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Göttingen Schüsse in Polizeiwache Göttingen: Angeklagter unter Drogeneinfluss
Die Region Göttingen Schüsse in Polizeiwache Göttingen: Angeklagter unter Drogeneinfluss
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21:39 22.08.2013
Von Jürgen Gückel
Methylendioxypyrovaleron (MDPV), auch Cloud Nine genannt: Die Droge soll auch beim Angeklagten zu einer Psychose geführt haben. Quelle: EF
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Göttingen

Mutmaßlich drei Schüsse wurden abgegeben, zwei trafen zwei Polizeibeamte ins Bein. Der Satz zeige, so der Psychiater Hendrik Faure als Zeuge, wie der Stoff, den der Angeklagte zuvor konsumiert hatte, die gefährliche Designerdroge „Cloud Nine“, dessen Denken verändert habe. Eine regelrechte Schuldumkehr.

So ähnlich, das machte die Verhandlung vor dem Göttinger Schwurgericht deutlich, hat sich der Angeklagte mehrfach geäußert. Als er in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht wurde, so ein Rettungsassistent, habe der 44-Jährige gesagt: „Die haben mich nicht telefonieren lassen.“ Deshalb habe er ihnen zeigen wollen, dass sie nicht so unvorsichtig Waffen tragen sollen.  Übereinstimmend berichten dieser Zeuge und der Psychiater eine weitere Angabe: „Ich hätte ihnen auch in den Kopf schießen können“, habe der Angeklagte gesagt.  Er habe aber „nur“ ins Bein geschossen.

Schüsse nur versehentlich losgegangen

Die Frage, ob er dabei auch Tötungsvorsatz gehabt hat, steht im Mittelpunkt der Verhandlung wegen versuchten Totschlags. Der Angeklagte selbst behauptet, sich einerseits nicht erinnern zu können, andererseits seien die Schüsse nur versehentlich losgegangen.

Dem trat ein Schusswaffensachverständiger des Landeskriminalamtes entgegen. Er hatte die Tatwaffe mitgebracht und ließ Richter und Anwälte damit –ohne Munition – einmal probeweise schießen. Das zeige, dass man schon die Finger am Abzug haben und mit einer Stärke von 3,1 Kilogramm Druck ausüben müsse, damit ein Schuss losgeht. Ansonsten gehe die P 2000 der Polizei nicht einmal beim Hinfallen von selbst los.

Methylendioxypyrovaleron – ein Teufelszeug

Sie wirken unscheinbar und ruhig, doch sie können explodieren. Mit urplötzlicher äußerster Aggression können Konsumenten der Modedroge MDPV (Methylendioxypyrovaleron) reagieren. Panikattacken,  Psychosen, absurdes Verhalten – das sind nicht selten die Folgen der Droge, die seit knapp zwei Jahren auch in Göttingen in der Drogenszene auftaucht und die hier unter „Cloud Nine“, „Magic“ oder „Peevee“ bekannt ist. Auch die Ärzte der Drogenambulanz der Asklepios-Klinik haben es immer wieder mit dem „Teufelszeug“ zu tun.

MDPV wurde einst in den USA als „Badesalz“ legal verkauft. Auch in Deutschland steht die Droge erst seit 26. Juli 2012 unter dem Verbot des Betäubungsmittelgesetzes. Dennoch kursiert die körnige bis pulverförmige weiße Substanz bei Amphetamin-Abhängigen. Der Stoff erhöht die Libido, wird also als Potenzmittel verwandt, führt zu hohem Blutdruck, Gefäßverengung, Schwitzen, hoher Wachsamkeit und geistiger Erregung.

Das MDPV mache zwar schnell süchtig, die Therapiechancen seien aber gut, weil Abhängige sofort begreifen, dass sie diesen Stoff mit allen Nebenwirkungen entweder gar nicht mehr nehmen oder so süchtig werden, dass sie daran zugrunde gehen, erklärt der forensische Psychiater  Hendrik Faure.