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Göttingen Nach Bluttat in Grone: Göttinger Zivilcouragepreis abgesagt
Die Region Göttingen Nach Bluttat in Grone: Göttinger Zivilcouragepreis abgesagt
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17:56 31.10.2019
Die Trauer um die Opfer des Gewaltverbrechens in Grone ist tief und nachhaltig. Ihr soll Zeit gegeben werden – darum ist der Zivilcouragepreis 2019 abgesagt. Quelle: Peter Heller
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Göttingen/Grone

Die Verleihung des Göttinger Zivilcouragepreises fällt 2019 aus. Mit Rücksicht auf die „zeitliche und emotionale Nähe“ zu den Tötungsdelikten Ende September im Göttinger Ortsteil Grone wurde der geplante Festakt abgesagt. Das teilte die Bürgerstiftung Göttingen als einer der Initiatoren des Preises jetzt mit.

Die Tat, bei der zwei Menschen auf offener Straße starben, bewege nach wie vor viele Menschen in Stadt und Landkreis Göttingen, heißt es in der Erklärung der Bürgerstiftung. „Eine Veranstaltungsform, wie wir sie bislang hatten, ist nicht geeignet, die Sprachlosigkeit in der Stadt aufzulösen“, ergänzte Christian Hölscher vom Göttinger Präventionsverein „komm.pakt“ als Jury-Mitglied.

Auch eine Helferin getötet

Bei dem Gewaltverbrechen am 26. September waren eine 44-jährige und eine 57-jährige Frau im Altdorf Grone getötet worden. Tatverdächtig ist der 52-jährige Frank N. Es soll zunächst die 44-Jährige gegen Mittag auf der Straße angegriffen und brutal getötet haben. Bei dem Versuch, der Frau zu helfen, wurde auch die 57-Jährige lebensgefährlich verletzt. Sie starb am Tag darauf. Weitere Helfer wurden verletzt und/oder durch die außergewöhnliche Gewalttat traumatisiert. Der Täter konnte zunächst fliehen. 34 Stunden später wurde er gefasst und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Der Präventionsrat für die Stadt und die Bürgerstiftung Göttingen vergeben seit 2013 jährlich den Göttinger Zivilcouragepreis. In den zurückliegenden sechs Jahren wurden nach ihren Angaben mehr als 150 „Beispiele mutigen und besonnenen Handels vorgestellt, Preisträger geehrt und die Öffentlichkeit über vielfältige Aspekte des Themas Zivilcourage informiert“. Vor dem Hintergrund der Groner Tat habe die Jury jetzt einstimmig beschlossen, in diesem Jahr keine Preisverleihung vorzunehmen.

Zum einen sei der „Gesamtkomplex längst nicht ausermittelt“, erläuterte Hölscher. Zum anderen sei der Einsatz der Helfer „so entschieden und mutig, dass eine Ehrung anderer Fälle zivilcouragierten Handelns aus den vergangenen Monaten für die Jury nicht infrage kam“. Einige der Göttingerinnen und Göttinger, die das Groner Verbrechen verhindern wollten, seien nach vorliegenden Kenntnissen so traumatisiert, dass es ihnen nicht zuzumuten sei, in öffentlicher Feierstunde auf einer Bühne im Alten Rathaus Einzelheiten zu erläutern und geehrt zu werden. Es bestehe zudem die Gefahr, dass Tatzeugen während einer solchen Veranstaltung Wissen weitergeben könnten, das für das Gerichtsverfahren bedeutsam sein könnte. Insbesondere gilt es nach Auffassung der Jury aber, auf die Angehörigen und Freunde der beiden Opfer Rücksicht zu nehmen. Das schließe eine feierliche Preisverleihung aus.

Blumen und Kerzen am Tatort in Grone. Quelle: Peter Heller

Ob die Preisverleihung im nächsten Jahr nachgeholt werden soll, lässt die Jury unter Leitung des Geschäftsführers der Bürgerstiftung, Andreas Schreck, „bewusst“ offen. Sie hat nach eigenen Angaben aber den Psychologen der Polizei Göttingen gebeten, im nächsten Jahr „behutsam“ mit Zeugen Kontakt aufzunehmen, die versucht hatten, das Verbrechen zu verhindern. Dann werde die Jury erneut zusammenkommen, so der Vorsitzende der Bürgerstiftung, Rüdiger Reyhn.

Stellungnahmen zur Absage der Preisverleihung

Es ist sicher richtig und wichtig, die kollektive Courage vieler Helfer an dem schrecklichen Tag zu würdigen“, sagte Grones Ortsbürgermeisterin Birgit Sterr (SPD). Aber ganz sicher „ist die Tat zeitlich zu nahe und die Betroffenheit sowie das Trauma noch zu groß, um so etwas jetzt vorzunehmen“, kommentierte sie die Absage der Preisverleihung.

Ganz ähnlich sieht es Göttingens Personal-, Schul- und Jugenddezernentin Maria Schmidt, die zugleich Vorsitzende des Präventionsrates und Mitglied der Jury ist: „Dies war und ist ein ganz besonderer Fall von Courage, den man nicht außer Acht lassen kann und würdigen muss – wie auch immer. Jetzt ist dafür aber nicht der richtige Zeitpunkt.“

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD). Quelle: Peter Heller

„Respekt vor der Entscheidung“, kommentierte Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) die Absage. Sie zeuge von einem hohen Maß an Sensibilität bei den Juroren.

Lesen Sie auch:

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Mehr zum Preis und zur Jury:

Der Zivilcouragepreis und die Jury

Der Präventionsrat für die Stadt Göttingen und die Bürgerstiftung Göttingen verleihen seit 2013 den Göttinger Zivilcouragepreis. „Es gibt in der Stadt Göttingen viele Beispiele vorbildlichen Verhaltens in Verantwortung für Mitmenschen sowie demokratische Werte und Umgangsweisen“, heißt es in vorgeschalteten Aufrufen. Gesucht und gewürdigt werden mit dem Preis Bürger, die Menschen in Gefahr geholfen und gegen körperliche wie verbale Angriffe in Schutz genommen haben. Couragiertes Handeln könne aber ebenso bedeuten, sich zunächst in Sicherheit zu bringen und Hilfe zu organisieren.

Organisiert wird die Preisverleihung vom Präventionsrat für die Stadt und der Göttinger Bürgerstiftung. Die Auswahl der Preisträger trifft eine Jury. Sie hat auch entschieden, den Preis in diesem Jahr vorerst auszusetzen. Ihr gehören in diesem Jahr folgende Mitglieder an: Andrea Kobold und die Jugenddezernentin Maria Schmidt (beide Stadt Göttingen und Präventionsrat), Michaela Bibrach-Brandis (Lions Club Bettina von Arnim), Susanne Authenrieth-Hüppe (Weisser Ring), Christian Hölscher (Präventionsverein komm.pakt), Jörg Arnecke (Polizeidirektion Göttingen), Rüdiger Reyhn (Vorsitzender Bürgerstiftung Göttingen), Andreas Schreck (Geschäftsführer Bürgerstiftung Göttingen), Gerd Rappenecker (Stadtwerke Göttingen), Michael Neugebauer (Göttinger Verkehrsbetriebe), Siegfried Lieske (beratend). (us)

Von Ulrich Schubert

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