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Göttingen Im Kanu auf dem Leinekanal durch Göttingen
Die Region Göttingen Im Kanu auf dem Leinekanal durch Göttingen
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00:18 01.08.2013
Von Ulrich Schubert
Rasante Abfahrt in gebückter Haltung: Der Durchlass an der renovierten Walkemühle am Badeparadies.
Rasante Abfahrt in gebückter Haltung: Der Durchlass an der renovierten Walkemühle am Badeparadies. Quelle: dpa
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Göttingen

Stadtsportbund, der Paddler-Club, Waspo 08 und die Faltbootfahrer aus Göttingen haben die Touren mit ihren Booten organisiert. Damit genügend Wasser floss, war das Wehr am Freibad am Brauweg vorübergehend geschlossen.

Der Organisator hatte uns ein wenig vorgewarnt. Trotzdem lässt die „Kammer des Schreckens“ auch in mir für einen Moment ein mulmiges Gefühl aufkommen: totale Finsternis, die kleine Taschenlampe ist zu schwach. Irgendwo hinter mir krachen immer wieder Paddel und Boote laut an die Betonwänden.

Es sind die anderen, die sich ebenso orientierungslos vom Strom treiben lassen. 300 Meter Tunnel, den Jahrhunderte alte Stadtwall, die breite Berliner Straße, das Amtsgericht und die große Eisenbahnbrücke an der Godehardstraße über uns können wir nur erahnen. Und dann ruft eine junge Frau mitten in die Finsternis hinein begeistert: „Oh, ist das irre!“

111 Göttinger haben am Sonntag ihre Stadt aus einer ungewohnten Perspektive erkundet: als Paddler auf dem Leinekanal. Fünf Kilometer mit dem Kanu durch die Wasserader der Stadt, mit spannenden Ausblicken auf Mühlen, Kirchtürme und in versteckte Gärten. Erstmals seit etwa 15 Jahren war der Kanal vom Wehr am Sandweg bis zur Leine durchgehend befahrbar – durch Mühlentore und einen 300 Meter langen Tunnel. Stadtsportbund, der Paddel-Club, Waspo 08 und die Faltbootfahrer aus Göttingen haben die Touren mit ihren Booten organisiert. Damit genügend Wasser floss, war das Wehr am Sandweg vorübergehend geschlossen.

Irre, faszinierend, spannend, voller Überraschungen und einfach schön. In wenigen Worten lässt sich die Kanu-Fahrt auf dem Göttinger Mühlengraben, den alle nur Leinekanal nennen, kaum beschreiben. Ich lebe seit 30 Jahren in dieser Stadt, von dieser Seite habe ich sie noch nie gesehen: Viel mächtiger wirken das Wasserrad der Odilienmühle und ihre hölzernen Schotten, durch die sich unser Boot plötzlich sehr rasant eine Stromschnelle hinab zwängt.

Fremde Perspektive

Wir bleiben trocken, Helfer der Organisatoren leiten uns sicher auch durch dieses Nadelöhr. Ganz fremd kommen mir aus dieser Kanal-Perspektive die Marienkirche am Groner Tor und die beiden Türme der Johanniskirche vor. Und ich bin überrascht, dass es mitten in der Altstadt hinter den geschlossenen Häuserfronten idyllische Gärten gibt – direkt am Wasser.

Es erinnert mich ein wenig an Venedig, wenn in der südlichen Altstadt Göttinger Häuser mit ihren hoch ragenden Rückseiten den Mühlengraben einzwängen wie die Felswände einer Schlucht. Unterbrochen wird ihr tristes Bild hier nur gelegentlich von kleinen steinernen Treppen in den Kanal, liebevoll gehegten Blumenkästen oder verspielten Accessoires ihrer Bewohnern – so wie das lustige, selbstgebastelte Windspiel aus Dosen vor einem großen Fenster.

Warum irgendwo unter einer Brücke ein Affe aus Stoff baumelt, ist mit rätselhaft. Und es gibt noch viele andere sonst verborgenen Dinge, die diese Kanufahrt offenbart. Erst vom Wasser aus wird mir klar, dass ein langer Abschnitt des Leinekanals gleich hinter Café Hemer durch das DLR-Gelände führt – vorbei an den Hallen der Luftfahrt-Forscher.

30 Brücken in der Stadt

Und erst wenn man sich im Kanu immer wieder tief ducken muss, um den Kopf vor Beulen zu schützen, zählt man sie nach und staunt: etwa 30 Brücken und Stege führen in der Stadt über den Leinekanal und ein Stück Leine vor seinem Zulauf.

Fünf Kilometer lang ist die Kanu-Fahrt vom Bootshaus der Faltbootfahrer an der Kiesseestraße bis zur Kanal-Mündung am Schützenplatz. Bis zum Wehr hinterm Sandweg geht es dabei zunächst noch auf der Leine vorbei an Schrebergärten und am Jahnstadion. Eine gemütliche Ausfahrt mit Spreewald-Feeling.

Am Wehr am Freibad zweigt sie ab und führt westlich um die Altstadt herum. Hier haben die Betreiber eines Wasserkraftwerkes ihre Turbinen gedrosselt, die Schotten gesenkt und lassenen für die Kanuten mehr Wasser als sonst in den Kanal. Nur so ist es durchgängig tief genug für die Boote.

Die Organisatoren haben schon vorher tief hängene Äste und Barrieren beseitigt. Jetzt sorgen rund 40 Helfer mit der DLRG dafür, dass unerfahrene Paddler sicher an engen Stellen und Stromschnellen vorbei und die Booten nach den etwa 45-minütigen Touren zurück zum Startpunkt kommen.

Ausgebucht

„Das war wahnsinnig gut“, schwärmt am Ende Dirk Albrecht, einer der rund 111 Teilnehmer der ersten Göttinger Kanal-Fahrt nach 15 Jahren. „Einfach nur sehr, sehr schön“, sagt Sine Neinig, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hat und gar nicht weiß, ob sie die ungewöhnlichen Perspektiven auf die Altstadt, die Strudel oder spannenden Unterführungen dabei zuerst nennen soll.

Mir geht es ähnlich. Aber leider sind weitere geplante Kanalfahrten am Sonntag, 1. September, laut Stadtsportbund schon ausgebucht.

Mit der Helm-Kamera auf Kanal-Fahrt

Ulrich Schubert

Sie ist ungewöhnlich klein, macht überraschend scharfe Bilder und ermöglicht Videoaufnahmen aus einer ganz ungewohnten Perspektive:

Ulrich Schubert hat seine Fahrt durch den Göttinger Leinekanal mit einer Mini-Kamera HERO-3 von GoPro aufgezeichnet.

Montiert auf einem Fahrradhelm liefert sie mit ihrem Superweitwinkel Ansichte aus der Augenperspektive – das Schaukeln des Bootes und hektische Duck-Bewegungen vor tief hängenden Ästen inklusive.

Entstanden sind so Aufnahmen, die die idyllische und sonst verborgene Rückseite mancher Innenstadthäuser, Werksgelände und Mühlen zeigen, aber auch schwindelerregende Fahrten unter niedrige Brücken hindurch.

Das Tageblatt setzt die neue Kamera auch für Videofilme zur neuen Fahrrad-Tour-Serie ein.