennt sie „Storchenstaffel“ – um sich und gebärdet sich, als sei er der Führer von Mecklenburg-Vorpommern. Nebenbei nimmt er die Lieblings-Kleider Rechtsradikaler auf die Schippe: Storch Heinar statt Thor Steinar. Er entlarvt damit die menschenverachtende Ideologie rechtsradikaler Vögel durch eigenes dümmliches Vorbild. Der Storch mit Bärtchen ist im Nordosten zum Symbolvogel des kreativen Widerstands gegen den Einzug der NPD in den Landtag und alle Aktivitäten Rechtsradikaler geworden. Wie es dazu kam, erzählte der Schweriner SPD-Abgeordnete Julian Barlen. Eloquent stellte er die besonders bei jungen Leuten gut angekommene Aktion „Endstation Rechts“ vor.

Deren Storch ziele darauf ab, die NPD so lächerlich zu machen, wie sie eben sei. Denn die fünf Abgeordneten der Rechtsradikalen glänzten im Landtag einzig damit, zu provozieren und sich Rügen oder Rauswürfe einzufangen. Dafür musste der Steuerzahler in der vergangenen Legislaturperiode 6,9 Millionen Euro für Abgeordnete und Büros zahlen. Ohnehin, so ergänzte Thomas Oppermann, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, der die Diskussion leitete, finanziere sich die NPD zu 60 Prozent aus dem, was ihr für den Wahlkampf zustehen. Das müsse sich ändern, plädierte Oppermann für ein Parteiverbot.

Gefahr nicht wahrgenommen

Verbote oder lächerlich machen? Pastor Klaus Burckhardt, Beauftragter für Friedensarbeit bei der Landeskirche Hannover, betonte zwar, dass „politischer Witz eine große Waffe“ sei, und der Göttinger Sozialwissenschaftler Thomas Hoffmann findet auch, dass selbst er von populären Texten wie etwa Berichten des Günter Wallraff „mehr hat, als von solchen meines Fachs“, doch ist für Oppermann die Gefahr von Rechts viel dramatischer, als dass man ihr nur populär begegnen könne. „Ich war in meinem Leben noch nie so entsetzt, dass das in unserer Gesellschaft mit rassistischem Vernichtungswillen durchgesetzt wird“, kommentierte Oppermann die ihm bekannt gewordenen Details der Morde durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Dass diese Gefahr nicht vorher wahrgenommen wurde, sahen viele der Zuhörer als Indiz dafür, dass in den „Apparaten rechtsextreme Strukturen“ herrschen. So weit wollte Oppermann nicht gehen, gleichwohl müsse eine Strategie in der Mitte der Gesellschaft ansetzen, wo Rassismus unbedacht geäußert wird.

Genau das machte die Göttinger Professorin für Demokratieforschung, Ursula Birsl, in ihrem Beitrag deutlich: Die NSU sei ja keine Überraschung, rechten Terrorismus gebe es seit der Wehrsportgruppe Hoffmann in den 60ern. Doch, so Birsl mit Adorno, sei das „Nachleben der Nazizeit in der Mitte“ gefährlicher als Extremisten, weil rassistische Anschauungen die Demokratie aus der Mitte heraus aushöhlten. Und in Zeiten der Angst vor eigenem Abstieg wachsen laut Birsl dort die Sozialressentiments gegenüber Ausländern wie Unterschicht.